Luftunterstützung für Bodentruppen
Die seit Tagen erwartete Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die nördliche Handelsmetropole Aleppo hat begonnen. Unterstützt von Flugzeugen, Helikoptern und schwerer Artillerie rückten im Morgengrauen des Samstags Panzer und Soldaten gegen die Stellungen der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA) vor.
Die Kämpfe verloren am Samstagabend an Heftigkeit. Der Angriff der Regierungstruppen auf das von bewaffneten Rebellen gehaltene Stadtviertel Salaheddin sei zunächst zum Stillstand gekommen, sagte Abdel Jabbar al-Okaidi, Oberst der regierungsfeindlichen Freien Syrischen Armee (FSA) und Chef des Militärrats von Aleppo, der Nachrichtenagentur AFP per Telefon. Salaheddin, eine Hochburg der Rebellen, war tagsüber das Hauptziel der Truppen von Präsident Bashar al-Assad.
Beschuss geht weiter
Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bedeutet die Tatsache, dass die Soldaten in Salaheddin nicht vorrücken, „nicht notwendigerweise, dass sie den Rückzug angetreten haben“. Die Strategie der regulären Truppen bestehe darin, das Viertel „heftig zu beschießen, um die Bewohner zur Flucht zu veranlassen, um dann umso heftiger erneut anzugreifen“.
Rebellen wollen Aleppo „säubern“
Oberst Al-Okaidi zufolge kam die Offensive zwar zum Stehen, doch der Beschuss mit Artillerie und aus Hubschraubern ging weiter. Taktik der FSA sei es, von einem Stadtteil in den nächsten zu wechseln und die Viertel jeweils von regierungstreuen Soldaten und Milizionären zu „säubern“. „Sollte es uns gelingen, genügend Waffen von den regulären Truppen zu erbeuten, werden wir den totalen Angriff zur Befreiung Aleppos starten“, fügte al-Okaida hinzu. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte brachen Samstagfrüh in Aleppo „die schlimmsten Kämpfe seit Beginn des Aufstandes“ gegen Assad vor 16 Monaten los.

APA/ORF.at
Stadtteile mit Panzern umstellt
Wegen der strategischen Bedeutung der Großstadt liegt dem Regime in Damaskus viel daran, die Rebellen von dort zu vertreiben. Regierungstreue Medien sprachen von der „Mutter aller Schlachten“. Die Zeitung „al-Watan“ schrieb: „Aleppo wird die letzte Schlacht der syrischen Armee sein, um die Terroristen zu schlagen.“

Shaam News Network
Die Aufständischen verteilen Waffen
Zwei Tage lang hatte die syrische Armee Soldaten, Panzer und schwere Waffen rund um die zweitgrößte Stadt des Landes zusammengezogen, während die Aufständischen versuchten, sich mit leichten Waffen und einigen Panzerabwehrraketen zu wappnen. Mit rund hundert Panzern hatte die Regierungsarmee das Viertel Salaheddin umstellt.
FSA: Konnten Vorstöße abwehren
„Sie setzen alle Arten von Waffen ein, aber unseren Rebellen gelang es, Vorstöße der Regimetruppen gegen Salaheddin und Al-Hamdanija abzuwehren“, sagte der FSA-Kommandeur Abu Omar al-Halebi der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Die Aufständischen hätten dabei auch acht Panzer der Angreifer zerstört, fügte er hinzu. Die Informationen lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen, weil die Medien in Syrien nur sehr eingeschränkt arbeiten können.
Zermürbender Häuserkampf erwartet
Gefechte wurden auch aus anderen, von der FSA beherrschten Stadtteilen gemeldet. Aus Al-Sukkari flohen die Bewohner nach dem Einschlag von Artilleriegranaten. Nach den Angaben der Syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden in den ersten Stunden der Konfrontation mindestens sieben FSA-Kämpfer, elf Regierungssoldaten und eine nicht näher bekannte Zahl von Zivilisten getötet.
In der Weltkulturerbestadt Aleppo droht nun ein Häuserkampf. „Die Rebellen haben sich in den engen Gassen positioniert, was die Kämpfe erschwert“, sagte ein Vertreter der syrischen Sicherheitsbehörden AFP. Der Häuserkampf werde langwierig. Zahlreiche Tote auf beiden Seiten werden erwartet.
Für die Guerillataktik der schlechter ausgerüsteten Aufständischen könnte sich durch den Häuserkampf allerdings ein Vorteil ergeben. Das nervenaufreibende Absichern der Häuser durch die Assad-Truppen könnte diese ermüden und zermürben. Angesichts der von offizieller syrischer Seite nicht bestätigten großen Zahl an Deserteuren ein nicht unwesentlicher Faktor.
Zivilisten „von Helikoptern terrorisiert“
„Tausende Menschen fliehen vor dem Bombardement durch die Straßen. Sie werden von Helikoptern terrorisiert, die in niedriger Höhe fliegen“, berichtete ein Aktivist namens Amer. „Wir leben in einem Kriegsgebiet“, sagte ein Mann in seinen Vierzigern, der seine Angehörigen nach Asas in der Nähe der türkischen Grenze in Sicherheit bringen wollte. „Meine Familie und ich fahren immer hin und her, um den Kämpfen aus dem Weg zu gehen. Wir haben Aleppo verlassen, als wir Rauch und Hubschrauber gesehen haben.“
FSA-Kommandos waren vor etwas mehr als einer Woche erstmals in Aleppo eingerückt. Die Millionenstadt und Geschäftsmetropole ist nur 50 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Aufständischen hatten mehrere Stadtbezirke unter ihre Kontrolle gebracht. An der Seite der Rebellen kämpfen zunehmend auch ausländische Dschihadisten. Eigenen Angaben zufolge stammen sie unter anderem aus Tschetschenien und Algerien.
Weltweite Sorge wegen eskalierender Gewalt
Weltweit forderten Politiker ein sofortiges Ende der Offensive, weil sie große Verluste unter Zivilisten befürchten. „Ich bin tief besorgt über die eskalierende Gewalt in Aleppo“, erklärte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der britische Premierminister David Cameron sagte, es gäbe „die begründete Sorge, dass das syrische Regime dabei ist, entsetzliche Taten in und um Aleppo zu begehen“.
Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan forderte gemeinsame internationale Anstrengungen, um das Blutvergießen zu beenden. „Wir können keine Zuschauer oder Beobachter bleiben“, mahnte er.
Russland verteidigt Assad-Vorgehen
Der russische Außenminister Sergej Lawrow verteidigte die Offensive syrischer Regierungstruppen gegen die nördliche Handelsmetropole Aleppo. „Wie kann man erwarten, dass in einer solchen Lage die Regierung einfach aufgibt und sagt: Das war’s, ich hatte unrecht, los stürzt mich, Regimewechsel. Das ist doch unrealistisch“, sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge am Samstag.
Bei einem Treffen mit seinem japanischen Amtskollegen Koichiro Gemba warf Lawrow dem Westen vor, den bewaffneten Widerstand gegen Assad anzuheizen. „Der Preis all dessen ist immer mehr Blut“, sagte Lawrow. Er warf dem Westen vor, „gemeinsam mit einigen syrischen Nachbarn den bewaffneten Kampf gegen Damaskus zu unterstützen und zu lenken“.
Die Kämpfe in Aleppo strahlen auch auf den benachbarten, ohnehin instabilen Libanon aus. In der nördlichen Küstenstadt Tripoli stießen Anhänger und Gegner des syrischen Regimes zusammen. Bei den Schlägereien, die die ganze Nacht zum Samstag andauerten, wurden nach Polizeiberichten mindestens zwölf Menschen verletzt.
PKK gewinnt in Syrien Verbündete
Die in Syrien seit Jahrzehnten unterdrückten Kurden erlangen derweil ungeahnte Freiheiten. Denn unter dem Druck des Aufstands zieht die Führung um Assad Truppen aus dem Kurdengebiet in die Kampfzonen ab. Nach Medienberichten fallen die syrischen Kurden nun teilweise unter den Einfluss der in der benachbarten Türkei aktiven Guerillatruppe der PKK, die von der Türkei als Terrororganisation bekämpft wird.
Verschiedene Kurdenorganisationen hätten sich geeinigt, gemeinsam mit Assad über einen Kurdenstaat in Nordsyrien zu verhandeln. Darunter sei auch die PKK, berichtete das Magazin „Focus“. Im Grenzort Al-Kamischli werde eine „Regionalregierung von Nordsyrien-Kurdistan“ eingesetzt, sagte der Präsident der syrisch-kurdischen Nationalversammlung, Scherkoh Abbas, dem Blatt.
Opposition: Bereits mehr als 20.000 Tote
Seit Beginn der Revolte im März 2011 sind laut Menschenrechtsaktivisten mehr als 20.000 Menschen getötet worden. Rund 14.000 Todesopfer seien Zivilisten, mehr als 5.000 Mitglieder von Armee und Sicherheitsdiensten und knapp 1.000 Deserteure, sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Unter Zivilisten versteht Rahmans Organisation auch bewaffnete Kämpfer gegen Assad, die vorher keine Soldaten waren.
Bei ihren Angaben beruft sich die Beobachtungsstelle auf ein Netz von Aktivisten, Anwälten und Ärzten aus ganz Syrien. Die von ihr genannten Zahlen lassen sich nur schwer überprüfen, da die UNO Ende 2011 aufgehört hat, die Opfer des blutigen Konflikts zu zählen.
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