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Wenn Zahlen nicht „richtig riechen“

Einen Monat vor der US-Präsidentschaftswahl hat das US-Büro für Arbeitsmarktstatistik die erfreulichste Statistik seit dem Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama vorgelegt. Das kann aus der Sicht seiner Gegner kein Zufall sein. Der Ex-Chef des General-Electric-Konzerns, Jack Welch, hat mit einer entsprechenden Botschaft auf der Nachrichtenplattform Twitter eine landesweite Debatte ausgelöst.

„Unglaubliche Jobzahlen, diese Chicago-Jungs sind zu allem bereit, können nicht diskutieren - daher ändern sie die Zahlen“, schrieb der einflussreiche Manager und bekennende Republikaner am Freitag, nach dem für Obama eher unerfreulichen TV-Duell mit seinem Gegner Mitt Romney, an seine 1,3 Millionen „Followers“. Die aktuelle Arbeitslosenrate von 7,8 Prozent ist weit niedriger als von Experten erwartet. Im letzten Monat lag die Arbeitslosigkeit bei 8,1 Prozent.

„Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus“

Angesichts der Lage der Wirtschaft würden die Zahlen „nicht richtig riechen“, sagte Welch später gegenüber dem - notorisch rechtsgerichteten - Fernsehsender Fox News. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters meinte er, die Zahlen ließen sich nicht mit der „wirtschaftlichen Aktivität vereinbaren - ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus“. Rechte Politiker und Kommentatoren schlossen sich den Vorwürfen nur allzu bereitwillig an.

Ex-General-Electrics-Chef Jack Welch beim World Business Forum in New YorkReuters/Lucas JacksonJack Welch

Der Republikaner Allen West etwa sprach von „Datenmanipulation“ und „Orwell’schen Zuständen“. Die konservative Radiomoderatorin Laura Ingraham wertete die Zahlen als reine Propaganda für Obama. Der konservative Lobbyist Rick Manning meinte, „wer immer diese Arbeitslosenstatistik ernst nimmt, ist entweder naiv oder ein bezahlter Obama-Wahlkämpfer“. Der Republikaner Paul Broun aus dem US-Bundesstaat Georgia findet, das Land solle sich im Hinblick auf die Zahlen „Fragen stellen“.

„Nerds, die an Zahlen herumknabbern“

Das Weiße Haus verwahrte sich gegen die Vorwürfe als „reinen Unsinn“. In den Medien gab es auch Spott für Welch unter Anspielung auf Vorwürfe, er habe bei General Electric Umsatzzahlen manipuliert. Der ehemalige Wirtschaftsberater des Weißen Hauses, Austan Goolsbee, schrieb: „Ich liebe dich Jack, aber hier hast du deinen Verstand verloren.“ „Hört mit diesen blödsinnigen Verschwörungstheorien auf. Um Himmels willen“, kommentierte Tony Fratto, früher Berater des ehemaligen republikanischen Präsidenten George W. Bush.

Tatsächlich sind Möglichkeiten zur Fälschung bei der US-Arbeitslosenstatistik recht gering, da sie dezentralisiert durch Befragungen erstellt wird - und zudem schon vor dem TV-Duell vom Mittwoch fixfertig im Safe des US-Büros für Arbeitsmarktstatistik lag. Der Wirtschaftsprofessor Justin Wolfers sagte, die Zahlen kämen „von Nerds, die ihr Leben damit verbringen, im Dienst der Öffentlichkeit an Zahlen herumzuknabbern“, Welch habe „sich selbst gerade als Idioten abgestempelt“.

Kollektiv lügende Demokraten?

Auch das Weiße Haus betonte, die Zahlen würden von Berufsbeamten erhoben: „Sie verwenden jeden Monat dasselbe Prozedere. Sie verwenden dasselbe Prozedere für republikanische und demokratische Regierungen.“ In einer gewagten These vermutete deshalb der konservative Journalist Conn Carroll, das US-Büro für Arbeitsmarktstatistik habe selbst wohl nichts „gedreht“, aber viele Demokraten hätten bei den Befragungen „gelogen, dass sie einen Job bekommen haben“.

Romney selbst stieg auf die Debatte nicht ein. Auch hätten die Republikaner sie inhaltlich kaum nötig gehabt: In der Form, in der die Zahlen auf dem Tisch liegen, bieten sie genügend Argumentationsmaterial, das an der Aussagekraft der Zahlen zweifeln lässt. So geht aus der Arbeitslosenstatistik hervor, dass die neuen Jobs vor allem Teilzeitbeschäftigungen sind. Der Anteil jener, die einen Fulltime-Job wollen, aber nur eine Teilzeitbeschäftigung finden konnten, stieg um 582.000 Personen.

Eine Nixon-Erfindung

Gut möglich ist auch, dass die Republikaner die Fälschungsvorwürfe wider besseres Wissen erhoben haben: So ist es gelungen, dass Obama den „Jobaufschwung“ nun im Wahlkampf nicht als Munition verwenden kann, sondern sich stattdessen gegen die Anschuldigungen verteidigen muss. So blieb auch der sachliche Einwand ungehört, dass 0,3-Prozent-Schwankungen bei der Arbeitslosigkeit aus statistischer Sicht im Zwölfmonatsrhythmus auftreten, aber schon seit 20 Monaten (damals abwärts) nicht vorgekommen waren.

Jedenfalls aber haben die Demokraten das historische Argument auf ihrer Seite: Die Art, wie die US-Arbeitslosenstatistik erhoben wird, geht auf Anordnungen des republikanischen Präsidenten Richard Nixon aus dem Jahr 1971 zurück. Das wurde damals tatsächlich als politische Taktik gewertet. Nixon ordnete den Umbau im US-Büro für Arbeitsmarktstatistik damals an, nachdem das Büro die damals aktuellen guten Arbeitsmarktzahlen als statistischen Ausreißer bezeichnet hatte.

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Publiziert am 06.10.2012