Themenüberblick

„Erneuerer der Skulptur“

Der weltbekannte Künstler Franz West ist 65-jährig in der Nacht auf Donnerstag im Wiener AKH verstorben. Das meldete die „Kleine Zeitung“ online. Wests Schwager bestätigte den Tod gegenüber der Zeitung. West hatte seit Jahren an infektiöser Gelbsucht gelitten. West war einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler des Landes und als Maler und Bildhauer in der internationalen Kunstwelt sehr gefragt.

Der Schöpfer oft großformatiger Skulpturen, die das Spannungsfeld zwischen Prothese, Möbelstück und Kunstgegenstand ausloten, lebte und arbeitete in seiner Heimatstadt Wien. Im Vorjahr wurde er bei der Biennale Venedig mit dem goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

West sei „ein großer Erneuerer der Skulptur, indem er sie wie eine Metasprache entwickelt und ihre Nähe zum Körper sowie zu Möbelstücken betont“, erklärte die Jury der Kunstbiennale damals. In Venedig hatte er Österreich schon im Jahr 1990 unter Kommissär Hans Hollein vertreten. Seine Arbeiten gehören zum Teuersten, was Österreich auf dem internationalen Kunstmarkt zu bieten hat, sie waren an prominenten Orten wie dem Belvedere-Garten, an öffentlichen Plätzen (etwa die Gerngrosssäule in der Rahlgasse in Wien) und am Eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper (Saison 2009/10) zu sehen.

Künstler Franz West

APA/Peter Hautzinger

Mit vier Skulpturen verwandelte Franz West den Kammergarten in der Parkanlage des Belvedere 2009 in einen „Garten der Lüste“

Autodidaktische Anfänge

West, am 16. Februar 1947 in Wien geboren, unternahm nach wechselnden Schulbesuchen und -abbrüchen, Reisen, Gefängnisaufenthalten und prägenden Freundschaften etwa mit dem Schriftsteller Reinhard Priessnitz zunächst autodidaktische Studien. Von 1977 bis 1982 studierte er bei Bruno Gironcoli an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seiner ersten Ausstellung 1970 in der Wiener Galerie Hamburger folgten unzählige wichtige Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen auf der ganzen Welt. 1974 entstanden die ersten „Passstücke“ (für den menschlichen Körper), tragbare Gebilde aus Papiermache und Gips, die beliebig benutzt werden konnten.

Mit seinen „Möbeln“ trieb West die Untersuchung der physischen, psychischen, profanen und kultischen Dimensionen der Skulptur weiter voran. Sessel und Liegen, die aus Eisen und Industrieschrott zusammengeschweißt wurden, luden an ausgewählten Orten zur Benützung und Betrachtung ein, etwa im Kunsthistorischen Museum, bei der documenta 9 und in Venedig.

Der von Franz West gestaltete "Eiserne Vorhang" in der Staatsoper

APA/Hans Klaus Techt

2009 war West für die jährlich wechselnde Gestaltung des Eisernen Vorhangs in der Wiener Staatsoper verantwortlich

Kein Interesse an Diskussion über Kunst

In Debatten, ob seine Objekte nun Kunst oder Gebrauchskunst oder Nichtkunst sind, ob das Werk womöglich erst durch Benutzung und Besetzung des Besuchers zur Kunst wird, ob es auf dem Sockel stehend der ehrfürchtig-kultischen Kontemplation oder im Kammerl der ungestörten Benutzung dienen sollte - in solche Diskussionen mischte sich West erst gar nicht ein. Beim ImPulsTanz-Festival in Wien 2011 ließ er allerdings den Performer Ivo Dimchev seine Objekte tänzerisch benutzen - und spielte Videos von dessen Handlungen auch bei Ausstellungen ein, um die Menschen damit ebenfalls zur Interaktion mit den Kunstwerken anzuregen.

Programmhinweis

ORF2 ändert am Sonntag in memoriam Franz West sein matinee-Programm und sendet ab 10.15 Uhr das Porträt „Der Autogießer - Franz West“.

Von 1992 bis 1994 übernahm West eine Professur an der Frankfurter Städelschule. 1993 wurde er mit dem Skulpturenpreis der EA-Generali Foundation ausgezeichnet. Im November 2001 erregte ein Rekordpreis für eine Papierarbeit von West Aufsehen: Sein „Schirches Bild“ erzielte bei einer Auktion des Dorotheums in Wien einen Preis von 384.000 Schilling (27.906 Euro). 1998 erhielt er den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig in Köln. Im Herbst 2010 war West eine Personale im Kunsthaus Graz (in Kooperation mit dem steirischen herbst), im Kölner Ludwig Museum und auch eine Einzelausstellung von Großskulpturen in Rom gewidmet.

Link: