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Völliger sozialer Rückzug

Am vierten Prozesstag ist der geständige Massenmörder Anders Behring Breivik zu den Vorbereitungen zu dem Bombenanschlag in der Osloer Innenstadt und dem Massaker auf der Ferieninsel Utöya befragt worden. So hatte er erwartet, auf seinem Weg zur Insel auf Polizei zu stoßen, und übte die Konfrontation mit Computerspielen.

Breivik hatte am 22. Juli 2011 eine 950 Kilogramm schwere Bombe mitten im Regierungsviertel von Oslo gezündet, acht Menschen getötet und Hunderte verletzt. Bei seinen Vorbereitungen habe er damit gerechnet, auf seinem Weg aus Oslo auf bewaffnete Polizisten zu stoßen, sagte Breivik vor Gericht. Dafür habe er ein Gewehr und eine Pistole bei sich gehabt, Waffen, die er nach nordischen Götter benannt habe, so Breivik.

Beschädigtes Regierungsgebäude in Oslo

AP/Police Handout via Scanpix

Das Regierungsgebäude im Zentrum Oslos

Breivik: Kaum mit Überleben gerechnet

Um sich auf das Zusammentreffen vorzubereiten, habe er mit Computerspielen geübt, sich gegen zwei bewaffnete Teams zu wehren, die ihn links und rechts in die Zange nähmen, so der 33-Jährige. „Ich habe meine Überlebenschancen mit weniger als fünf Prozent angenommen“, so Breivik. Doch weder in Oslo noch auf dem Weg zur Ferieninsel sei er auf Polizei gestoßen. So konnte er ungestört das Blutbad unter den Jugendlichen und Betreuern auf Utöya mit 69 Toten anrichten.

Utöya „politisch attraktivstes Ziel“

Sein Ziel sei es gewesen, alle Insassen des Lagers zu töten, sagte der 33-Jährige. Utöya sei zu dem Zeitpunkt das „politisch attraktivste Ziel gewesen“. „Ich bin kein Kindermörder. Ich glaube aber, dass alle politischen Aktivisten, die sich dem Kampf für eine multikulturelle Gesellschaft verschrieben haben (...), ein legitimes Ziel sind“, sagte Breivik. Zudem wollte Breivik auf Utöya auch die ehemalige Regierungschefin Gro Harlem Brundtland gefangen nehmen, die an diesem Tag ursprünglich auf der Insel erwartet wurde, und sie nach dem Vorbild der Dschihadisten vor laufender Kamera enthaupten.

Anschlag auf Königspalast geplant

Ursprünglich hatte Breivik in der Hauptstadt größere Zerstörungen geplant. Eigentlich habe er drei Bomben zünden wollen, eine für das Regierungsviertel, eine für das Hauptquartier der norwegischen Arbeiterpartei, und die dritte und größte hätte vor dem Königspalast detonieren sollen. Wichtig sei ihm aber gewesen, der königlichen Familie keinen Schaden zuzufügen. „Ich bin Anhänger der Monarchie“, sagte der Massenmörder.

Als Ziele habe er auch das Osloer Rathaus und ein Gebäude nahe der Zeitung „Aftenposten“ überdacht, aber wieder verworfen. Hier wären zu viele unschuldige Menschen in der Nähe gewesen. Sehr wohl hätte er jedoch weitere Massaker mit Feuerwaffen vorgehabt. Er habe dann auf die zwei anderen Bomben verzichtet, weil schon die erste „viel schwieriger gewesen ist, als ich dachte“.

Ein Jahr für Planung?

Der Plan zu der Tat sei bereits 2006 in ihm gereift, so Breivik. Zunächst habe er sich ein Jahr freigenommen, in dem er sich völlig von der Umwelt zurückgezogen und bis zu 16 Stunden am Tag „World of Warcraft“ gespielt habe. Der Rückzug habe ihm geholfen, sich auf das Attentat vorzubereiten, aber das Computerspielen sei „reine Unterhaltung gewesen“, und habe nicht mit dem 22. Juli zu tun gehabt. Erst ab Jänner 2010 sei sein „Training“ spezifischer geworden. Er habe auf das Spiel „Modern Warfare“ umgestellt, um sich an die Perspektive eines Schützen zu gewöhnen.

Auf das Computerspiel-Hobby habe seine Umgebung mit Entsetzen und Schock reagiert. „Ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich ein freies Jahr nehme, weil ich mich fünf Jahre später in die Luft sprengen wollte.“ Zuvor sei er immer recht sozial gewesen, betonte Breivik, der früher als Selbstständiger tätig war.

Breivik stellt Manifest infrage

Das Ziel des Prozesses ist es unter anderem festzustellen, ob Breivik zurechnungsfähig ist. Derzeit liegen zwei widersprüchliche Gutachten vor. Breivik selbst betont stets, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gehandelt zu haben. Sollte er für geistig zurechnungsfähig erklärt werden, drohen ihm maximal 21 Jahre Haft. Als Grundlage für seine Gesinnung verwies Breivik auf sein 1.500 Seiten umfassendes Manifest. Doch am Donnerstag wollte er sich nicht mehr zu 100 Prozent hinter seine Schriften stellen.

Er sei mit dem Dokument nicht ganz fertig geworden, es sei nur ein Entwurf, sagte der 33-Jährige. Auf die Frage von Staatsanwältin Inga Bejer Engh, ob er allem zustimme, was in dem Kompendium stehe, antwortete Breivik mit Nein. „Sie haben 77 Menschen getötet, ohne ganz sicher über das zu sein, was im Manifest stand?“, fragte Engh ungläubig. Breivik betonte, er stimme dem allermeisten zu. Er habe beim Schreiben aber Rücksicht auf andere nehmen müssen. Das Manifest repräsentiere daher nicht seine Meinung, sondern die von vielen Europäern, sagte Breivik.

Verzicht auf rechtsextremen Gruß

Breivik wirkte am Donnerstag gefasster als am Vortag, als ihn Engh deutlich in die Enge getrieben hatte. Nachdem ihm die Handschellen abgenommen wurden, sprach der Attentäter länger mit seinem Anwalt und verzichtete dann auf seine übliche rechtsextremistische Geste. Sein Gruß mit gestreckter rechter Faust sorgte bei den Angehörigen in den letzten Tagen für Empörung und Proteste. Sie hätten ihren Mandaten daraufhin gebeten, darauf zu verzichten, teilten die Anwälte des Angeklagten mit.

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