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Späte Ehrung für „the worst film ever“

Es ist so etwas wie eine späte Rehabilitation, die sich bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig zutrug: Michael Ciminos Spätwestern „Heaven’s Gate“, einer der größten wirtschaftlichen Flops der Filmgeschichte, erfuhr am Lido eine späte Würdigung. Grund: ein neuer Director’s (Short-)Cut sollte den vor allem bei der US-Kritik durchgefallenen Film endlich durchhaltbar machen.

Es gibt Filme, an denen werden kulturelle Brüche zwischen den USA und Europa offenbar. Michael Ciminos Western „Heaven’s Gate“ ist dafür ein Beispiel. Firmiert der Film im anglo-amerikanischen Raum als „worst film ever“, so wurde das Werk, das bei US-Kritikern durchfiel und die Produktionsfirma in zahlreiche Misslichkeiten brachte, in Europa unter Cineasten schon nach der Entstehung gewürdigt.

Regisseur Michael Cimino mit Ehrenpreis der Filmfestspiele von Venedig

AP/Domenico Stinellis

Michael Cimino: Späte Würdigung für sein Schaffen auf dem Lido

Barberas Liebe zu „Klassikern“

Jetzt hat der wieder in Venedig wirkende Festivaldirektor Alberto Barbera, der sich ja mit einer Festivalschiene neben dem Wettbewerb dem Umgang mit Filmklassikern verschrieben hat, das Werk in einer neuen digitalisierten Director’s-Cut-Version gewürdigt und dem mittlerweile 73-jährigen Michael Cimino gleich einen Ehrenlöwen in die Hand gedrückt.

Möglich war die Neuedition des Films eigentlich durch das Interesse der Filmvertriebsfirma Criterion geworden, die sich der Pflege und dem Geschäft mit Filmklassikern widmet. Cimino durchlebte, wie er in Venedig schilderte, noch einmal die ganzen Aufregungen um den Film, die er vor 33 Jahren durchmachte. Er erinnerte sich auch daran, dass dem Film, den man in Europa schon längere Zeit schätzte, in den USA letztlich immer eine feindselige Aufnahme bei der Kritik beschieden war.

Dreieinhalb statt fünf Stunden

In Venedig zeigte man eine 218 Minuten lange Version des Western, der auf dem historischen Johnson County War beruht. 1890 hatten amerikanische Großfarmer versucht, osteuropäische Einwanderer zu vertreiben.

Für Cimino ist der jetzige Schnitt, den der Regisseur selbst mitüberwachte, besser als die Originalfassung. So drückte er es jedenfalls bei der Präsentation seiner Arbeit am Lido aus.

Kris Kristofferson und Isabelle Huppert im Film "Heaven's Gate"

picturedesk.com/Mary Evans

Die Huppert in einer - teils auch freizügigen - Western-Rolle

Ein Projekt, bei dem die Kosten davonliefen

Es war ein ambitioniertes Geschichtsepos, das Cimino da erzählen wollte. Der Regisseur hatte ja für seinen Antikriegsfilm „Die durch die Hölle gingen“ („The Deer Hunter“, 1978 mit Robert De Niro) mehrere Oscars gewonnen, weshalb ihm das produzierende Studio, United Artists, beim Projekt freie Hand ließ.

Schon während des Drehs explodierten die Produktionskosten und machten das Projekt zu einem der bis dahin teuersten Filme der Filmgeschichte. Auf jeden Fall war der Film so kostspielig (aus dem für einen Western enormen Produktionsbudget von 20 Mio. Dollar waren mehr als 44 Mio. geworden), dass ein Verriss das letzte war, was man bei United Artists damals gebrauchen konnte.

Doch das Worst-Case-Szenario trat ein. Vincent Cadby von der „New York Times“ beschrieb den Film bei der Premiere als einzige Tortur, und beim Toronto Film Festival wurde der Film so schlecht aufgenommen, dass niemand das Team in Los Angeles bei der Rückkehr abholen wollte. Mit Cimino und seinem Team wollte man sich in der Branche einfach nicht sehen lassen.

„Team hielt immer zu mir“

Cimino erinnerte in Venedig freilich daran, dass die Schauspieler wie Kris Kristofferson, Christopher Walken und Isabelle Huppert stets zu ihm gestanden seien - ebenso wie die Produzentin Joann Carelli, mit der Cimino eine mehr als 30-jährige On-off-Beziehung unterhielt und die auch den erfolgreichen Vorgängerfilm produziert hatte.

Kris Kristofferson im Film "Heaven's Gate"

picturedesk.com/Mary Evans

Hauptdarsteller Kristofferson, der den James Averill spielte, sprach recht freimütig über Erfahrungen beim Dreh

„Mein Team hat eigentlich nie die Qualität unserer Arbeit in Frage gestellt“, so Cimino in Venedig. Für ihn sei es aber eine schwere Erfahrung gewesen, jahrzehntelang mit dem größten Flop der Filmgeschichte in Verbindung gebracht zu werden. Sein Team hatte diesen Flop besser verkraftet - Kristofferson sprach ja immer recht freimütig über die Exzesse, die es rund um die Dreharbeiten mit Drogen gegeben hatte.

Hinweis:

Cover der Bluray von "Heaven's Gate"

Criterion

Criterion bringt die nun in Venedig vorgestellte restaurierte Fassung von „Heaven’s Gate“ Ende November als DVD und Blue Ray heraus.

Film, der nicht in die Reagan-Jahre passte

Dass der Film mit seinem kritischen Zugang auf die US-Geschichte 1980 auch zeithistorisch keinen leichten Stand hatte, macht ein Blick in die US-Geschichte deutlich: Im Jahr des Filmstarts betrat mit Ronald Reagan ein ehemaliger Schauspieler mit Western-Erfahrung das Weiße Haus - und gerade sein Amtsantritt sollte einer der nationalen Selbstbesinnung sein. Ciminos Werk musste da, wie man in Europa urteilte, wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

30 Jahre habe er den Film nicht gesehen, sagte Cimino in Venedig, der sich den Film im Beisein des Publikums ansah. Es habe einige Änderungen gegeben - etwa bei der Farbe, was durch die Digitalisierung möglich wurde. Gerade durch die digitale Bearbeitung habe er eine neue Freude an dem Werk gefunden - ja, so Cimino, er habe letztlich einen „neuen Film gesehen“.

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