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Moskaus Machos in Aktion

Nachdem ein Dokumentarstreifen einer belgischen Filmstudentin über sexuelle Belästigung auf der Straße im Sommer für großes Echo gesorgt hat, findet ihr Projekt offenbar Nachahmerinnen in Moskau. Eine junge Frau filmte mit versteckter Kamera, was ihr bei einem alltäglichen Spaziergang durch die Stadt widerfuhr.

Was sie erlebte, könnte vermutlich jeder Frau in jeder x-beliebigen Stadt passieren: Eine junge Frau, die allein in Moskau unterwegs ist, wird pausenlos von Männern angesprochen und mit meist respektlosen Sprüchen bombardiert. Die Palette reicht von deplatzierten Einladungen bis zu an sexuelle Aggression reichenden Bemerkungen und anzüglichen Gesten. Höfliche, ablehnende Worte werden ignoriert.

Yulia Kolyadina, Moderatorin eines Mode-TV-Senders, stellte ihr Video, das über zwei Tage - von einem Freund, der ihr folgte - mit versteckter Kamera gedreht wurde, ins Netz. Es war der Ausgang einer neuen Bewegung in Moskau, die mittlerweile in Russland von sich reden macht: RosNakhal (frei übersetzt etwa „unverschämter Russe“).

„Grobheiten der schlimmsten Art“

Tägliche Wege seien in Moskau für sie zum Spießrutenlauf geworden, beklagt Kolyadina. Daher habe sie beschlossen, einen Film darüber zu machen. „Ich will allen - insbesondere Männern - zeigen, wie Anmachen in Grobheiten der schlimmsten Art umschlagen können“, sagt sie am Beginn ihres Films.

Was folgt, ist eine Reihe von Szenen in Cafes, Bushaltestellen und auch einfach auf offener Straße. Sagt die Frau in freundlichem Tonfall, dass sie an keinem Gespräch interessiert sei, versuchen einige Männer, sie zu berühren - andere schlagen vor, dass sie mit zu ihnen nach Hause kommen solle, damit man sich besser kennenlerne. Andere bringen ihr Anliegen ohne Umschweife an: „Oh, was für einen reizenden Hintern du hast.“

Renner auf YouTube

„Es ist wirklich ein Problem, und wir fordern von den Männern, dass sie Frauen nicht wie Objekte behandeln, sondern mit Respekt“, zitiert die britische Tageszeitung „Independent“ (Dienstag-Ausgabe) die 20-jährige RosNakhal-Aktivistin Olga Boltneva.

Das Video wurde ein großer Erfolg - nicht nur auf YouTube, wo es der Film in den ersten zwei Wochen auf über eine Million Zugriffe brachte. Das Thema landete im Parlament, wo derzeit über Strafen gegen sexuelle Belästigung diskutiert wird. „Wir arbeiten an einer Lösung“, wird die Parlamentariern Maria Maksakova von der regierungsnahen Partei Vereinigtes Russland zitiert.

Neue Strafe nach Video in Brüssel

Boltneva verweist gegenüber dem „Independent“ auf das Vorbild Brüssel, wo das im Sommer ebenfalls mit versteckter Kamera gedrehte Video „Femme de la rue“ („Frau der Straße“) der Filmstudentin Sofie Peeters für rege Debatten sorgte - und tatsächlich politische Auswirkungen hatte. Für „sexuelle Einschüchterung“ werden nun Strafen von 250 Euro verhängt.

Peeters filmte für ihre Abschlussarbeit mit versteckter Kamera, was ihr passiert, wenn sie ihre Wohnung im Zentrum von Europas Hauptstadt verlässt. Bekleidet in einem Sommerkleid und Stiefeletten geht sie durch die Straßen und nimmt in nur 15 Minuten all die Zurufe und Angebote auf, die ihr von Passanten angetragen werden. Es sind großteils fragwürdige Komplimente: Bemerkungen zu Körperteilen, aggressive Sprüche, die sie als Hure, Miststück und „geiles Luder“ („Chienne“) herabsetzen, Beischlafofferten inklusive. In dem Film interviewt Peeters zudem andere Frauen, die Ähnliches berichten.

Gegen Flirten nichts einzuwenden

In Russland dürfte es für die Aktivistinnen schwer werden, ihrem Anliegen Gehör zu verleihen und die geforderten Strafen für sexuelle Belästigung tatsächlich durchzusetzen. „Independent“ zitiert den Parlamentarier Sergei Kalashnikov von der rechten liberal-demokratischen Partei: Er hoffe, dass der Kelch an Russland vorübergeht und keine Gesetze nach westlichem Vorbild eingeführt werden.

Dabei bemühen sich die RosNakhal-Aktivistinnen - anders als zahlreiche russische Menschenrechtsaktivisten - um einen breiten Konsens und einen sehr gemäßigten Ton. Gegen Flirten und Anmachen sei nichts einzuwenden, aber Männer müssten ein Nein akzeptieren. Das F-Wort Feminismus wollen sie lieber nicht führen: „Nein. Wir sind definitiv keine Feministinnen“, zitiert „Independent“ Boltneva. „Wir lieben und respektieren Männer, wir hassen sie nicht. Aber es gibt Ausnahmen.“

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