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„Abbau“ am Müllberg

Müll, der heute - im Idealfall - in getrennten Sammelsystemen landet, wurde vor einigen Jahren einfach auf Deponien gekippt. Dort lagern in Bergen von Industrie- und Haushaltsabfällen bunt gemischt Metalle, Glas, Kunststoff, Papier und organische Materialien. Experten befassen sich unter dem Schlagwort Landfill Mining mit der Idee, diese alten Deponien als Rohstoffquelle zu nutzen.

Derzeit ist das noch Zukunftsmusik, aber langsam zeichnet sich das Potenzial ab. Verwerten lasse sich so gut wie alles, was sich in den Müllbergen findet, so Stefan Gäth von der Justus-Liebig-Universität Gießen gegenüber ORF.at - keineswegs nur Metallschrott und Papier.

Aus Deponieschlamm und Schlacken etwa ließen sich heute mittels chemischer Verfahren Rohstoffe wie Phosphate und auch Metalle wie Kupfer rückgewinnen. Gäth, Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement, ist einer der international führenden Experten für Landfill Mining und Leiter zahlreicher Studien zu dem Thema.

Sanierung ist teuer

Damit sich Landfill Mining nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich lohnt, muss allerdings eine Variable stimmen: der Gehalt an wiederverwertbarem Material. Der „Rückbau“ (so der Fachterminus) von Deponien, wie er bisher vor allem aus Umweltschutzgründen betrieben wurde, ist alles andere als billig. Im „Basisszenario“ fielen pro abgegrabenen Kubikmeter Kosten von 16,85 Euro an, heißt es dazu in einer Studie zu dem Thema im Auftrag des Umweltbundesamtes.

Wie groß eine Deponie ist, sei eigentlich unerheblich, so Gäth. Wichtig sei unter dem Strich der Rohstoffwert. Doch der lässt sich nicht immer ganz einfach abschätzen. Genaue Daten dazu, wie viel wovon wo abgelagert wurde, gibt es erst seit einigen Jahren. Prinzipiell vielversprechend seien Deponien, die vor der Einführung getrennter Sammelsysteme angelegt wurden, so Gäth.

Überflussgesellschaft und Konsumzyklus

In Deutschland seien das die auf dem Gebiet der früheren Bundesrepublik eher als die in der ehemaligen DDR - eigentlich naheliegend: Früher landeten oft ganze Elektrogeräte auf der Reststoffdeponie, die Wohlstandsgesellschaft der BRD mit kürzeren Konsumzyklen hinterließ mehr „wertvollen“ Abfall als die sozialistische Planwirtschaft.

Planierraupe auf einer deutschen Deponiedapd/ddp/Fabian MatzerathMittlerweile enthält Restmüll deutlich weniger Wertstoffe als früher

Was die Zusammensetzung der Müllberge, über die heute vielfach schon Gras gewachsen ist, betrifft, sind die Experten auf Rechenmodelle bzw. Probeentnahmen angewiesen, da entsprechende Aufzeichnungen nur einige Jahre zurückreichen.

Vor allem Buntmetalle interessant

In Österreich wurden laut der Auftragsstudie des Umweltbundesamtes vom Vorjahr unter dem Titel „Deponierückbau. Wirtschaftlichkeit, Ressourcenpotenzial und Klimarelevanz“ zwischen 1990 und 2009 an „relevanten 58 Abfallarten (mehr als 1.000 Tonnen pro Jahr)“ fast 34 Millionen Tonnen abgelagert, „wobei der größte Anteil (zirka 58 Prozent) auf metallhaltige Abfälle entfiel“.

Landfill Mining

Ziel von Landfill Mining - oder vollständig Landfill Mining and Reclamation (LFMR) - ist die Rückgewinnung von Rohstoffen aus bereits deponierten Abfällen. Grund für die Umlagerung von Müll ist häufig allerdings auch die Sanierung von Deponien aus Umweltschutzgründen.

Vor allem die, und allen voran Metalle wie Kupfer und Aluminium, sind für die Wiederverwertung interessant, da sie einen Rückbau am ehesten rentabel machen. Der Preis für eine Tonne Kupfer schwankte in den letzten drei Jahren zwischen 4.000 und 8.000 Euro, derzeit liegt er bei etwa 6.000 Euro. Aluminium kostet rund 1.600 Euro pro Tonne. Jedenfalls fallen bei der Wiederverwertung weniger Energiekosten und Treibhausgasemissionen an - „verglichen mit der Erzeugung vergleichbarer Produkte ausschließlich aus Primärrohstoffen“, wie es in der Studie des Umweltministeriums heißt.

„Abfall nicht Müll, sondern Rohstoff“

Für Gäth führt an Landfill Mining bzw. auch einem Bewusstseinswandel im Umgang mit Rohstoffen ohnehin kein Weg vorbei. Die würden bekanntlich immer knapper. „Unsere Gebrauchsgegenstände haben einen Wert an begrenzten Rohstoffen. Wir sind heute in der Lage bzw. wir werden es sein müssen, die Rohstoffe wieder sortenrein zu recyceln. Ihr Mobiltelefon hat gegenwärtig einen Rohstoffwert von einem bis 1,50 Euro. Der Kunststoff des Bobbycars hat gleichsam einen Wert. Sie merken, für mich ist Abfall nicht Müll, sondern Rohstoff“, so Gäth gegenüber ORF.at. „Daher mein Motto: ‚Einfälle für Abfälle‘.“ Ende Mai wurde Gäth für seine Arbeiten auf dem Gebiet mit dem Umweltpreis ausgezeichnet.

An Einfällen mangelt es mittlerweile nicht mehr, aber der „Abbau“ an der Deponie ist trotzdem noch Zukunftsmusik. In zehn bis 30 Jahren könnte es ernst werden, glaubt Gäth. Gegenwärtig läuft an der Deponie Reiskirchen im Landkreis Gießen (Hessen) eine großangelegte Studie für einen „Rückbau“ und die Nutzung dort lagernder Abfälle. Sie soll im September abgeschlossen sein.

Zahlreiche Sanierungsfälle

Der deutsche Experte und seine Forscherkollegen entwickelten ein Modell, mit dessen Hilfe es möglich ist, den Rohstoffgehalt der alten Müllberge zu schätzen. Parallel dazu würden auf einer alten Deponie in Wiesbaden derzeit Probebohrungen bis in eine Tiefe von 40 Metern durchgeführt. In Österreich lotete die Studie des Umweltbundesamts im Vorjahr das Potenzial in Österreich erstmals in einem größeren Rahmen aus.

Bisher war das Rohstoffpotenzial beim „Rückbau“ eher zweitrangig. Wenn eine Deponie „umziehen“ musste, dann meist aus ökologischen Gründen. Laut Studie stand zu 33 Prozent der Grundwasserschutz im Vordergrund, zu 20 die Schaffung von neuem Ablagerungsvolumen und nur zu 13 Prozent die Wertstoffgewinnung. In Österreich erfolgte die erste Umlagerung mit der Deponie Spitzau in Wien-Donaustadt, in Deutschland ab 1993 in Horrheim (Baden-Württemberg).

139 Millionen Euro für Sanierung

Auf der Deponie Spitzau, die zwischen 1970 und 1990 in vier ehemaligen Schottergruben betrieben wurde, wurden rund 900.000 Kubikmeter Haushaltsmüll, Bauschutt und Abraummaterial abgelagert. Da Umweltschutzmaßnahmen fehlten, musste die Deponie teilweise umgelagert und isoliert werden. Die Arbeiten - inklusive Begrünung - wurden 1992 abgeschlossen.

Stillgelegte Fischer-DeponieAPA/Andreas TroescherProblemfall Fischer-Deponie (NÖ): Gesamtsanierung dauerte vier Jahre

Ein weiterer Sanierungsfall war die Fischer-Deponie nahe Theresienfeld (Niederösterreich), betrieben zwischen 1972 und 1987. Abgelagert wurden dort über eine halbe Million Tonnen Abfälle, Schutzmaßnahmen fehlten ebenfalls, es kam zu einer Verunreinigung des Grundwassers. Zwischen 2002 und 2006 wurden laut Daten des Umweltministeriums fast 278.000 Tonnen Material aus der Deponie ausgehoben. Die Gesamtsanierung kostete rund 130 Millionen Euro.

Beachtliches Potenzial

In Gießen wird derzeit ebenfalls saniert. Sickerwässer werden über Kläranlagen gereinigt, das austretende (methanhaltige) Deponiegas wird in einem Blockheizkraftwerk zur Strom- bzw. Fernwärmeerzeugung genutzt. Außerdem wird das Gelände isoliert. Mit einem Volumen von über zwei Millionen Kubikmetern wird der „Rückbau“ entsprechend viel Geld kosten.

Allerdings enthalten die Müllberge nach Schätzungen fast 90.000 Tonnen Eisenschrott und über 50.000 Tonnen Nichteisenmetalle, Dutzende Tonnen Elektrogeräte und Leiterplatten, mehrere hundert Tonnen Glas, Kunststoff, Karton und Papier, das wiederverwertet bzw. zur Energieerzeugung verbrannt werden kann. In einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk (HR) im Jänner hatte Gäth den Wert der metallischen Rohstoffe in der Deponie mit 100 bis 150 Millionen Euro beziffert. Abhängig von der weiteren Entwicklung der Rohstoffpreise könnte sich Landfill Mining damit in einigen Jahren durchaus auch wirtschaftlich rechnen - ganz abgesehen von der Entschärfung der einen oder anderen tickenden Umweltzeitbombe.

Georg Krammer, ORF.at

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Publiziert am 08.07.2012