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Abseits der Propaganda

Es gibt Statistiken, Berichterstattung über die Gesetzgebung und jede Menge politische Propaganda. Wer aber wissen möchte, was „illegale Einwanderung“ wirklich bedeutet, dem sei die packende, berührende Kinodokumentation von Ed Moschitz nahegelegt. „Mama Illegal“ läuft diese Woche in heimischen Kinos an.

Sieben Jahre lang hat der ORF-Journalist („Am Schauplatz“) mit Unterbrechungen für die Dokumentation recherchiert. Drei Frauen aus Moldawien begleitete er mit seinem Kamerateam in Wien und Bologna und bei ihren seltenen Besuchen in der Heimat: Aurica, Raia und Natasa. Aurica hatte bei Moschitz auf die Kinder aufgepasst, er wusste nicht, dass sie sich illegal in Österreich aufhielt und eigentlich selbst zwei Kinder zu Hause hat.

Szenen aus dem Film "Mama illegal"

www.mamaillegal.com

Entweder „illegal“ werden - oder Leben wie im Mittelalter

„Wir nehmen den Kindern dort ihre Eltern weg - so etwas tut man nicht. Mein Gedanke war: Da muss man etwas dagegen tun“, erzählt Moschitz im Interview mit ORF.at So entstand die Idee zu zwei Fernsehbeiträgen, denen schließlich die Kinodoku folgen sollte. Anfangs wusste Moschitz noch nicht, worauf er sich einließ. Es sollten sieben Jahre mit einem Stundenlohn von unter drei Euro folgen, in denen er immer mehr persönlich involviert wurde.

Jahrelang die eigenen Kinder nicht gesehen

Die persönliche Betroffenheit von Moschitz drängt er dem Zuseher nicht auf. Die Geschichten, die er die Frauen und ihre Familien erzählen lässt, sprechen für sich selbst. Aurica ist in Wien und hat ihre Kinder seit zwei Jahren nicht gesehen. Ihr Mann kümmert sich in Moldawien um sie und arbeitet nebenher am Umbau des Hauses. Raia ist bereits sieben Jahre in Bologna, wo sie putzt und sich um ein altes Ehepaar kümmert - ihre Kinder kennen sie nur als Skype-Mama. Auch hier kümmert sich der Mann um alles.

Szenen aus dem Film "Mama illegal"

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Aurica mit ihren beiden Kindern beim Begräbnis ihres Mannes

„Wann kommst Du wieder nach Hause?“

Im Film, der dramaturgisch und von seiner Bildsprache her an Spannung und Tiefe mit jedem Spielfilm mithalten kann, stößt man immer wieder auf Verzweiflung. Die Kinder weinen und Fragen: „Wann kommst Du wieder nach Hause?“ Die Antworten sind meist unverbindliche Ausflüchte. Moschitz ging mit seinem Team in eine moldawische Schulklasse. Fast jedes der Kinder dort hat Elternteile im Ausland, meistens die Mütter. Ein Drittel der Moldawier befindet sich außer Landes - eine ganze Generation wächst, traumatisiert, ohne Mütter auf.

„Das wird Auswirkungen auf ihre Beziehungen, auf ihre Zukunft haben“, sagt Moschitz. Auricas Sohn sagt in einer Szene, er würde seine Kinder niemals alleine lassen - er greift seine Mutter nicht an, zumindest nicht vor der Kamera, aber der Vorwurf liegt in der Luft. Die Kinder entfremden sich von ihren Müttern und vice versa. Selbst beim freudigen Wiedersehen nach vielen Jahren lässt sich das „Fremdeln“ aller Beteiligten nicht übersehen.

Journalist Ed Moschitz

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Regisseur Ed Moschitz

Die neue Rolle der Männer

Evident wird auch, in welch schwieriger Lage sich die Männer befinden. Eigentlich kommt ihnen in der traditionsbehafteten moldawischen Gesellschaft die Rolle der Familienernährer zu - die sie aufgrund einer Arbeitslosenrate von bis zu 80 Prozent in manchen Gegenden nicht einnehmen können. Sie putzen, sind für Kind und Vieh verantwortlich - und dann kommen die Frauen nach Hause und machen ihnen Vorwürfe, weil sie längst blitzblanke Wohnungen gewohnt sind - und kein Leben im bäuerlichen Mittelalter. Auricas Mann wird daran zerbrechen.

Das Ende vieler Beziehungen ist programmiert - „vom Traum eines besseren Lebens bleiben nur die Trümmer“, wie Moschitz sagt. Das Haus ist mit dem Geld aus dem Ausland schön hergerichtet - aber um welchen Preis? Die Familien sind zerstört, und die Frauen haben mehrmals ihr Leben bei illegalen Grenzübertritten riskiert, bei denen sie auch noch bis zu 5.000 Euro für die Schlepper zahlen mussten.

Der Stein rollt weiter

Moschitz hätte am Anfang nicht damit gerechnet, wie desaströs sein Befund der Verhältnisse nach sieben Jahren Drehzeit ausfallen würde. Sein Einsatz hat sich gelohnt. Im Dezember zeigt er den Film im Europaparlament - und er nimmt zwei der Frauen aus seinem Film mit, die erzählen sollen, wozu die massenhafte illegale Migration führt. Echte Hilfe für Moldawien und Unterstützung für einen Strukturwandel sollen angeregt werden.

Und nach dem Screening des Films beim Forum Alpbach wurde spontan von einigen Menschen die Aktionsplattform „Mama legal“ gegründet. Moschitz freut sich über die Eigeninitiative, die durch seinen Film angeregt wurde: „Die wollen dort etwas bewegen. Die hängen sich an die Promotion des Filmes an und haben bereits ein eigenes Logo.“ Der Regisseur hat für seinen Film bereits zahlreiche internationale Preise erhalten. Das Thema darf nicht länger ignoriert werden, sagt Moschitz: „Der Stein soll weiterrollen.“

Simon Hadler, ORF.at

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