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Auf dem Weg in die Moderne

Claude Debussy, der vor 150 Jahren am 22. August in Saint-Germain-en-Laye geboren wurde, stand mit seinem Werk an einem Scheideweg. Hineingeboren in die Spätromantik, die am Ende des 19. Jahrhunderts noch in voller Blüte stand, ist er der erste einer Komponistengeneration, die Konservierung, Überwindung und Zerstörung ebendieses romantischen Idioms repräsentieren.

Debussys Werk kommt eine Schlüsselstellung auf dem Weg in die musikalische Moderne zu. Er erweiterte und steigerte die Formensprache über das tradierte Maß hinaus und entwickelte so eine ganz eigene Sprache, die neue Maßstäbe setzte und den Grundstein für die Ästhetik des 20. Jahrhunderts legte. Maurice Ravel, Olivier Messiaen, Igor Strawinsky und Bela Bartok ließen sich von Debussy inspirieren, und Pierre Boulez sagte: „Mich fasziniert die formale Qualität dieser Musik, die sich immer weiterentwickelt, ohne zurückzukommen.“

Endstation „Tristan-Akkord“

Mit Richard Wagner war die bis dahin gültige Dur-Moll-Harmonik an ihre Grenzen gestoßen, eine Weiterentwicklung schien nicht mehr möglich. Symbol hierfür ist der berühmt-berüchtigte „Tristan-Akkord“ (1865), eine kurze harmonische Verbindung, die gerade noch Kontakt zur Tonalität hält, sich wegen ihrer Undurchsichtigkeit bis heute aber einer einfachen bzw. allgemein akzeptierten Deutung entzieht. Hier war ein Endpunkt erreicht, nach dem etwas Neues kommen musste.

Was Debussy mit Wagner verband, war ein Gefühl für die expressive Kraft der Musik („Die Musik beginnt da, wo das Wort unfähig ist auszudrücken. Musik wird für das Unaussprechliche geschrieben“, so Debussy), war die Suche nach dieser Kraft in einer neuen Harmonik, Klangfarbe und Melodik sowie deren Projektion als Stimme der Musik – aber es verband sie auch ihre Auflehnung gegen alles, was nach Regeln und Fesseln roch. „Das Beste, was man für die französische Musik wünschen könnte, wäre zu sehen, dass die Art der Harmonielehre, wie sie in den Konservatorien praktiziert wird, abgeschafft würde“, verlangte Debussy.

Suche nach der „Morgenröte“

Für Debussy, der lange für Wagner schwärmte, war dieser jedoch, wie er einmal schrieb, „ein schöner Sonnenuntergang, den man für eine Morgenröte hielt“. Wagner musste also überwunden, die „Morgenröte“ in anderen ästhetischen Richtungen gefunden werden. Und außerhalb des Dur-Moll-Systems lagen noch reiche Möglichkeiten.

Claude Debussy in  Pourville-sur-Mer (Frankreich) im August 1904

Corbis/adoc-photos

Debussy im August 1904 in Pourville-sur-Mer in der Normandie

Debussy suchte sie in der Vergangenheit (in Kirchenmusik und altfranzösischer Klassik), der spanischen Folklore und insbesondere in der asiatischen Musik, die er auf der Weltausstellung 1889 in Paris entdeckt hatte und die andere Arten von Ausdruck und Farbe bot. „Mein guter alter Freund! Erinnere Dich an die javanische Musik, die alle Nuancen enthielt, selbst solche, die man nicht benennen kann, bei der die Tonika und die Dominante nichts weiter sind als nutzlose Hirngespinste zum Gebrauch für Heulsusen, die nicht verständig sind“, beschrieb Debussy seine Entdeckung in einem Brief.

„Summe zerstreuter Kräfte“

Davon inspiriert setzte er anstelle der Dur- und Molldreiklänge Quart- und Quintklänge, benutzte frei schwebende und harmonisch ungebundene Akkorde, die nicht nachvollziehbar fortschreiten, sondern nur parallel verschoben werden, und griff auf Pentatonik und Ganztonskalen zurück, die der Musik mitunter eine jazzige Note geben. Und häufig wurde der Rhythmus so sehr verschleiert, dass eine Taktnotation überflüssig erscheint.

Das Ergebnis waren exotisch wirkende Klangdimensionen, die sich stetig verändernde Stimmungen erzeugen und sich deutlich von dem unterscheiden, was Debussys Zeitgenossen komponierten. Ihm ging es nicht darum, ein tonmalerisch nachahmendes Bild zu erzeugen, sondern das Wesen selbst zum Ausdruck zu bringen. Wie die Impressionisten in der Malerei wollte er eine Rückkehr zur Natur – oder eher einen Schritt nach vorn in die Natur mit ihren unendlichen Abstufungen.

„Die Musik ist eine Summe zerstreuter Kräfte. Man macht daraus ein theoretisches Geschwätz. Ich habe die paar Flötentöne eines ägyptischen Hirten lieber; er ist eins mit der Landschaft und hört Harmonien, von denen in euren Abhandlungen nichts steht. Die Musiker hören nur die Musik, die von geschickten Händen geschrieben wurde, niemals aber die, welche der Natur innewohnt. Den Anbruch des Tages zu erleben ist nützlicher, als die Pastoralsinfonie zu hören“, so Debussy.

Zum „nackten Fleisch der Emotion“

Im Orchesterwerk „L’apres-midi d’un faune“ (1894) evozierte er den Exotismus des Orients, in den sinfonischen Dichtungen „Nocturnes“ (1889 bis 1899) das Dahinziehen von Wolken („Nuages“), ein Gemeindefest („Fetes“) und spielende Meerjungfrauen („Sirenes“). In seiner Oper „Pelleas et Melisande“ (1902), die von einer ehebrecherischen Beziehung handelt, wollte er ebenso zum „nackten Fleisch der Emotion“ gelangen wie in den „Jeux de vague“ (1903), in denen ein Tennisspieler und zwei jungen Mädchen erotische Spiele austragen.

Katsushika Hokusai:  Die große Welle

Katsushika Hokusai/Public Domain

Diesen Holzschnitt Hokusais wählte Debussy als Titelbild für „La Mer“

Eines der Lieblingsthemen Debussys war das Wasser, das er etwa in „La Mer“ (1903) in rauschenden Harmonien und funkelnden Farben heraufbeschwört. In seinem Klavierwerk wie den „Estampes“, „Images“ und „Preludes“ (1903 bis 1915) bildeten Literatur, Malerei und die verschiedensten visuellen Eindrücke oft den Ausgangspunkt für Debussys Einfälle. "Ich liebe die Bilder fast ebenso sehr wie die Musik, schrieb Debussy. In „Children’s Corner“ (1908) versetzte er sich klanglich in das Zimmer seiner Tochter Chouchou.

„Claude de France“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges suchte Debussy in seinem Spätwerk eine Verbindung zu nationalen Traditionen eines Jean-Philippe Rameau und Francois Couperin, was ihm prompt den Titel „Claude de France“ einbrachte. Auch damit stellte er sich bewusst der deutschen Musik eines Wagner entgegen, in der er die „luminosite et clarte“ seines französischen Klangs bedroht sah.

Debussy starb 1918 kurz vor Kriegsende in Paris und hinterließ ein Werk, das, indem es aus einem unendlichen Reservoir schöpfte, eine klangliche Eigenart annahm, die eine ganze Epoche hinter sich ließ und den Eintritt in eine völlig neue Klangwelt markierte. Es ist, als würde diese Musik aus der Geschichte heraus entstehen – und Geschichte machen.

Armin Sattler, ORF.at

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