Themenüberblick
Die fabelhafte Welt der Audrey Tautou
Das erste Drittel des Films erzählt quasi im Schnelldurchlauf die Geschichte von Nathalies (Audrey Tautou) erster großer Liebe Francois (Pio Marmai). Die beiden sind jung, verliebt und vom Kennenlernen bis zum Kinderwunsch lebt das Bilderbuchpaar eine Beziehung, die in ihrer Unbekümmertheit ans Unwirkliche grenzt. Die dann aber auch genauso abrupt endet wie sie begonnen hat - wodurch die eigentliche Geschichte erst ins Rollen kommt.
Filmladen FilmverleihKein Liebesfilm in Paris ohne Romantikszene vor dem EiffelturmNathalie stürzt sich in die Arbeit und schottet sich privat völlig ab. Annäherungsversuche von ihrem Chef (Bruno Todeschini) blockt sie ebenso ab wie gut gemeinte Ratschläge von Familie und Freunden. Traurig statt fröhlich ist die neue Grundstimmung der jungen Frau, die nach drei Jahren zwar zur Abteilungsleiterin befördert wird, im Privatleben jedoch immer noch in der Vergangenheit feststeckt.
Ein Kuss ohne Vorwarnung
Bis sie Markus küsst - ohne Vorwarnung und für sie selbst mindestens so überraschend wie für ihn. Denn der Schwede, Angestellter in ihrer Abteilung, spielt nicht wirklich in ihrer Liga. Das sieht nicht nur er so, sondern auch die Firma und der Freundeskreis. Markus ist unbeholfen, in Stilfragen deutlich sichtbar ohne Geschmack und auch körperlich, vom Bierbäuchlein über die schiefen Zähne bis zur Halbglatze, kein Adonis.
„Es ist, als würden die USA mit Liechtenstein ausgehen“, beschreibt Markus das Gefühl, wenn er mit seiner Angebeteten nach dem Theaterbesuch unter dem Eiffelturm steht, „das ist doch lächerlich.“ Doch auch wenn selbst Nathalie nicht weiß, wie es zu dem Kuss kam, hat der Moment etwas verändert, und zwingt beide, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu zu betrachten.
Moderne „Die Schöne und das Biest“-Adaption
Dass „Nathalie küsst“ dem Motiv von „Die Schöne und das Biest“ genauso folgt wie der Handlung zahlreicher „Schönling verliebt sich in Mauerblümchen“-Hollywood-Schnulzen ist unübersehbar. Dass der Film dennoch nicht in plumpen Kitsch abrutscht, vermeiden die Regisseure David und Stephane Foenkinos mit der Balance von subtiler Komödie, Melancholie und Tragik. Sie nehmen sich Zeit für die Beobachtung der Figuren und springen mit der Erzählperspektive von den Gedanken Nathalies zu jenen von Markus und dann und wann zum Blick von außen.
Filmladen FilmverleihDie Brüder David und Stephane Foenkinos am Set von „Nathalie küsst“Der Prototyp der Bobo-Französin
Tautou darf in „Nathalie küsst“ wieder einmal ihre Paraderolle spielen, auf die sie seit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ abonniert ist. Mit märchenhafter Grazie verzaubert sie als Nathalie die Männerherzen, und das scheinbar ohne dabei jemals einen Gedanken darauf zu verschwenden.
Tautou ist dabei einmal mehr der absolute Prototyp der Bobo-Französin, stets ausgesprochen gut angezogen, ohne auch nur im Geringsten verkleidet oder bemüht herüberzukommen. Ihr gegenüber steht mit Markus eine fast bemitleidenswerte Gestalt, die stets unauffällig bis schlecht in Beigetönen gekleidet nicht nur in den zu kurzen 1980er-Jahre-Turnhosen eine schlechte Figur abgibt.
Liebe zum Detail in der szenischen Umsetzung
Doch nicht nur in Sachen Kleidung erkennt man in „Natalie küsst“ das Werk von Perfektionisten, die viel Liebe auf kleine Details legen. Von der äußerlichen Entwicklung Nathalies, die sich von einer sehr jungen Studentin zur toughen Abteilungsleiterin über mehrere Jahre hinweg spannt bis zum bis ins Kleinste stimmige Setdesign.
Anleihen haben sich die Foenkinos-Brüder für die szenische Umsetzung des Romans nicht nur bei ihrem großen Vorbild Francois Truffaut genommen, sondern zitieren auch aus der zeitgenössischen Film- und Fernsehlandschaft. So erinnert das Bürosetting von Nathalies schwedischer Firma an die 1960er-Jahre-Ästhethik aus „Mad Men“, vollbusige Sekretärin a la Joan inklusive.
Hinweis
„Natalie küsst“ ist ab Freitag in den österreichischen Kinos zu sehen.
Verrückt-fantastische „Dramödie“
Sie hätten während der Dreharbeiten von einer „Dramödie“ gesprochen, erklärten die Brüder in Interview. „Das Wort beschreibt diesen Wechsel zwischen den beiden Genres viel besser als der französische Ausdruck comedie dramatique“, so Stephane Foenkinos.
„Wir wollten auch eine einfache Geschichte erzählen, akzentuiert mit Verrücktheit und Fantasie“, erklärte David Foenkinos. Fantasievoll und auf gewisse Art märchenhaft ist der Film in jedem Fall geworden. Das gilt vor allem für den Schlüsselmoment: Warum Nathalie Markus eigentlich geküsst hat, bleibt schließlich das große Rätsel, für das es keine Erklärung gibt. Vielleicht aber auch keine braucht.
Sophia Felbermair, ORF.at
Links:
- Natalie küsst
- Filmladen
- David Foenkinos (IMDb)
- Stephane Foenkinos (IMDb)
- Audrey Tautou (IMDb)
Publiziert am 10.05.2012