Themenüberblick

Attentäter spielt Katz-und-Maus-Spiel

Die Belagerung des Hauses in Toulouse, in dem sich jener Radikalislamist verschanzt hat, der dort seit 11. März drei jüdische Kinder, einen jüdischen Lehrer und drei Soldaten nordafrikanischer Herkunft getötet hat, dauert an. Der Täter hatte in Aussicht gestellt, sich am Nachmittag zu ergeben, später jedoch für Stunden jede Kommunikation mit der Polizei eingestellt.

Am frühen Nachmittag hieß es seitens der Exekutive, der Attentäter sei wieder mit den Beamten in Verbindung getreten. Die Polizei konnte das Haus in der südfranzösischen Stadt zuvor evakuieren, nachdem der Täter sein Einverständnis dazu gegeben hatte. Die Bewohner, die seit Beginn der Polizeiaktion am Mittwoch um 3.00 Uhr in ihren Wohnungen festgesessen waren, werden nun psychologisch betreut. Zuvor hatte die französische Polizeieliteeinheit RAID stundenlang mit dem Mann durch die Wohnungstür verhandelt.

Auch Familienmitglieder verhaftet

Bei den Gesprächen gab der 23-jährige Franzose algerischer Abstammung an, er gehöre zum Terrornetzwerk Al-Kaida und habe mit seinen Taten palästinensische Kinder rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollen. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hatte den mutmaßlichen Serienattentäter von Toulouse jahrelang beobachtet. Er hatte sich in der Vergangenheit in Pakistan und Afghanistan aufgehalten, wo er offenbar auch inhaftiert war.

Sonderkommando beim Haus in Toulouse, in dem der mutmaßliche Attentäter sich verschanzt hatAP/Remy de la MauvinereEinsatzkräfte in Toulouse

Es sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Innenminister Claude Gueant. Unklar ist, inwieweit der Mann allein für die Morde verantwortlich ist. Es habe mehrere Festnahmen gegeben, bestätigte Gueant. Darunter seien auch die beiden Schwestern und Brüder des Mannes sowie die Mutter. Einer der Brüder sympathisiere wie der Verdächtige mit den extremistischen Salafisten.

„Er hat weitere Waffen“

Der Mann hatte in der Früh eine Waffe, bei der es sich nach Angaben des Innenministers um einen Colt handelt, gegen ein Telefon getauscht. Bei der Faustfeuerwaffe könnte es sich um die Tatwaffe handeln. Der Verdächtige habe über ein Waffenarsenal verfügt, unter anderem in einem nahe der Wohnung geparkten Auto, so Gueant. „Diese Waffen wurden entdeckt. Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow, eine Uzi und diverse (andere, Anm.) Feuerwaffen.“

Täter soll lebend gefasst werden

Präsident Nicolas Sarkozy bestätigte in einer öffentlichen Erklärung, dass der 23-Jährige als Serienmörder von Toulouse identifiziert sei. Nach einer Unterredung mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften betonte er, es werde alles getan, damit er sich vor der Justiz verantwortet. Bereits zuvor hatte Gueant gegenüber seinen Einsatzkräften die Order ausgegeben, den Täter lebend zu fassen, damit er sich vor Gericht verantworten müsse.

Karte ToulouseGoogle Earth (Montage)Die Wohnung des mutmaßlichen Täters liegt in unmittelbarer Nähe von zwei der drei Tatorte

Auch aus dem Grund, dass ein möglicher Selbstmord des Mannes - allenfalls auch mit einer Bombe - nicht ausgeschlossen werden konnte, sah die Polizei vorerst von einer Erstürmung des Hauses ab. An der Gewaltbereitschaft des Mannes besteht kein Zweifel. Als die Polizeiaktion in der Nacht begonnen hatte, eröffnete er sofort das Feuer auf die Einsatzkräfte und verletzte dabei zwei Polizisten.

Sarkozy mahnt, Le Pen sieht sich bestätigt

Sarkozy betonte in seiner Erklärung, der Terrorismus werde „unsere nationale Gemeinschaft nicht zerbrechen“. Er warnte vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus. Er wollte am Nachmittag nach Toulouse reisen. In anderen ersten Reaktionen zeigten sich vor allem Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft erleichtert darüber, dass der Täter offensichtlich identifiziert wurde.

Die Vorsitzende der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, betonte wiederum in einem Radiointerview, dass „das fundamentalistische Risiko in unserem Land“ unterschätzt worden sei. Der Rektor der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur, sagte jedoch, dass man die islamische Religion und extremistische Fanatiker wie den mutmaßlichen Serientäter von Toulouse nicht in einen Topf werfen dürfe.

Mordserie seit 11. März

Der mutmaßliche Attentäter hatte Montagfrüh vor der jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Lehrer erschossen. Am Donnerstag zuvor hatte in Montauban, 50 Kilometer von Toulouse entfernt, offenbar derselbe Täter zwei Fallschirmjäger erschossen. Bei seinem ersten Angriff am 11. März hatte der Täter in Toulouse einen Fallschirmjäger in Zivil getötet. Alle drei Soldaten waren nordafrikanischer Abstammung. Der Täter trug immer einen Motorradhelm und blieb deshalb unerkannt.

Links:

Publiziert am 21.03.2012