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„Nicht gerade demokratisches Urgestein“

Die Begeisterung steht den Leuten im Dorf Kawhmu ins Gesicht geschrieben. Burmas berühmteste Dissidentin Aung San Suu Kyi tritt am 1. April bei Nachwahlen zum Parlament an und sie hat sich dieses unscheinbare arme Dorf eineinhalb Autostunden südwestlich der Hafenmetropole Rangun als Wahlkreis ausgesucht.

„So eine zierliche Frau und so viel Energie“, schwärmt der Besitzer der größten Teestube an der einzigen Asphaltstraße im sonst staubigen Dorfkern. Der Uhrmacher im Markt hat einen großen Aufkleber an der Vitrine: ein angreifender Pfau auf rotem Grund, das Abzeichen von Suu Kyis Partei Nationalliga für Demokratie (NLD). Er macht mit der Hand das Victory-Zeichen: „Die Lady“, wie Suu Kyi im ganzen Land heißt, wird siegen.

Suu Kyi als Merchandising-Objekt

„Hier hat kein anderer Kandidat eine Chance“, sagt der Friseur. „Der 1. April wird ein großer Tag für uns“, sagt ein Verkäufer, der Betelnuss mit Kautabak am Straßenrand anbietet. „Sie wird unser Leben und das aller anderen Menschen im ganzen Land verbessern.“ Taxifahrer Thaung Tin ist eine wandelnde Reklametafel für Suu Kyi: auf dem T-Shirt ihr Foto, daneben eine Anstecknadel, auf der Haube das NLD-Abzeichen.

Ein Mann verkauft Fotos von Suu Kyi

Reuters/ Soe Zeya Tun

Devotionalien von Suu Kyi und ihrem Vater, dem Volkshelden General Aung San

Er war vom ersten Moment 1988 Parteimitglied, sagt er. „Uns rennen die Leute die Türen ein. Die Beitrittsformulare sind ausgegangen, wir kommen mit dem Drucken nicht nach.“ Alles dreht sich bei dieser Wahl um eine Frau. Suu Kyi beim Wahlkampf in allen Landesteilen auf Titelblättern, Suu Kyi auf Kalendern im Markt, auf Postern in Shops. T-Shirts mit ihrem Konterfei für 2.000 Kyat - keine zwei Euro - gehen weg wie warme Semmeln, an der Fahrradrikscha, am Betelnussstand, im Telefonladen - überall prangen Aufkleber ihrer Partei.

„Beratungsresistent“, unnahbar, undemokratisch?

Man könnte meinen, die Dissidentin trete als Kandidatin für das Präsidentenamt an, dabei bewirbt sie sich nur um einen von 40 Sitzen, die in der Hauptparlamentskammer mit 440 Abgeordneten vakant sind. Acht weitere Sitze sind in anderen Kammern zu besetzen. Ihre Partei bliebe auch bei bestem Abschneiden eine verschwindend kleine Opposition. Und nicht alle finden den Personenkult um Suu Kyi gut.

Zwar zollt ihr jeder Respekt für ihren kompromisslosen Widerstand gegen die Militärmacht mit 15 Jahren Hausarrest. Ob sie das Land aber nun im Alleingang in die erhoffte rosige Zukunft führen kann, wagt mancher zu bezweifeln.

Aung San Suu Kyi wird in einem offenen Auto beim Sonnenuntergang von vielen Unterstüztern umringt

AP/Altaf Qadri

Suu Kyis Wahlkampfkonvoi Ende Februar

Die Philosophieabsolventin der Oxford-Universität habe etwas Elitäres, sagen streitbare Weggefährten. Als Teamspielerin gilt sie nicht. „Beratungsresistent“ sagt eine Dissidentin, die im Gefängnis saß und in den 90er Jahren eng mit Suu Kyi zusammengearbeitet hat. „Sie ist nicht gerade ein demokratisches Urgestein“, sagt ein Diplomat. „Gespräche mit ihr haben die Aura einer Audienz.“

Eine Person als Parteiprogramm

„Die ganze Partei ist auf ‚die Lady‘ fokussiert“, sagt der Chefredakteur der Zeitung „The Voice“, Kyaw Min Swe. „Die Partei ist wie eine Schlange, Suu Kyi ihr Kopf. Wenn der Kopf in die Zange genommen wird, passiert nichts mehr.“ So sei es gewesen, als Suu Kyi unter Hausarrest war: Es gebe kaum Nachwuchskräfte. Wähler fragen immer wieder nach konkreten programmatischen Ideen der NLD. „Wir wünschen uns alle, dass sie mehr mit den anderen demokratischen Parteien spricht“, sagt der Chefredakteur.

„Dass die NLD die Wahlen im November 2010 boykottiert hat, war ein Riesenfehler“, sagt Nyo Nyo Thinn, Abgeordnete der kleinen Demokratischen Partei Myanmar im Regionalparlament der Region Rangun. „Deshalb haben sich viele kleinere demokratische Parteien gebildet. Wenn die Partei angetreten wäre, wäre das demokratische Lager jetzt nicht so zersplittert.“

Die Ärztin und Schriftstellerin Ma Thida, die einst wegen Unterstützung der NLD fünf Jahre im Gefängnis saß, sieht es versöhnlicher. „Wir mögen unsere Vorbehalte haben, aber geben wir Suu Kyi eine Chance. Sie ist eine Galionsfigur, wer weiß, wie lange der Rummel um sie noch anhält. Solange die Aufmerksamkeit ihr gilt, wird die Regierung um sie nicht herumkommen. Sie hat die Chance, etwas zu bewegen.“

Kristina Rich, dpa

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