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„Wie ein Kampf gegen Ameisenhaufen“

Eine Reihe brutaler Morde in und um die südfranzösische Stadt Marseille hatte bereits vor Monaten für Schlagzeilen gesorgt. Nun eskalieren die Rivalitäten zwischen kriminellen Gangs erneut. Schießereien sind an der Tagesordnung. Vor wenigen Tagen forderten die Bandenkriege das 19. Todesopfer in diesem Jahr, in der Nacht auf Samstag wurde ein Mann bei einem Überfall lebensgefährlich verletzt.

Die Regierung in Paris will nun nicht mehr länger zusehen. Bisher fehlte es scheinbar an wirksamen Strategien, und das, obwohl Polizei und Justiz keineswegs untätig sind. Dreimal pro Woche trommelt laut der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ der für die öffentliche Sicherheit zuständige Präfekt, Alain Gardere, die Verantwortlichen zu Lagebesprechungen zusammen. Die Beschlagnahmung von Waffen oder Drogen sei „quasi alltäglich“, schrieb die Zeitung am Wochenende. „Das ist die Störtechnik.“

Viel mehr scheint derzeit nicht zu wirken. Rund alle drei Wochen zerschlage die Polizei einen Drogenring, zitierte der „Figaro“ einen Ermittler. Aber genauso schnell kämen neue nach. „Das ist ein ermüdender Kampf.“ Seit Jänner seien aber immerhin 300 Schusswaffen aus dem Verkehr gezogen worden, darunter 32 Sturmgewehre.

Labortechniker hält Kalaschnikow

Reuters/Jean-Paul Pelissier

Immer wieder beschlagnahmt die Polizei Sturmgewehre (im Bild: AK-47)

Ruf nach Einsatz der Armee

Als ähnlich aussichtslos hatte zuletzt die sozialistische Senatorin für das Departement Bouches-du-Rhone, Samia Ghali, die Situation beschrieben und deshalb einen Einsatz der Armee in den Straßen Marseilles gefordert. „Die Drogenbanden benutzen Kriegswaffen, da kann nur noch die Armee intervenieren“, sagte Ghali, die zugleich Bürgermeister für den 15. und 16. Bezirk der Stadt ist.

„Es hilft gar nichts mehr, einen Polizeiwagen zu schicken und Dealer festzunehmen. Wenn zehn festgenommen wurden, dann werden sie durch zehn neue ersetzt. Das ist wie ein Kampf gegen einen Ameisenhaufen“, sagte Ghali der Zeitung „La Provence“. Soldaten sollten die Dealer entwaffnen und potenziellen Drogenkunden den Zugang zu den Problemvierteln verwehren: „Wie in Kriegszeiten, mit Straßensperren.“ Die Regierung in Paris erteilte ihrer Forderung postwendend eine Absage.

Paris winkt ab: „Kein Feind im Inneren“

Ein Eingreifen von Soldaten sei „ausgeschlossen“, sagte Innenminister Manuel Valls, der auch im eigenen Lager eher als Hardliner gilt, am Donnerstag „Es gibt keinen Feind im Inneren.“ Auch von Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian kam ein klares Nein, und Staatschef Francois Hollande stellte klar, es sei Aufgabe der Polizei und nicht der Armee, in den Städten für Sicherheit zu sorgen.

Premierminister Jean-Marc Ayrault erklärte die Gewalt in Marseille aber rasch zur Chefsache. Die Regierung werde es nicht zulassen, dass die Situation in der zweitgrößten Stadt Frankreichs außer Kontrolle gerate, verkündete er. Am kommenden Donnerstag will er mit mehreren Ministern über ein „Aktionsprogramm“ für die 860.000-Einwohner-Stadt auf den Tisch legen.

Äußerst brutale Taten

Der letzte bewaffnete Überfall ereignete sich erst in der Nacht auf Samstag. Dabei wurde laut einem Bericht der Tageszeitung „Liberation“ ein Mann in einer Bar im 15. Bezirk der Stadt bei einem Raubversuch angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die linksliberale Tageszeitung widmete der Stadt - unter Verweis auch auf die großen sozialen Probleme dort - einen ausführlichen historischen Abriss mit dem Titel „Marseille, Frankreichs Hauptstadt des Verbrechens oder des Elends“?

Zuvor war am Mittwochabend ein junger Mann Opfer der Gewalt geworden. Der 25-Jährige, der bereits wegen Drogendelikten mit der Justiz in Konflikt geraten war, wurde in einem Kleinwagen von Projektilen aus einem Sturmgewehr vom russischen Typ AK-47 (Kalaschnikow) regelrecht durchsiebt. Er war das 14. Opfer der Kämpfe zwischen konkurrierenden Drogenbanden in der Stadt selbst, die Region um die südfranzösische Metropole eingerechnet bereits der 19. Tote.

Bereits Ende des Vorjahres bzw. zu Jahreswechsel hatte sich in und um die Stadt eine Reihe äußerst brutaler Mordfälle ereignet. Damals waren mehrere Menschen regelrecht hingerichtet und anschließend in Autos verbrannt worden, um Spuren der Taten zu verwischen. In der Stadt herrschten mittlerweile „Wildwest“-Gesetze, schrieb der „Figaro“ zu Weihnachten unter dem Titel „Marseille unter dem Gesetz der Gangs“.

Tausende Kalaschnikows in Umlauf

Immer wieder kommt es zu Verfolgungsjagden mit der Polizei, bei denen häufig auch aus automatischen Waffen geschossen wird. Die Staatsanwältin der Region Provence-Alpes-Cote d’Azur, Dominique Moyal, sprach wegen der schweren Waffen damals von „Kriegshandlungen“. In den Bandenkriegen mischten „mafiöse Gruppen“ aus Osteuropa und dem ehemaligen Jugoslawien mit.
Von dort stammen laut französischen Medien auch die Waffen in den Bandenkriegen.

Für ein paar hundert Euro sei in Frankreich bereits eines der Schnellfeuergewehre zu haben, bessere Kalaschnikows aus den Restbeständen des Bürgerkriegs auf dem Balkan kosteten auf dem Schwarzmarkt bis zu 2.000 Euro. Das Geschäft ist für Schmuggler scheinbar nicht allzu schwierig: Für eine im Februar ausgestrahlte TV-Dokumentation hatte eine französische Journalistin eine Kalaschnikow von Sarajevo nach Paris geschmuggelt - in einem gewöhnlichen Reisebus, die Waffe in einer Sporttasche versteckt. Rund 15.000 AK-47 sollen in den französischen Vorstädten im Umlauf sein.

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