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Große Konkurrenz aus China

Siemens wollte bis 2012 zu den drei größten Windturbinenherstellern der Welt gehören. Doch Marktforschern zufolge ist der Konzern auf Platz neun abgestiegen. Auch andere Hersteller wie die deutsche Nordex und der dänische Branchenprimus Vestas leiden. Die ganze Branche zittert angesichts schwindender Margen, die Existenzkrise der westlichen Solarindustrie im Hinterkopf.

Schuld sind vor allem - wie auch in anderen Branchen - die Chinesen. „Die sind aus dem Nichts in weniger als zehn Jahren zur Nummer eins aufgestiegen und suchen jetzt die weitere Auslandsexpansion. In Schweden werden die ersten chinesischen Anlagen installiert, und sie sind vor allem auch in Lateinamerika und Afrika aktiv“, sagt Klaus Rave, Chef des Weltwindenergieverbands GWEC.

Die Renditen aller Konkurrenten seien unter Druck, weil die Anbieter aus China mit niedrigen Preisen arbeiteten. Es ist zudem erklärtes Ziel Chinas, den Weltmarkt für Windenergietechnik zu dominieren. „Die haben andere Fertigungsstrukturen und bringen ihre Finanzierung durch die China Development Bank gleich mit.“ Von den weltweit zehn größten Herstellern kommen dem Marktforscher BTM Consult zufolge mittlerweile mit Goldwind, Sinovel, United Power und Mingyang vier aus China. Qualitätsprobleme gebe es auch dank deutscher Beratungsfirmen praktisch nicht, sagte Rave.

Turbinenmarkt überfüllt

Die Manager westlicher Windradhersteller haben das Schicksal der deutschen Solarbranche vor Augen. Zermürbt von chinesischen Kampfpreisen und staatlichen Förderkürzungen brachen in den vergangenen Monaten Solarfirmen reihenweise zusammen. Auch die Windkraftbranche steckt in der Krise. In den USA wird derzeit praktisch nicht mehr in neue Windanlagen investiert, weil die Steuervorteile ungewiss sind. „Das Hauptrisiko bleibt, dass die Branche als Energiemarkt von politischen Entscheidungen abhängig ist“, so Rave.

Andere Probleme haben sich die Hersteller selbst zuzuschreiben. Angelockt von rosaroten Zukunftsaussichten und anfangs saftigen Renditen - vor allem im Service - bauten sie rund um den Globus Werk um Werk. „Wir haben derzeit Überkapazitäten“, räumte Rave ein. Allein in Brasilien, wo im vergangenen Jahr lediglich Technik für 700 Megawatt errichtet wurde, streiten sich elf Anbieter um die Aufträge. In Deutschland wurde in der gleichen Zeit fast die dreifache Leistung hinzugebaut. Die brasilianische Regierung verlangt zudem, dass fast zwei Drittel der Wertschöpfung an Ort und Stelle erfolgen, damit auch der brasilianische Arbeitsmarkt profitiert.

Kostenreduktion als „oberste Priorität“

Die großen westlichen Anbieter wie Siemens, GE und Gamesa sind alarmiert. Die Branche müsse ihren Finanzaufwand schnell reduzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die unakzeptabel niedrigen Renditen auf auskömmliche Niveaus zu bringen, sagte Siemens-Spartenchef Felix Ferlemann. „Gegenwärtig gibt es nicht immer Profite. Die Branche kämpft mit geringen Margen. Das kann so nicht bleiben, wir müssen die Kosten schnell reduzieren. Das hat bei uns oberste Priorität.“

Siemens-Chef Peter Löscher holte Ferlemann eigens aus der Automobilindustrie, um die Produktion der Windtechnik zu rationalisieren. Bisher werden die Anlagen häufig noch mit viel Handarbeit gebaut. Bemerkenswert ist auch, dass manche Unternehmen nie mit dem Bau kompletter Anlagen begonnen haben, obwohl sie dafür prädestiniert gewesen wären. So liefert ABB praktisch alle elektrotechnischen Komponenten für die Windräder, hält sich aber von Komplettanlagen bis heute fern.

Offshore-Parks: Netz- und Finanzierungsproblem

Bis 2020 werde Windstrom in der Erzeugung genauso viel kosten wie der durchschnittliche Netzpreis, sagt der Branchenverband GWEC voraus. In Europa und speziell Deutschland, wo viele auf Parks in Nord- und Ostsee setzen, hat die Branche aber noch mit vielen Hürden zu kämpfen. So kommt der Netzausbau kaum voran, die teuren Verbindungen der Anlagen zum Land verzögern sich. Die missratenen Projekte schlagen bereits auf die Siemens-Bilanz durch.

Löscher setzte in der Vergangenheit auf die scheinbar einträglicheren Anlagen auf See. Doch die haben laut GWEC derzeit besonders mit Schwierigkeiten zu kämpfen. „Offshore-Windparks haben ein Netzproblem auf der einen Seite und ein Finanzierungsproblem auf der anderen.“ Die Milliardenkosten schreckten viele Banken als Finanziers ab. Standardfinanzierungen gebe es nicht, die Geldgeber müssten mühsam zusammengesucht werden. Dabei hätten Nord- und Ostsee das Potenzial, 100.000 Megawatt Energie zu liefern. Derzeit sind es gerade 4.000 Megawatt.

Der Druck in der gesamten Industrie werde dazu führen, dass einige Anbieter auf der Strecke bleiben werden, schätzt Rave. „Von Zusammenbrüchen gehe ich nicht aus, aber es wird eine Konsolidierung geben.“ Innerhalb Chinas habe die Konzentration bereits begonnen, sie werde sich auch auf reiferen Märkten fortsetzen.

Jens Hack, Reuters

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