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Die Nachwirkung des Abenteuerpapstes

Nur Agatha Christie und Joanne K. Rowling haben als Romanschriftsteller mehr Bücher verkauft als er. Karl May war ebenso Dieb, Betrüger und Hochstapler wie Genie der Fabulierkunst, bienenfleißiger Arbeiter und begnadeter Selbstvermarkter. Für jeden Biografen ist so ein Leben eine Herausforderung.

Im Vorgriff auf den 100. Todestag des Schriftstellers am 30. März 2012 haben zwei Autoren einen neuen Versuch gewagt. „Karl May oder die Macht der Phantasie“ heißt die Biografie des Literaturwissenschaftlers Helmut Schmiedt, „Karl May. Untertan, Hochstapler, Mensch“ hat der Kulturjournalist Rüdiger Schaper sein Werk genannt. Beide Bücher zeichnen nicht nur Karl Mays mehr als abenteuerliches Leben nach, sondern sie beschäftigen sich auch mit seiner Nachwirkung, die ein mindestens ebenso interessantes Kapitel darstellt.

Politisch vereinnahmt

Denn seit jeher musste Karl May im Auf und Ab der deutschen Geschichte für alle möglichen Ideologien herhalten. Warfen ihm einige „Verherrlichung der Rassenmischung“ vor, so war er bei anderen als „Propagandist des Imperialismus“ verschrien. Entsprechend dem Zeitgeist, aber auch aus rein kommerziellen Gründen wurden Mays Bücher immer wieder verändert, geglättet, gekürzt.

So zieht Schmiedt nicht zu Unrecht das Fazit, dass die meisten Leser, ohne es zu wissen, Texte gelesen haben, die „bei nur halbwegs skrupulöser Betrachtung gar nicht als von ihm verfasst gelten können“.

Buchhinweise

Buchcover der May-Biografie "Karl May: oder Die Macht der Phantasie" von Helmut Schmiedt

C.H. Beck Verlag

Helmut Schmiedt: Karl May oder die Macht der Phantasie. Eine Biographie. C.H. Beck, 366 Seiten, 23,60 Euro.

Buchcover von Rüdiger Schapers Werk "Karl May. Untertan, Hochstapler, Mensch"

Siedler Verlag

Rüdiger Schaper: Karl May. Untertan, Hochstapler, Mensch. Siedler Verlag, 240 Seiten, 20,60 Euro.

Als Betrüger entlarvt

Wie ein Mann aus ärmsten Verhältnissen ins Kleinkriminellenmilieu abrutscht und nach mehrjähriger Haftstrafe zu einem gefeierten Bestsellerseller-Autor aufsteigt, das allein ist Stoff für einen Roman. Eine andere Geschichte ist, wie Karl May auf dem Gipfelpunkt seines Ruhms selbst in die Rolle seines Helden Old Shatterhand schlüpft und seiner begeisterten Leserschaft vorgaukelt, alle jene von ihm beschriebenen Abenteuer höchstpersönlich erlebt, alle exotischen Schauplätze selbst bereist zu haben. Dabei war er in Wahrheit erst im Alter aus Sachsen herausgekommen. Am Ende wird er samt seiner kriminellen Vergangenheit entlarvt und muss sich peinlicher Prozesse erwehren.

Schmiedt erkennt hinter dem Imponiergehabe Mays eine narzisstische Identitätsstörung. May habe am Ende tatsächlich nicht mehr zwischen Wahrheit und Erfindung unterscheiden können. Anders ist auch kaum zu erklären, warum der Schriftsteller immer wieder mühsam errungene Erfolge durch riskante und unnötige Lügen und Hochstapelei in Gefahr brachte. Diese Spur lässt sich weit zurückverfolgen. Selbst hinter seinen teilweise bizarren jugendlichen Betrügereien erkennt man schon den großen Fabulierer Karl May.

Collagen aus Infobruchstücken

Überraschend ist ein anderer Aspekt, der sich bei der Lektüre beider Biografien ergibt. Karl May war in mehrfacher Hinsicht sehr modern und würde bestens in den heutigen aufgeregten Literaturbetrieb passen. Er war ein großes Marketingtalent, zog alle Register der Reklame, die ihm zu jener Zeit zur Verfügung standen und wusste sich auch auf Massenveranstaltungen fast wie ein Popstar in Szene zu setzen. Nur wenige Autoren damals dürften sich bei der Fanbetreuung so ins Zeug gelegt haben wie er.

Modern wirkt auch die Art, wie er in seine Bücher Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen einarbeitete, und zwar so geschickt, dass man sie für Augenzeugenberichte hielt. Heute wäre er sicher ein fleißiger Nutzer des Internets. Karl May wusste übrigens auch schon, wie schmuckvoll ein (falscher) Doktortitel ist.

Persönlicher Zugang zu Karl May

Beide Biografien sind eine unterhaltsame und spannende Lektüre für alle Karl-May-Fans. Helmut Schmiedt, der auch stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft ist, geht das Ganze vielleicht etwas analytischer an, dafür hat Schaper einen sehr persönlichen Zugang zum Thema gefunden. Wenn er beschreibt, wie er Winnetou und Old Shatterhand als Bub zum ersten Mal im Kino erlebte, fühlt sich jeder gleich in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Sibylle Peine, dpa

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