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Im Bewusstseinsstrom der Stadt

Im digitalen Zeitalter hat die Street-Photography, die Jagd nach dem besonderen Augenblick auf den Straßen der Metropolen, einen starken Aufschwung genommen. Die Mitglieder der Gruppe Seconds2Real verbinden mit ihrer Arbeit seit 2007 die Lebenswelten Stadt und Internet.

Street-Photography ist eine unbestimmte Tätigkeit. Sogar ihre berühmtesten Praktiker haben damit ein Problem. „Ich hasse diesen Ausdruck“, sagte Garry Winogrand 1982 dem deutschen Filmemacher Michael Engler. „Ich finde ihn dumm - ‚Street-Photography‘. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas aussagt über einen Fotografen und seine Arbeit.“

Straßenszene von Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Vielleicht erlebt diese Art der Fotografie jetzt auch gerade deshalb eine Renaissance, in diesen unbestimmten Zeiten. „Ich weiß nicht, was ich mache, wenn es funktioniert“, sagt Alexander Magedler, Mitglied der Straßenfotografiegruppe Seconds2Real, „ich weiß aber auch nicht, was ich mache, wenn es nicht funktioniert.“ Seit zwölf Jahren betreibt Magedler Street-Photography. „Intensiv“, sagt er.

Intensives Leben

Intensität ist ein wichtiger Begriff in der Welt der Street-Photography. Als Garry Winogrand 1984 starb, hinterließ er rund 2.500 unentwickelte Kleinbildfilmpatronen. „Für mich ist das Fotografieren identitätsstiftend“, sagt Friedrich Schiller, ein weiteres Wiener Mitglied von Seconds2Real, „ich weiß genau, wann ich ein bestimmtes Foto gemacht habe, zu welchem Zeitpunkt, mit welcher Kamera, wie es gerochen hat. Das finde ich wichtig und interessant. Wenn ich in mein Archiv gehe, dann weiß ich noch alles, was da passiert ist - wenn das Foto gut war.“

Ausstellungshinweis

Die Gruppe Seconds2Real stellt von 31. März bis 13. April aktuelle Werke in der Wiener Galerie Anzenberger aus.

„Früher bin ich fotografieren gegangen“, sekundiert Magedler, „jetzt fotografiere ich, wenn ich gehe.“ Auch für Kay von Aspern, einem aus Norddeutschland nach Wien gezogenen Seconds2Real-Fotografen, ist das flanierende Suchen Kern des Wesens der Street-Photography: „Für mich ist der Weg zum Bild mit Abstand das Wichtigste. Also das Losgehen und Fotosmachen. Das Ergebnis ist mir nicht ganz so wichtig.“

Veränderte Wahrnehmung

Die Streifzüge durch die Stadt verändern die Wahrnehmung des Fotografen. „Der Blick schärft sich“, sagt Magedler, „man sieht irgendwann mehr als Leute, die diese Art der Fotografie nicht betreiben.“ Aber: Was sieht der Street-Photographer genau? Worauf stellt er seine Sinne ein, was macht ein gelungenes Foto aus? „Ein gutes Street-Foto ist ein Bild, das eine spezielle Situation beinhaltet“, so Von Aspern, „eine Situation, in der man merkt, dass der Fotograf es geschafft hat, innerhalb eines Sekundenbruchteils etwas ganz Besonderes festzuhalten, was andere Leute so nicht gesehen hätten.“

Alexander MagedlerORF.at/Günter HackAlexander Magedler

Magedler wirft ein: „Andere haben es vielleicht gesehen, aber sie haben eben das Foto nicht gemacht. Dieser Ausschnitt, den der Fotograf gesehen hat, ist spurlos an ihnen vorübergegangen. Sie haben das Besondere nicht erkannt.“

„In einem guten Foto kommen sehr viele Elemente zusammen“, sagt Schiller. Von Aspern bestätigt: „Es gibt viele Aspekte. Ein schönes Licht, ein bestimmter Schatten. Etwas Dramatisches. Sachen, die zusammenspielen. Bildelemente, die miteinander kommunizieren.“

Der „Universal-Moment“

„Der Magnum-Fotograf David Alan Harvey hat einmal den Begriff des ‚Universal-Moments‘ geprägt“, wirft Alexander Magedler ein, „das ist für ihn ein Bild, das unabhängig vom kulturellen Hintergrund des Menschen wirkt. Ob man das jetzt einem Inuit zeigt oder einem Bewohner Zentralafrikas - wenn er das Bild sieht, dann weiß er, worum es geht.“

Schon unter den elf Mitgliedern der 2007 gegründeten Street-Photography-Gruppe ist das Spektrum an Techniken und Arbeitsweisen breit gestreut. Während Schiller am liebsten mit klassischen Apparaten analog in Schwarz-Weiß fotografiert, bevorzugen Magedler und Von Aspern Digitalkameras, auch wenn für Magedler das digitale Bild immer nur provisorischen Charakter hat. Gültig sei nur der fertige Print, sagt er.

Straßenszene von Siegfried HansenSiegfried Hansen

Spiel mit der Mustererkennung

Auch die visuellen Strategien und die Mustererkennung unterscheiden sich unter den Fotografen stark. Harte Schlagschatten dramatisieren im Werk von Elisabeth Schuh das Geschehen. Von Aspern bleibt nah an den menschlichen - und tierischen - Akteuren, während bei Siegfried Hansen die Passanten als stilisierte grafische Objekte mit der Stadtmöblierung zu präzise isolierten Mustern verschränkt werden.

Die Urahnen der Street-Photography sahen sich zuerst als Bildjournalisten, sie nutzten in der Zwischenkriegszeit die Möglichkeiten neuer kompakter Kameras mit lichtstarken Objektiven wie der Ermanox oder der Leica: Erich Salomon, Henri Cartier-Bresson, Andre Kertesz. Den radikal subjektiven Blick führte der 1947 in die USA ausgewanderte Schweizer Robert Frank in die Street-Tradition ein. In dessen Nachfolge sah sich auch Garry Winogrand, dessen Credo „Ich fotografiere, weil ich wissen möchte, wie etwas aussieht, wenn es fotografiert worden ist“ im Kreis der Seconds2Real-Fotografen spontan mehr Zustimmung findet als das Etikett „Kunst“.

Kay von Aspern mit RolleiflexORF.at/Günter HackKay von Aspern

Kunst der Dokumentation

„Fotografie ist Fotografie. Ich fühle mich nicht als Künstler“, gibt Von Aspern zu Protokoll. Für Magedler steht der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Friedrich Schiller setzt in seiner Argumentation an anderer Stelle an: „Es kann schon Kunst sein, aber die Kunst liegt dann mehr in der Auswahl, in der Zusammenstellung. Man kann aus jedem Portfolio eine Kunstserie machen, wenn man einen guten Kritiker dabei hat.“

Friedrich SchillerORF.at/Günter HackFriedrich Schiller

Magedler, Schiller und Von Aspern fanden erste Inspiration bei Cartier-Bresson, einem der Gründerväter der modernen Reportagefotografie. Von ihm übernahmen sie auch die wichtigste Gewohnheit des Street-Fotografen: Die Kamera muss immer dabei sein. Welche, ist dabei egal. Magedler hat seine digitale Spiegelreflex dabei, Von Aspern eine digitale Messsucherkamera und Schiller seine zweiäugige Rolleiflex. „Ich arbeite aber auch mit einer Handykamera, das ist für mich ein Werkzeug wie jedes andere“, sagt Magedler.

Das iPhone als Werkzeug

„Natalie Opocensky zeigt in unserer neuen Ausstellung nur iPhone-Fotos“, ergänzt Von Aspern, „der Einsatz von Handykameras ist anfangs belächelt worden, weil viele sich das nicht eingestehen wollten, dass man mit dem Handy auch schöne Fotos machen kann, aber mittlerweile ist es akzeptiert.“

Die Rolleiflex von Friedrich SchillerORF.at/Günter HackFriedrich Schillers Rolleiflex

Auch etablierte Fotografen wie der US-Amerikaner Joel Sternfeld verwenden in ihren Projekten wie „iDubai“ Handykameras, auch um in restriktivem Umfeld mehr Freiheitsgrade zu haben. Die Seconds2Real-Mitglieder nehmen über ihre internationalen Kontakte auch die zunehmenden Verschärfungen gegen das Fotografieren in der Öffentlichkeit sogar in traditionell liberalen Staaten wie den USA oder Großbritannien wahr.

Rechtliche Grauzone

In Deutschland und Österreich, wo das „Recht am eigenen Bild“ gilt, arbeiten Street-Fotografen ohnehin in einer rechtlichen Grauzone. Schlechte Erfahrungen mit aggressiven Zeitgenossen machen die Seconds2Real-Leute bei ihren Fotowanderungen durch die Stadt aber nur selten. „Das Thema wird aufgebauscht“, sagt Von Aspern, „ich kenne Hunderte Street-Fotografen, und mir ist gerade einmal ein einziger Fall bekannt, der leichte Probleme hatte.“

Die Fotografen zeigen ihre Geräte offen, und wenn sich jemand durch sie gestört fühlt, können sie die Probleme meist im Dialog ausräumen. Verstecktes Fotografieren lehnen sie ab. Von Aspern: „Ein guter Street-Fotograf entwickelt auch ein Gespür dafür, wo er ein Foto machen kann und wo er es mal sein lässt.“

Zweifel im Auswahlprozess

Zuweilen kommen die Zweifel erst im Auswahlprozess. „Manchmal macht man auch Fotos, bei denen man dann hinterher feststellt, dass man sie nicht veröffentlichen sollte“, so Von Aspern, „das ist wichtig. Ich fotografiere in anderen Städten nicht anders als in Wien.“

Einige klassische Street-Fotografen wie Winogrand und Saul Leiter waren nicht so mobil wie Cartier-Bresson, sie haben lange nur in einer bestimmten Stadt gearbeitet. Das hat seine Gründe, sagt Von Aspern: „Wenn ich in London bin, dann brauch ich erst mal drei Tage, um mich zu akklimatisieren. Da passiert so viel, dass ich zuerst gar nichts sehe. Ich bin dann wirklich blind, obwohl um mich herum das Leben tobt. Ich kann da keine Bilder machen. Ich muss mich langweilen in einer Stadt, damit ich sie gut kenne. Dann fallen mir die Besonderheiten wieder auf. Es ist zwar schön, woanders zu sein, aber fotografisch ist es eine Katastrophe.“

Digital und analog

Das Netz ist für die Mitglieder von Seconds2Real ein wichtiges Werkzeug. Man hält einander über Projekte am Laufenden, plant die Treffen. „Wichtig ist der Kontakt unter den Leuten, dass man die wirklich kennt, dass keiner nur eine Mail-Adresse bleibt“, sagt Von Aspern.

Dann zieht er wieder los, die Kamera am Gurt über die Schulter, hinaus auf die Straße. Trotz aller digitaler Tools: Die nackte Realität, das Motiv des Street-Fotografen, bleibt analog. So durchdringen sich über die alte Praxis der Street-Photography die Lebenswelten der Menschen und ihre Spuren im Netz.

Günter Hack, ORF.at

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Publiziert am 28.03.2012