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Das weltweite vertikale Rennen

„Urbane Wälder“ aus Holzbauten statt Betondschungel? Geht es nach dem kanadischen Architekten Michael Green könnte Holz - der wohl ökologischste Baustoff - bald eine viel größere Rolle beim Bau von Hochhäusern spielen. Mit der Veröffentlichung seiner Studien will Green auch anderen Architekten seinen Forschungsstand sowie konkrete Pläne für ein 30-stöckiges Gebäude zur Verfügung stellen.

In dem 240-seitigen Dokument, das Green auf seiner Website als Open-Source-Paper frei verfügbar gemacht hat, finden sich neben seinen Berechnungen und Spezifikationen auch detaillierte Ausführungen zum Tallwood Tower, der in Vancouver gebaut werden soll. Doch das Ende der Fahnenstange sei damit nicht erreicht, so Green. „Ich glaube, wir können höher bauen als 30 Stockwerke“, träumt der Architekt. „Wir haben vor 100 Jahren mit dem Erforschen von Holz als Baustoff aufgehört, nun suchen wir nach neuen Möglichkeiten zum Einsatz des Materials.“

3D-generiertes Bild von einem Holzhochhaus

Michael Green Architecture

Geht es nach Architekt Michael Green, kann man bald auch aus Holzhäusern über die Dächer von Vancouver schauen

Green rechnet mit einem enorm großen Markt für seine Ideen, die vorgeschlagenen Lösungen hätten „das Potenzial, die Bauindustrie zu revolutionieren“, indem sie in Bezug auf Klimawandel, Verstädterung und den weltweiten Wohnungsbedarf auf die aktuellen Erfordernisse eingingen. Seine Argumente für den Holzbau sind großteils nicht neu: In vielen Ländern weltweit wächst mehr Holz nach, als jemals verbaut werden könnte, sowohl der Energieaufwand als auch die Schadstoffemissionen bei der Verarbeitung sind wesentlich geringer als bei anderen Baustoffe.

Traditionen als Inspiration für nachhaltigen Bau

Holzgebäude an sich sind alles andere als eine neue Erfindung. So finden sich in Japan 1.400 Jahre alte Holzpagoden, die teilweise bis zu 19 Stockwerke hoch sind und bis heute Bestand haben - und das in Gebieten, die aufgrund ihrer Erdbebenhäufigkeit und ihrer klimatischen Bedingungen alles andere als ideal dafür sind. Auch in anderen Ländern gibt es hohe Holzbauten, die mehrere Jahrhunderte alt sind.

3D-generiertes Bild von einem Zimmer in einem Holzhochhaus

Michael Green Architecture

Unterbrochen von Holzstützen sollen großzügige Glasflächen den Tallwood Tower zu einem besonders hellen Gebäude machen

Mit der Entwicklung moderner Holzbaustoffe feiert das Material schon seit einigen Jahren eine Renaissance im Bauwesen. Das derzeit höchste Massivholzgebäude Europas - das Stadthaus - steht in London und wurde 2009 fertiggestellt. Bei den Planungen des Londoner Architekturbüros Waugh Thistleton stand der Umweltgedanke an erster Stelle, gefertigt wurden sämtliche Holzteile von der steirischen Firma KHL.

Der 29,75 Meter hohe Wohnturm auf quadratischem Grundriss mit 17,5 Metern Seitenlänge besteht aus acht Geschoßen in Massivholzbauweise über einem in Stahlbeton errichteten Sockelgeschoß. Auch im Inneren des Gebäudes - vom Liftschacht bis zum Stiegenhaus - regiert das Holz.

Länderspezifische Regelungen

Bis auf Ausnahmen wie das Stadthaus blieb der Einsatz von Holz jedoch auf niedrige Häuser beschränkt - was sich vor allem durch die strengen Auflagen erklärt. Denn verglichen mit anderen Gebäuden werden Holzbauwerke gerne kritisch betrachtet, was die Brandsicherheit angeht. Während in Großbritannien wie auch in Neuseeland und Norwegen keine generellen Höhenbeschränkungen für Holzrahmenbauten existieren, gelten in anderen Ländern strengere Richtlinien - etwa in Russland, wo die Holzhäuser maximal drei Stockwerke hoch sein dürfen.

In Österreich dürfen Holzhochbauten eine Fußbodenoberkante (die Höhe des Bodens des letzten Stockwerks) von maximal 22 Metern aufweisen und fallen gemäß den Richtlinien des Österreichischen Institutes für Bautechnik (OIB) in die Gebäudeklasse 5. Das bedeutet unter anderem, dass die verwendeten Materialien einem Brand mindestens 90 Minuten lang standhalten müssen und die Baustoffe strengen Euro-Klassifizierungen entsprechen müssen.

Performance im Brandfall zu „emotional“ betrachtet?

Für die Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft proHolz Austria hat die kritische Einstufung von Holzbauweisen und die daraus resultierende Ablehnung oft „rein emotionale Gründe“. Weder nationale noch internationale Brandstatistiken würden die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen dem Holzanteil und der Anzahl von Brandfällen oder Schadenssummen zulassen, heißt es auf der Website von proHolz Austria.

Im Gegenteil, in der Gesamtbetrachtung seien Holzhäuser „mitunter im Brandfall positiver zu beurteilen als Konstruktionen aus nicht brennbaren Baustoffen“, da die Brennbarkeit nicht das einzige Kriterium für den Brandwiderstand einer Konstruktion sei.

Prestigeprojekt in Dornbirn

Auch laut der Firma Cree GmbH, dem Bauträger des österreichischen Holzhochbau-Prestigeprojekts LifeCycle Tower (LCT One) in Dornbirn, sind die österreichischen Auflagen im internationalen Vergleich besonders streng. Mitte November wrude der insgesamt 27 Meter hohe LCT One - das ersten modulare Holz-Hybrid-Hochhauses der Welt eröffnet. Statt der geplanten 30 wurde das Gebäude jedoch nur acht Stockwerke hoch.

LCT ONE Fassade

Thomas Knapp

Statt der geplanten 30 Stockwerke wird der LCT One aufgrund strenger Vorschriften in Österreich nur acht Stockwerke hoch werden

Gemeinsam mit Rhomberg Bau, dem Vorarlberger Architekten Hermann Kaufmann und der oberösterreichischen Holzbaufirma Wiehag wurde seit 2009 an dem Projekt geplant, das wegen seiner hohe Energieeffizienz und CO2-Bilanz (sowohl beim Bau als auch im Betrieb) in Greens Tallwood-Studie als „weltweit einzigartig“ und „nahe am ultimativen ‚grünen‘ Gebäude“ bezeichnet wird.

Städte aus Holz als Zukunftsmodell?

Trotz der Fortschritte und eines weltweiten regelrechten vertikalen Rennens im Holzhochbau gibt Green zu bedenken, dass es noch zahlreiche Punkte gibt, die Architekten und Bauträger noch lange beschäftigen werden. Doch sollte sich sein Konzept in Vancouver bewähren und sich die Tallwood-Pläne als serientauglich entpuppen, dann stünde Städten aus Holz nicht mehr viel entgegen, so der Architekt.

Sophia Felbermair, ORF.at

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