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Hundertwasser gegen Streicher

Der in Deutschland losgebrochene Streit über Kfz-Kennzeichen erinnert unweigerlich an die Debatte in Österreich Ende der 80er Jahre. Mehr als ein Jahr lang hatte die Frage des Umstiegs von schwarzen auf weiße Nummerntaferln das Land in Atem gehalten - vor allem der Künstler Friedensreich Hundertwasser hatte sich dagegen gewehrt.

Der damalige Verkehrsminister Rudolf Streicher (SPÖ) und Hundertwasser waren die beiden größten Kontrahenten. Der Künstler vertrat - unterstützt von der „Kronen Zeitung“ - die Meinung, das schwarze Nummerntaferl mit weißer Schrift soll als „Visitenkarte der Nation“ erhalten bleiben. Der Verkehrsminister argumentierte mit erhöhter Rückstrahlkraft und Lesbarkeit, der Möglichkeit von Wunschkennzeichen und der Abschaffung des Nummernadels.

Verlorene Identität?

Im September startete Hundertwasser seine Kampagne: Er sei tief besorgt, dass Österreich mit den vorgesehenen Nummerntaferln wieder ein Stück seiner Identität aufgebe, weil diese Kennzeichen jenen anderer Länder zum Verwechseln ähneln würden, sagte Hundertwasser. Autokennzeichen seien wie Briefmarken Kulturträger, sagte der Künstler, der die geplanten weißen Taferln „als Kulturschande für Österreich“ bezeichnete.

Die bisherige Visitenkarte würde eliminiert, die neuen Kennzeichen stünden im Widerspruch zur österreichischen Seele, stellte Hundertwasser fest. Im November präsentierte er seine Variante der Taferln. „Wir Österreicher haben verlernt, stolz auf unser Land zu sein. Es mangelt uns an Patriotismus, der von Herzen kommt“, rechtfertigte der Künstler seine Bestrebungen.

Genauso sicher wie weiße Taferln?

Es sei, so Hundertwasser, einfach nicht einzusehen, dass Österreich nicht technologisch und kulturell der Welt ein Beispiel geben könnte, statt sich immer dem Ausland anzupassen. Die von ihm vorgeschlagenen Kennzeichen würden jedenfalls alle Kriterien und Wünsche, die mit den neuen Nummerntaferln verbunden sind, erfüllen: Erhöhte Rückstrahlkraft durch verbreiterte weiße Zeichen, Ziffern und Wappen, erhöhte Lesbarkeit, neue Maße, Wunschkennzeichen, Geldeinnahmen, Abschaffung des Nummernadels sowie technische und finanzielle Machbarkeit seien bei „seinen“ Kennzeichen genauso gewährleistet wie bei den momentan geplanten Nummerntaferln.

ÖVP für Hundertwasser

Und er fand damit auch die Unterstützung einiger Landeshauptleute, allen voran mit Wilfried Haslauer (ÖVP) und dessen Nachfolger Hans Katschthaler (ÖVP) in Salzburg. Schließlich gewann Hundertwasser auch Teile der ÖVP für seine Idee. Die Landeshauptleute-Konferenz empfahl schließlich in Salzburg, die Frage der Gestaltung der österreichischen Kfz-Nummernschilder im Hinblick darauf neu zu überdenken. Die ÖVP brachte im Parlament einen Initiativantrag ein, der die Frage der Sicherheit von Nummernschildern mit weißem oder schwarzem Untergrund neuerlich prüfen soll - und das obwohl man gemeinsam mit der SPÖ die neuen Taferln bereits im Nationalrat beschlossen hatte.

Entscheidung nach über einem Jahr

Die SPÖ stärkte hingegen ihrem Verkehrsminister Streicher den Rücken. Heinz Fischer, damals SPÖ-Klubobmann, sagte, dass „die sozialistische Parlamentsfraktion sich an dieser Sommerkomödie mit den österreichischen Nummerntafeln nicht beteiligen wird“.

Dennoch kam es zu einem Expertenhearing im Parlament - im November 1989 war es aber dann fix: Österreich stellte von schwarz auf weiß um, den Ausschlag hatte schließlich ein Gutachten gegeben, in dem nachgewiesen wurde, dass bei den Hundertwasser-Taferln gegenüber den im Kraftfahrgesetz vorgesehenen Kennzeichen zumindest die Hälfte des Reflexionswertes verloren gehe.

Seit 1989 in Einsatz

Der Einführung des neuen Taferls ging die starke Zunahme an Fahrzeugen voraus, wodurch das vorhandene Nummernsystem ausgereizt war und es einer neuen Art der Kennzeichnung bedurfte. Der genaue Stichtag, an dem die ersten neuen Kennzeichen ausgegeben wurden, ist nur schwer festzulegen. Grundsätzlich war die Ausgabe ab 2. Jänner 1990 geplant gewesen. Bei einzelnen Bezirkshauptmannschaften gingen die alten schwarzen Schilder aber schon vorher aus, daher musste man schon früher mit der Ausgabe beginnen. So wurde etwa in Kufstein am 15. November 1989 das erste neue Schild ausgestellt.

Verpflichtung zum Austausch der alten Nummerntaferln gab es keine. Bei einer Fahrzeugneuanmeldung, beim Wechsel des Wagens oder Verlust des Kennzeichens wurden die neuen Schilder allerdings automatisch neu ausgegeben.

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