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Sieben von 16 Mausoleen zerstört
„Ich bin empört (...), aber wir haben nichts tun können“, schilderte der Tourismusdirektor von Timbuktu, Chirfi Alpha Sane, der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch telefonisch die Lage in der Stadt. Er könne derzeit sein Amt nicht ausüben, sagte er weiter. Malis Kulturministerin, Fadima Toure Diallo, hatte die Zerstörung von Weltkulturstätten vor wenigen Tagen als „Barbarei“ und „kriminellen Akt“ verurteilt.
Reuters/Adama DiarraDie Mausoleen sind meist aus ockerfarbenem Lehm errichtetMit Spitzhacken gegen Mausoleen
Die Wüstenstadt ist nach dreimonatigen Kämpfen zwischen Tuareg-Rebellen islamistischen Gruppierungen mittlerweile fest in der Hand von Islamisten. Am Mittwoch wurden die letzten Tuareg aus dem Norden Malis verjagt. Doch die blutige Kämpfe haben Spuren in Timbuktu hinterlassen. „Zwei Drittel der 40.000 Einwohner sind in andere Teile Malis oder in angrenzende Länder geflüchtet“, berichtet Ärzte ohne Grenzen in einer Aussendung. Als die Islamisten Anfang Juli damit begannen, die berühmten Mausoleen der Stadt systematisch zu zerstören, wurde auch die Weltöffentlichkeit auf die Situation in Mali aufmerksam.
Traum vom Gottesstaat
Die Islamistengruppe Ansar Dine sowie andere islamistische Gruppen und die Tuareg-Rebellen der MNLA (Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad) haben Anfang April weite Gebiete im Norden Malis erobert. Sie wollen dort einen islamistischen Staat errichten. Im Juli haben die Islamisten gänzlich die Kontrolle übernommen.
Sieben der 16 Mausoleen in Timbuktu wurden bisher schon zerstört. Die Bewohner stünden unter Schock, so Sane. Die Zerstörer seien nach seinen Worten Kriminelle und stammen aus dem Ausland. Sie würden der Al-Kaida angehören, hätten sich in Mali aber den Namen Ansar Dine gegeben. Sane sagte, die Islamisten versuchten, unter den vielen arbeitslosen jungen Leuten Kämpfer für ihre Streitmacht zu rekrutieren.
Mit Schaufeln und anderem Werkzeug seien am Dienstag Gräber in der Nähe der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Djinger-ber-Moschee zertrümmert worden. Nach Ansicht der Islamisten verstößt die Anbetung der in den Gräbern bestatteten Heiligen gegen den Islam, der den Gläubigen gebietet, allein Allah (Gott) zu verehren. Im Glauben der Bevölkerung spielen die Heiligen und ihre Ruhestätten aber eine wichtige Rolle als Beschützer der Stadt.
Kinder rekrutiert und vergewaltigt
In dem Chaos werden aber nicht nur Kulturdenkmäler vernichtet, auch Kinder und Frauen werden zunehmend Opfer der aggressiven Islamisten. Tod, Verletzungen und Vergewaltigungen von Kindern gäben zu „großer Besorgnis“ Anlass, erklärte die UNO-Kinderhilfsorganisation UNICEF vergangene Woche. Mindestens 175 Jungen zwischen zwölf und 18 Jahren seien von bewaffneten Kräften im Norden rekrutiert worden. Von acht Mädchen sei bekannt, dass sie vergewaltigt worden seien.
Zudem seien mehrere Teenager von Minen getötet oder verletzt worden. „Das alles ist alarmierend“, sagte der UNICEF-Vertreter in Mali, Theophane Nikyema. Denn seine Organisation kenne nur einen schmalen Ausschnitt der Wirklichkeit, der Zugang von Hilfsorganisationen im Norden sei sehr beschränkt. „Diese Ereignisse zeugen von einer sehr düsteren Zukunft für die Menschen in Nordmali“, warnte der Kulturbeauftragte der Vereinten Nationen (UNO), Farida Shaheed, jüngst in Genf.
APA/Helmut FohringerEine malische Frau wird von einem Soldaten beobachtetAuch die Situation der Frauen im Norden Mali habe sich verschlimmert, wie die dpa berichtet. Laut der Weltgesundheitsbehörde (WHO) sind 90 Prozent aller Frauen genitalverstümmelt. Nachdem nun die diversen Islamistengruppen im Norden immer mehr die Macht übernehmen, trauen sich immer mehr Frauen nur noch mit Vollverschleierung auf die Straße. In den wenigen Schulen, die noch geöffnet sind, werden Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet.
Angst vor neuer Hungerswelle
Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen berichten von alarmierenden Zuständen in Timbuktu. In den vergangenen Wochen seien fast 6.300 Behandlungen von den verbliebenen Ärzteteams durchgeführt worden. „Die am häufigsten beobachteten Erkrankungen sind Atemwegsinfektionen sowie Durchfall- und Hauterkrankungen, die oft mit einem Mangel an Trinkwasser und den schlechten hygienischen Bedingungen in Zusammenhang stehen“, erklärte die Hilfsorganisation.
Ärzte ohne Grenzen beobachtet auch die Ernährungslage sehr genau. In einzelnen Regionen wurden bereits erhöhte Unterernährungsraten festgestellt. In den kommenden Monaten seien etwa 560.000 Kinder von Mangelernährung bedroht. Etwa ein Drittel von ihnen würde vermutlich ohne Hilfe von außen nicht überleben, so die UNICEF. Verschlimmert würde die Versorgungslage durch die Not von etwa 330.000 Menschen, die aus dem Norden geflohen seien.
Schwache Regierung sieht tatenlos zu
Die schwache Zentralregierung steht dem Geschehen im Norden zunehmend hilflos gegenüber. Seit dem Putsch am 22. März regiert eine Übergangsregierung, die international nicht anerkannt ist. Appelle, die UNO um die Entsendung von Friedenstruppen anzurufen, wurden bisher überhört. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS hat bereits angeboten, mit Truppen gegen die Islamisten vorzugehen, um eine Spaltung des Landes zu verhindern. Auch dieses Angebot wurde noch nicht angenommen.
Während die malischen Politiker also weiter zögern, wüten die islamischen Fanatiker weiter. Und sie könnten noch Schlimmeres anrichten: In Timbuktu lagern - meist in privaten Bibliotheken - über 100.000 historische Schriften und Dokumente, die teilweise aus dem 12. Jahrhundert stammen. Sie legen Zeugnis ab von den Heiligen, die die Islamisten mit aller Macht bekämpfen.
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Publiziert am 13.07.2012