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Projekt in Schweiz nicht möglich

Langfristig will die Schweiz aus der Atomenergie aussteigen und stattdessen auf erneuerbare Energien und auf Energiesparen setzen. Neue Kohlekraftwerke mit hohen CO2-Emissionen sind in der Schweiz daher tabu. Dafür müssen nun Länder mit weniger strikten Gesetzen herhalten - wie etwa Italien.

Das Schweizer Energieunternehmen Repower, das zu 46 Prozent im Eigentum des Kantons Graubünden steht, plant nun mit seinem italienischen Tochterunternehmen ein Kohlekraftwerk - allerdings nicht in der Schweiz, sondern im süditalienischen Kalabrien in der Gemeinde Montebello Jonico.

Widerstand in der Region

Auf einem aufgelassenen Industrieareal soll in der von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Region das Kraftwerk entstehen. Pläne gibt es dazu schon mehrere Jahre, der Widerstand in der Bevölkerung ist groß, wird doch eine ökologische Verschmutzung der Region befürchtet. Auch das regionale Energie- und Umweltgesetz verbietet eigentlich den Einsatz von fossilen Energieträgern für die Stromerzeugung. Vom regionalen Parlament wurde der Kraftwerksbau abgelehnt.

Selbst in der Wirtschaft gibt es Bedenken: „Wir glauben nicht, dass dieses Projekt für die Provinz von Reggio Calabria eine wahre Bereicherung darstellt“, sagte Lucio Dattola von der regionalen Handelskammer gegenüber der Schweizer Nachrichtenplattform Swissinfo. Das widerspreche dem touristischen Potenzial der Region.

Wirtschaftlich lukrativ

Die Ablehnung schwindet aber angesichts der Versprechen des Unternehmens, Hunderte Arbeitsplätze zu schaffen und den Hafen des Ortes zu modernisieren. Auch die Bauwirtschaft kann mit Aufträgen in Millionenhöhe rechnen. Es ist von Kompensationszahlungen Repowers die Rede, begleitet von einer großen PR-Kampagne des Unternehmens. Laut Recherchen des Schweizer Fernsehens finanzierte Repower eine Schweiz-Reise von Kalabriern, die das Projekt unterstützen.

Schweizer Wissenschaftler hegten aber bereits im vergangenen Jahr in einem offenen Brief Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Projektes. Das Kohlekraftwerk in Saline Joniche sei nicht nur umweltschädigend. Auch die Rentabilität sei fraglich aufgrund einer möglichen Verteuerung der Zertifikate beim CO2-Handel und der hohen Investitionskosten des Neubaus. Derzeit ist der Zertifikatepreis allerdings aufgrund des Überangebots ziemlich niedrig.

Kohle günstigere Alternative?

Das Unternehmen des 1,5-Milliarden-Euro-Projekts argumentiert, dass für die Deckung des künftigen Energiebedarfs nur Kohle und Erdgas bleibe und bei dieser Wahl Kohle die kostengünstigere Alternative sei. Und die für das geplante Kraftwerk eingesetzte Technologie bewirke auch wesentlich geringere Emissionen als bei bisherigen Methoden. Zudem gebe es den Emissionshandel, bei dem mit Zertifikaten Kohlendioxid kompensiert werden könne.

Laut dem Verein „Zukunft statt Kohle“ wird es in dem geplanten Kohlekraftwerk einen jährlichen Ausstoß von über sieben Millionen Tonnen CO2 geben.

Kritik in der Schweiz

Umweltschützer in Italien und der Schweiz protestieren heftig gegen das geplante Projekt. Die Initiative „Ja zu sauberem Strom ohne Kohlekraft“ in Graubünden will nun die Schweizer entscheiden lassen, ob das Projekt umgesetzt werden soll oder nicht. Es ist bereits von „Umweltkolonialismus“ die Rede - in der Schweiz sind Kohlekraftwerke tabu, nun lockt der Ruf ins Ausland.

Die linke Schweizer Wochenzeitung „WOZ“ vermutet aber noch andere Hintergründe für das geplante Kohlekraftwerk. Nahezu zeitgleich möchte Repower nämlich mit dem Bau eines Pumpspeicherkraftwerks am Schweizer Lago Bianco beginnen.

Dabei sollen bei günstigem, zugekauftem Nachtstrom Wasser auf den Berg gepumpt werden und tagsüber bei höheren Strompreisen hinunter zu den Turbinen fließen. Entscheidend dafür ist, dass das Preisgefälle zwischen Tag- und Nachtstrom anhält, was Umweltschützer langfristig bezweifeln. Zudem muss für den Pumpprozess ein Energieverlust einberechnet werden.

Quersubventionierung für andere Projekte?

Da sich das seit über 100 Jahren existierende Unternehmen zuletzt zunehmend auf den Energiehandel konzentrierte, aber nur zehn Prozent des Stroms selbst herstellt, kann der notwendige kurzfristige Aufkauf des Stroms teuer werden, berichtete die „WOZ“. Der Stromtransport von Kalabrien in die Schweiz zahle sich zwar nicht aus: „Doch mit der Option, in Italien Bandstrom auf den Markt zu werfen, könnte Repower den Strom quersubventionieren, den sie für den rentablen Betrieb von Lago Bianco zukaufen muss“, analysierte das Magazin.

Repower weist diese Schlussfolgerung allerdings zurück. Die Diversifizierung des Produktportfolios solle lediglich das Risiko minimieren. Das Unternehmen hat etwa in der Schweiz ein Wasserkraftwerk, in Deutschland ein Windkraftwerk. Aus der umstrittenen Beteiligung an dem deutschen Kohlekraftwerk Brunsbüttel stieg Repower Ende März aus. An dem Projekt in Kalabrien will das Unternehmen aber festhalten.

Grünes Licht aus Rom

Für die Regierungen in Italien und der Schweiz sind die Proteste kein Thema. Das italienische Umweltministerium gab schon vor Monaten grünes Licht für das Projekt. Erst Ende Juni genehmigte Rom den Umweltverträglichkeitsbericht. Nuccio Barilla von der Umweltorganisation Legambiente kritisiert diesen Entscheid Roms scharf: „Dieser energiepolitische und antidemokratische Entscheid ist skandalös.“

Rom habe damit die politischen Entscheide der Region und die Meinung der kalabrischen Bevölkerung völlig ignoriert. Die Umweltschützer wollen die Proteste nun auf regionaler Ebene fortsetzen. Davon ist auch Anita Mazzetta, Geschäftsführerin des WWF Graubünden, überzeugt: „Der Kampf ist noch nicht zu Ende.“

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