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Bienen, Blüten und verdorbenes Huhn

„Sein kühner Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen Todesbereitschaft ins Herz gesenkt.“ Dieser Satz leitet in Waldemar Bonsels „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ die Schlacht zwischen Bienen und Hornissen ein. Man kann von Glück reden, dass die bekannte TV-Serie heute nur die wenigsten Kinder dazu inspiriert, zur nun 100 Jahre alten Buchvorlage zu greifen.

Denn auch vor dem finalen Stahlgewitter im Bienenstock, wo es unter den Bienensoldaten nur so vor „heiligem Zorn“ und „glühendem Verlangen“ nach Kampf wimmelt und zugleich „jeder wusste, was seine Pflicht war“, ist der Tonfall in dem Buch nicht anders. Allein schon wegen der detailreich geschilderten Fressen-und-gefressen-werden-Szenen lautet die Empfehlung heute: Wenn Kinder das Buch lesen wollen, dann im Verbund mit den Eltern als Korrektiv.

Kein Platz für Willi

Wer glaubt, mit Bonsels das „Buch zur TV-Serie“ in Händen zu Halten, wird ohnehin eine gewaltige Enttäuschung erleben: Denn dass Maja in die Welt hinausfliegt und dabei allerlei Getier kennenlernt, ist im Original nur nötige Vorbedingung für eine Läuterung im Sinne „deutscher Werte“ des Jahres 1912. Am Ende erkennt die Biene reumütig, worum es wirklich zu gehen habe: Pflichterfüllung, Gehorsam und Volkstreue. Für einen „faulen Willi“ ist im Buch dementsprechend kein Platz.

Die kultige Willi-Figur ist eine Erfindung der Fernsehmacher. Bei Bonsels wäre es Willi wohl schlecht ergangen: Die individualistisch angelegten Figuren im Buch werden - auf dass es dem Leser eine Lehre sein solle - meist aufgefressen, wenn sie nicht sonstwie bestraft oder zummindest der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Der Marienkäfer Alois etwa hat als „antibürgerlicher“ Dichter in Bonsels Welt äußerst alberne Gedichte zu verbreiten und ansonsten eine peinlich selbstverliebte besserwisserische Witzfigur zu sein.

Alles so schön grausam hier

Der grausame Hornissenwächter macht die in Kapitel 14 gefangene Maja umgekehrt ganz knieweich: „Wie schön er ist, wie edel ist seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rüstung. Tag und Nacht legt er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kämpfen und zu sterben.“ Gleich darauf reißt sich die Heldin aber zusammen, und der Autor gesteht ihr entschuldigend zu, Majas „Freude am Schönen“ sei mit ihr durchgegangen. Die Lektion ist dabei immer dieselbe: Eingliederung in die wehrhafte Masse verleiht Macht.

Dazu kommt handfester Rassismus. In Bonsels’ Zeit etwa war klar, wer das „Volk ohne Heimat und Glauben“ sein soll. Im Buch wird der damals gängige antisemitische Code auf die Wespen umgelegt, und es heißt über das „unnütze Räubergeschlecht“: „Wir sind stärker und mächtiger als sie, aber sie stehlen und morden, wo sie können.“ Auch fordert die Buch-Maja als Vertreterin der fliegenden Herrenrasse pausenlos und penetrant entsprechenden Respekt von „niedrigeren“ Insektengattungen ein.

Braver Lieferant für die Nazis

Seit Jahrzehnten diskutieren Literaturwissenschaftler, inwieweit Bonsels mit „Biene Maja“ seine eigene Gesinnung unters Volk bringen wollte und damit als Nazi-Vorläufer gelten muss. Angesichts von Bonsels’ Schaffen ist aber die wahrscheinlichste These, dass er einfach Geld machen wollte: „Deutsche Tugenden“ und Herrenmenschen-Bewusstsein waren auch schon unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II. als erzieherische Werte in Kinderzimmern gefragt - und Bonsels lieferte.

Es ist aber kein Wunder, dass das Buch den Nazis mit ihrem Jugendideal „Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ äußerst gelegen kam. Mit allen Mitteln wurde es vom Regime unters junge Volk gebracht und zählte noch weit bis in die Nachkriegsjahre zu einem der meistgelesenen Kinderbücher im deutschsprachigen Raum. Bonsels selbst lieferte während der Nazi-Zeit weiter, wovon er sich im jeweiligen Moment den größten Erfolg versprach. Das bedeutete dann auch Lobeshymnen auf Hitler und dergleichen mehr.

Da war doch noch etwas

Davor war das anders, denn „Biene Maja“ und das Nachfolgebuch „Himmelsvolk“ sind Ausreißer unter Bonsels’ Dutzenden Büchern. Einige sind schwülstige Entwicklungsromane, die den großen Satiriker Kurt Tucholsky einen Vergleich zu leicht verdorbenem Hühnerfleisch ziehen ließen. Der Rest hatte höchstens indirekt mit Bienen und Blüten zu tun: Es waren vor allem erotische Novellen mit weiblichem Zielpublikum. Die wurden von den Nazis 1933 aber wegen der „Verherrlichung abartiger Sexualität“ verbrannt.

Lukas Zimmer, ORF.at

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Publiziert am 05.05.2012