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Ruf nach flexibleren Modellen
Salcher verweist in seinem neuen Buch „Ich habe es nicht gewusst“ darauf, dass Kinder zwischen sechs und zehn Jahre ab 9.00 Uhr leistungsfähiger seien. Gerade wenn das erste Fach am Tag Mathematik ist, würden sich die Kinder nur unzureichend konzentrieren können. Damit greift er eine alte Forderung der Grünen auf, die sich schon vor mehreren Jahren für einen späteren Schulstart ausgesprochen hatten, da das dem Schlafrhythmus der Kinder eher entspreche.
Betreuung bereits ab 8.00 Uhr
Doch wurde diese Idee bisher als undurchführbar abgelehnt, da berufstätige Eltern für die Zeit von 8.00 bis 9.00 Uhr eine Kinderbetreuung finden müssten. Salcher will jedoch, dass die Schulen weiter um 8.00 Uhr aufsperren, nur der Unterricht sollte erst eine Stunde später beginnen. Dadurch würde der Unterricht aber automatisch länger dauern, was wiederum Probleme mit der Mittagsbetreuung aufwirft.
Lehrervertreter nicht abgeneigt
Trotz dieser organisatorischen Unklarheiten zeigte sich die Gewerkschaft der Pflichtschullehrer nicht grundsätzlich abgeneigt von der Idee. Pflichtschullehrer-Gewerkschaftschef Paul Klimberger sagte gegenüber Ö3, dass er die Idee für sinnvoll halte. Das Problem, das für berufstätige Eltern auftauchen könnte, will Klimberger durch einen völlig neuen Ansatz lösen. Nicht die Schulen sollen sich anpassen, sondern das Berufsleben gehöre von Grund auf verändert.
ORF.at/Carina KainzKinder im Volksschulalter brauchen zehn, elf Stunden SchlafPflichtschullehrergewerkschafter Thomas Bulant (FSG) sieht in dem Argument „durchaus seine Richtigkeit“ - „aber nur in einem Ganztagsschulsystem, wo Unterricht, Freizeit und Förderelemente den ganzen Tag vermischt werden“. Dass man im österreichischen System „die sechs Vormittagsstunden nach hinten verschiebt und die Schüler etwa erst um 15.00 Uhr mittagessen“, hält er nicht für zielführend.
„Gleitzeitmodell für Eltern“ gefordert
Auch der Verein der Kinderfreunde ist überzeugt, dass ein späterer Unterrichtsbeginn einen positiven Lerneffekt hätte. „Es gibt genügend Studien, die solche Effekte belegen“, sagte Jürgen Wutzlhofer, Bundesgeschäftsführer der Kinderfreunde. Aber Wutzlhofer betont, dass ein späterer Unterrichtsbeginn nicht bedeuten darf, „dass die Kinder später in die Schule gehen“. Vielmehr müsse ein Modell mit lockeren Einstiegsphasen angedacht werden, damit alle Kinder auf ein gleiches Aufmerksamkeitslevel gebracht werden können.
Eine Flexibilisierung der Schulzeiten sei jedoch auch eine Herausforderung für die Wirtschaft, so Wutzelhofer. „Um den Start in den Tag für Kinder und Jugendliche besser zu gestalten und ihnen das Lernen zu erleichtern, müssen auch die Arbeitszeitmodelle für Eltern flexibler werden. Das bedeutet mehr Toleranz für späteren Arbeitsbeginn oder Gleitzeitmodelle für Eltern, wo das möglich ist“, fordern die Kinderfreunde.
Zustimmung für Salchers Vorschlag kommt auch aus Niederösterreich: Landesschulratspräsident Hermann Helm fordert zusätzlich, dass das Schulzeitgesetz geändert wird - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.
Früher Beginn ein „Bobo-Thema“?
Ein „klaren Nein“ kommt hingegen von Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ). Die derzeitige Tendenz gehe aufgrund des frühen Arbeitsbeginns der meisten Eltern in die andere Richtung, ein späterer Unterrichtsbeginn sei dementsprechend ein „Bobo-Thema“. „Die Frühaufsicht von 7.00 bis 8.00 Uhr wird sehr in Anspruch genommen“, so Brandsteidl am Rande einer Pressekonferenz, „mit späterem Unterrichtsbeginn wäre der Zeitraum zur Überbrückung noch größer“.
Halbe Stunde hilft
Schon im Vorjahr kam eine US-Studie zum Ergebnis: Eine halbe Stunde mehr Schlaf macht Schüler fitter - mehr dazu in science.ORF.at.
Auch das Argument der besseren Leistungsfähigkeit zu späterer Stunde lasse sie „als Mutter eines 16-Jährigen“, bei dem auch ein Unterrichtsbeginn um 10.00 Uhr keinen Unterschied machen würde, nicht gelten. Aus dem Unterrichtsministerium heißt es gegenüber der APA, dass ein derartiger Vorschlag „zuerst im Kreis der Schulpartner zu diskutieren ist“. Solange sich Eltern, Lehrer und Schüler nicht einigen und die Voraussetzungen auf sozialpartnerschaftlicher Ebene bezüglich des Arbeitsbeginns der Eltern nicht gegeben seien, werde es keine entsprechende Vorlage des Ministeriums dazu geben.
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Publiziert am 29.03.2012