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Staaten als „neue Sündenböcke“

Die international angesehene Schweizer Wirtschaftsuniversität HSG St. Gallen geht in einer Studie mit den Ratingagenturen hart ins Gericht. Die darin verarbeiteten Analysen der vergangenen elf Jahre legen die Forschungsannahme nahe, dass viele Herabstufungen europäischer Staaten aus Willkür passiert sind.

In einer früheren Studie hatten die Schweizer Wissenschaftler bereits darauf hingewiesen, dass sich schlechte Ratings von selbst erfüllen könnten - und das auch, wenn sie ungerechtfertigt sind. Die nun veröffentlichte Studie geht der Rolle von Kredit-Ratingagenturen in der aktuellen Staatsschuldenkrise auf den Grund. Die Forscher legen dar, dass Moody’s und Co. die europäische Schuldenkrise nicht nur als maßgeblicher Faktor „begleitet“ hätten.

Denn die Untersuchung schildert darüber hinaus, dass die Ratingagenturen explizit für die europäische Schuldenkrise verantwortlich sind. Nicht nachvollziehbare Herabstufungen europäischer Länder seien eine zentrale Ursache und Triebfeder der europäischen Schuldenkrise.

Ursache und Triebfeder für Krise

Seit der Einführung des Euro beobachten die Autoren volkswirtschaftliche Daten wie Staatsverschuldung, Inflation und Rendite bei Staatsanleihen aus 25 OECD-Ländern. Die von Manfred Gärtner und Björn Griesbach verfasste Studie wertet Daten im Zeitraum 2009 bis 2011 aus. Dabei wurden nun diese Daten mit den Entscheidungen der Ratingagenturen verglichen - das Ergebnis: Die massiven Herabstufungen verschiedener Länder seit 2008 gehen mit den getätigten Entscheidungen nicht einher. Bei der Bewertung dieser Entscheidungen hätte man vor dem Beginn der Wirtschaftskrise völlig andere Maßstäbe gesetzt, sagt Studienautor Gärtner.

Geänderte Verhaltensmuster

Gärtner nennt mit Irland auch ein konkretes Beispiel: „Aufgrund der früheren Ratings hätte Irland nur um eine halbe Stufe herabgestuft werden dürfen. Tatsächlich ist es um sieben Stufen herabgestuft worden. Bei anderen Ländern ist das ganz ähnlich oder noch ausgeprägter. Hier geht es nicht nur um kleine Fehler, sondern um ganz massive Differenzen zwischen dem, was die Ratingagenturen tun und was ihr früheres Verhaltensmuster selber vorgegeben hätte.“

Ö1-Radiohinweis

Studienautor Manfred Gärtner im Interview - mehr dazu in oe1.ORF.at

Spanien zum Beispiel hätte um eine halbe Klasse herabgestuft werden müssen, verlor aber drei Klassen. Bei Portugal war der Verlust einer halbe Klasse gerechtfertigt, befanden die Autoren - tatsächlich wurde aber acht Klassen herabgestuft. Selbst Griechenlands Rating hätte sich aufgrund objektiver Wirtschaftsindikatoren in dieser Zeit nur geringfügig verschlechtern dürfen. Tatsächlich sackte es aber um zwölf Klassen ab, von A auf CCC.

„Fehleinschätzungen“ mit schweren Folgen

Länder, die mit „A“ oder schlechter bewertet sind, sind proportional ausgeprägter gefährdet. Bereits geringste negative Zins- oder Ratingsignale, auch wenn diese unbegründet sind, können solche Länder den Erkenntnissen der Studie zufolge in den Insolvenzstrudel stoßen. Aber auch Länder mit Spitzenratings können nicht völlig sicher sein - auch hier reichen bereits kleine Unschärfen in der Bewertung der Kriterien.

Staaten als „neue Sündenböcke“

Die Schweizer Wissenschaftler sehen Ratingagenturen auch vor der zentralen Entscheidung, nach der schließlich Staaten gegenüber den Finanzmärkten das Nachsehen hatten. "Ratingagenturen sind ein Teil der Finanzindustrie. Und sie sind natürlich erschrocken, als sich die Welt auf der Höhe der Finanzkrise einig war, dass man die Finanzmärkte zurückstutzen muss.

Und das sei gegen ihre Interessen, „denn sie verdienen dort ihre Brötchen“, so Gärtner. Der Wissenschaftler spricht im Zusammenhang mit Staaten von „neuen Sündenböcken“. Die Finanzmärkte seien aus der Schusslinie, „das Problem sind jetzt die angeblich über ihre Verhältnisse lebenden Staaten“, sagt Gärtner.

Das gehe in Richtung Rufschädigung für Staaten, die noch dazu sehr teuer sei, sagt Gärtner. „Privat können wir auch nicht Meinungen in die Welt setzen, ohne für die Konsequenzen geradezustehen. Und die Ratingagenturen sagen genau das: Das sind nur Meinungen und der Markt muss wissen, was er daraus macht.“

Mehrere „Gleichgewichte“

Die Studie besagt außerdem, dass es auf dem Markt der Staatsanleihen mehrere Gleichgewichte gibt. Das erste, gute Gleichgewicht, geht mit tiefen Zinsen und guten Ratings einher. Im schlechten Gleichgewicht können die Zinsen nicht mehr bezahlt werden. Dazwischen liegt eine Schwelle - gerät ein Land darüber, setzt der Sog in Richtung Insolvenzgefahr ein. Hat ein solcher einmal eingesetzt, ist ein Herauskommen praktisch unmöglich.

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