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Müllberge als „Arbeitsplatz“
„Ich mach das, seit ich acht bin“, sagt der Jüngere. Er hat außer dem Bruder noch sechs weitere Geschwister. Viel kommt nicht zusammen, aber ohne das wäre die Familie aufgeschmissen. „Wir können bis 400 Pesos am Tag schaffen“, sagt er. Das sind umgerechnet 6,30 Euro. „Wir machen halbe-Halbe. Ich gebe meiner Mutter 150 Pesos, und die restlichen 50 gehen in die Spardose, für Schulausgaben.“
Dass der Zwölfjährige überhaupt zur Schule kann, verdankt er der ERDA-Stiftung, die sich um Kinder kümmert, die mitarbeiten müssen. Der Bub ist dünn wie eine Bohnenstange. Früher sei ihm ständig schlecht geworden, sagt er. Seit zwei Jahren geht es besser. „Ich habe mich wohl an den Dreck und die Bakterien gewöhnt“, sagt er.
Vier Millionen Kinder arbeiten auf Philippinen
Rund vier Millionen Kinder auf den Philippinen arbeiten, fand die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) heraus. Gut die Hälfte davon unter Lebensgefahr. Mülldurchsuchen gehört dazu, weil die Kinder in Abfällen mit Glas, Medikamenten, faulen Essensresten und manchmal auch Exkrementen herumstochern. Kinder arbeiten auch in Steinbrüchen, in der Landwirtschaft, auf Fischerkähnen, als Hausmädchen oder werden als Prostituierte missbraucht. Die ILO-Untersuchung ist schon zehn Jahre alt, und das Problem dürfte sich noch verschärft haben, sagt ILO-Mitarbeiter Jesus Macasil.
„Die meisten Kinder werden von ihren oft arbeitslosen Eltern zum Arbeiten gedrängt“, sagt er. In der Provinz Palawan sind schon mal ILO-Mitarbeiter von wütenden Eltern fast angegriffen worden, weil sie verhindert hatten, dass Kinder zum Hochseefischen hinausfahren. In der Provinz Negros Oriental hätten Eltern fast eine Plantage abgebrannt, weil der Besitzer keine Kinder beschäftigt, sagt Macasil.
Regierung will „Ursachen bekämpfen“
Die Regierung hat eine neue Initiative gestartet. Die Vorsteher der 42.000 Dörfer sind direkt in die Pflicht genommen, das Verbot von Kinderarbeit durchzusetzen und stattdessen die Erwachsenen zur Arbeit anzuhalten. „Wir müssen die Ursachen bekämpfen: die Armut und die bisherige Straflosigkeit - Leute, die Kinder illegal beschäftigen“, sagt Arbeitsministerin Rosalinda Baldoz. Die nötigen Gesetze sind da. Nur hapert es an der Überwachung. „Manche Beamte finden, dass Kinderarbeit einfach normal ist und sehen das nicht als Problem an“, sagt Miriam Pascaran von der ERDA-Stiftung.
Die Regierung zahlt den 2,3 Millionen ärmsten Familien inzwischen im Monat 800 Pesos - unter der Voraussetzung, dass sie ihre Kinder zur Schule gehen lassen. „Noch besser wäre es, wenn die Regierung auch dafür sorgt, dass die Eltern Arbeit finden“, sagt Pascaran.
Der Traum von der Schule
Bei den Mercados reicht es trotzdem hinten und vorne nicht. Deshalb sind Enrico und sein Bruder unterwegs. Das Leben sei hart, sagt er. Oft machen sich die vielen Müllsucher die Funde streitig, dann gibt es handfeste Auseinandersetzungen. Streunende Hunde sind ein anderes Problem. Ein paar Mal ist Enrico schon fast festgenommen worden, weil die Polizei dachte, er wollte klauen.
„Mein größter Traum ist es, die Schule fertig zu machen und dann Matrose zu werden“, sagt Enrico. „Dann würde ich genug verdienen und meine Schwestern und Brüder bräuchten nicht auch im Müll herumzustochern.“
John Grafilo, dpa
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Publiziert am 28.04.2012