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„Nicht in der Verantwortung“

Zahlreiche, vor allem westdeutsche Unternehmen dürften von Häftlingsarbeit in Gefängnissen der früheren DDR profitiert haben. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des ehemaligen DDR-Staatssicherheitsdienstes (BStU), Joachim Jahn, und ehemalige Betroffene fordern nun Aufklärung.

„Ich würde es begrüßen, wenn westliche und vor allem bundesdeutsche Unternehmen, die in der DDR produzieren ließen, für Transparenz sorgen würden“, sagte Jahn dem Münchner Magazin „Focus“. Seine Behörde stehe für Recherchen zur Verfügung. Doch anders als der schwedische Möbelhersteller Ikea, der entsprechende Vorwürfe prüft, stellen sich andere Unternehmen bisher taub, keines davon erklärte sich zu Entschädigungen bereit.

Ein Sprecher des Stahlherstellers Klöckner & Co. bestätigte dem „Focus“ gegenüber intensive Geschäftskontakte der damaligen Klöckner-Gruppe zur DDR. Nach mehreren Eigentümerwechseln sei das heutige Unternehmen aber kein Rechtsnachfolger. „Folglich sieht sich die heutige Klöckner & Co. nicht in der Verantwortung.“

Nähen für Quelle

Auch der Karstadt-Konzern in seiner heutigen Aufstellung weist laut „Focus“-Anfrage jegliche Verantwortung zurück. „Die Karstadt Warenhaus GmbH ist nicht Rechtsnachfolger von Quelle oder Hertie und hat gegenwärtig keine Kenntnis von Verbindungen der beiden Unternehmen zu Zwangsarbeit politischer Gefangener der ehemaligen DDR“, teilte das Unternehmen mit. Nach Aussagen ehemaliger politischer DDR-Häftlinge hatten Insassen des Frauengefängnisses Hoheneck Bettwäsche für den Quelle-Versand nähen müssen.

Der Vorsitzende der deutschen Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Hugo Diederich, forderte im „Focus“ eine Entschädigung. „Wenn die Firmen nicht mehr existieren, muss eben der Staat nach Möglichkeiten für eine Entschädigung suchen.“ Er habe sich mit diesem Anliegen an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gewandt. Diederich erklärte, dass er als DDR-Häftling von 1986 bis 1987 im sächsischen Stahlwerk Gröditz an der Herstellung von Röhren für Klöckner beteiligt war.

„Auf den Knochen der Häftlinge“

Der Generalsekretär der CDU im Bundesland Brandenburg, Dieter Dombrowski, der selbst 20 Monate im berüchtigten Gefängnis Cottbus saß, sagte der „Bild“-Zeitung: „Für die Firmen, die von Häftlingsarbeit profitiert haben, gibt es genug Opferverbände, die Spenden brauchen.“ Die Stasi-Beauftragte für Thüringen, Hildigund Neubert, erklärte: „Auf den Knochen der Häftlinge wurde schmutzige Ware produziert. Da halte ich es für eine moralische Verpflichtung der profitierenden Firmen, die Opfer von einst zu unterstützen.“

Dombrowski erinnert sich, im Gefängnis Kameras gebaut zu haben. „Wir haben von Montag bis Samstag in drei Schichten gearbeitet und dafür zwischen 18 und 25 DDR-Mark bekommen. Für die Firmen im Westen waren die Gewinnmargen vermutlich höher als heute in China.“ Seine im sächsischen Gefängnis Hoheneck inhaftierten drei Schwestern hätten Bettwäsche nähen müssen. Nach Berichten von Historikern haben westdeutsche Handelsketten etwa Kameras, Waschmaschinen, Kühlschränke und Textilien in der DDR durch Häftlinge produzieren lassen. Teilweise sollen sie aber nicht gewusst haben, dass das Regime dafür Gefängnisinsassen einsetzte.

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