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Rechnung mit einigen Unbekannten
Die rechtsextreme Front National (FN) will sich nach ihrem erfolgreichen Abschneiden mit 18 Prozent der Stimmen nicht festlegen. „Was ich sehe, ist, dass Sarkozy geschlagen wurde“, sagte Parteigründer Jean-Marie Le Pen in einem ersten Kommentar zum Wahlausgang und seiner Präferenz für die zweite Runde gegenüber France 2. Das hat auch die Linie für seine Tochter Marine und ihre Wahlkampfstrategen vorgegeben.
UMP wird implodieren
Auch FN-Vizeparteichef Louis Alliot, der Lebensgefährte von Präsidentschaftskandidatin Le Pen, geht davon aus, dass es von seiner Partei weder eine Wahlempfehlung für Sarkozy noch für Hollande geben werde. Im Sender France Info verwies er darauf, dass die Rechtsextremen nun bei der Parlamentswahl im Juni möglichst viele Sitze erringen wollten. Er geht davon aus, dass die konservative Partei UMP von Sarkozy nach der Präsidentschaftswahl „implodiert“.
Seine Partei stehe nicht für „die kleinen politischen Tricks“, sagte der Wahlkampfchef der Rechtsextremen, Florian Philippot. Es werde keine Absprachen mit dem Sarkozy-Lager geben. In verschiedenen Umfragen rechnet man damit, dass 60 Prozent jener, die Le Pen in der ersten Runde die Stimme gaben, in der zweiten Runde Sarkozy wählen würden. Hollande bekäme aus diesem Lager eher zehn, maximal 20 Prozent.
France2Knapper als in den ersten Hochrechnungen prognostiziert ist der Abstand zwischen Hollande und Sarkozy nach der aktuellen Auszählung der ersten RundeDas Ergebnis der ersten Runde
Hollande hatte die erste Runde mit 28,63 Prozent der Stimmen gewonnen. Amtsinhaber Sarkozy erreichte 27,18 Prozent. Le Pen wurde mit 17,9 Prozent Dritte. Auf den vierten Platz kam der Linke Jean-Luc Melenchon mit 11,11 Prozent, Fünfter wurde der Zentrist Francois Bayrou mit 9,13 Prozent. Insgesamt hatten sich zehn Kandidaten für das höchste Staatsamt beworben. Die Wahlbeteiligung lag bei 79,47 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnittswert der vorherigen Präsidentenwahlen.
Die Rechnung für Hollande
Die populäre Nachrichtenplattform Rue89 spielte am Montag verschiedene Szenarien durch, auch mit dem Wahlkalkulator der liberalen Thinktank-Plattform Fondapol. In der Analyse erinnerte man zunächst daran, dass das gesamte linke Lager (bis an den extremen Rand) auf 42 Prozent der Stimmen kam. Zähle man die Stimmen von Sarkozy und Bayrou zusammen, dann komme man nur auf 36,2 Prozent für das konservative Lager. Die heikle Frage ist: Wo zählt man die Stimmen von Le Pen dazu?
Sarkozys Wahlkampfstratege Patrick Buisson attestierte der Le-Pen-Tochter einen zu verwaschenen Wahlkampf - sie habe sich auf zu viele neue Themen eingelassen, die keine klassischen FN-Themen seien, so seine Kritik. Auf der anderen Seite könnte das Le Pen wiederum attraktiv gemacht haben, fehlte doch anders als bei letzten Wahlen eine breitere Palette an konservativen Kandidaten.
Für Rue89 ist das Phänomen Melenchon beachtlich - denn auch wenn er sein Wahlziel, Le Pen zu überholen, nicht erreichte, habe er doch eine ganz neue Wählergruppe erschlossen, die das Lager französischer Kommunisten bei weitem übersteige. Seine Stimmen werden zum überwiegenden Teil ins Lager von Hollande gehen.
Wohin richtet sich das Zentrum?
Bleibt die Frage, wohin die Stimmen von Bayrou wandern, der anders als 2007, als er über 15 Prozent erreichte, mit seinen neun Prozent hinter den Erwartungen blieb. Seine Stimmen, so rechnet Rue89, würden zu 50 Prozent ins Lager von Sarkozy und nur zu 20 Prozent ins Lager von Hollande gehen.
Auf der Grundlage der ersten Runde errechnet Rue89 für Hollande in der Stichwahl 50,2 Prozent der Stimmen. Die Auswertung aller Statistiken und Umfragen vom Tag nach der Wahl haben einen Schönheitsfehler bzw. Unsicherheitsfaktor. Es gibt viele, die angeben, sich der Stimme zu enthalten. Deshalb erinnert Wahlstratege Buisson aus dem Sarkozy-Lager: Seit Ende der 60er Jahre sind zur Stichwahl nie weniger Leute gegangen als bei der ersten Runde.
France 2So wählten die Departements
Rot: Departements, in denen Hollande Erster wurde. Blau: Departements mit Sarkozy als Erster. Im Departement Gard war Marine Le Pen Erste (dunkelblau).
Mobilisierung entscheidend
Die Entscheidung werde die Mobilisierung an den Urnen im zweiten Wahlgang bringen, prophezeite Buisson im März gegenüber „Le Monde“. Alle Umfragen, die einen Wahlsieg Hollandes verkündeten, gingen davon aus, dass 40 bis 50 Prozent der Le-Pen-Wähler nicht zu den Urnen gingen und auch ein hoher Anteil der Wähler des Zentrumspolitikers Bayrou daheim blieben. Doch an eine Präsidentschaftswahl seit 1965, bei der im zweiten Wahlgang weniger Menschen an der Urne gewesen wären als im ersten, könne er sich nicht erinnern, so Buisson, der zwanzig Jahre in der Demoskopie gearbeitet hat.
Der Vorteil des sozialistischen Kandidaten sei auf einem Szenario aufgebaut, bei dem vier bis fünf Millionen Wähler aus dem ersten Wahlgang beim zweiten Wahlgang nicht an die Urnen schreiten, so Buisson. Doch die Argumentation des Beraters lässt sich auch in das Gegenteil verkehren. Die vier bis fünf Millionen, die nicht eingerechnet sind in der zweiten Runde, könnten auch zum Bumerang für Sarkozy werden - dann nämlich, wenn sich in der Bevölkerung eine Anti-Sarkozy-Stimmung verfestigt. Sarkozy wird nicht nur um die rechten Stimmen fischen, sondern auch an seinem Image arbeiten müssen. Im Moment ist er als amtierender Präsident Zweiter. Und das erzeugt kein Gewinnerimage.
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Publiziert am 23.04.2012