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Das „bravere“ Graffiti?

In den Schilderwald des öffentlichen Verkehrsnetzes in London mischen sich neben den üblichen Verbots- und Gebotshinweisen derzeit zahlreiche - auf den ersten Blick unauffällige - Ausreißer. Dem originalen Design nachgeahmt, bringen die subversiven, witzigen und teils nachdenklich stimmenden Botschaften die U-Bahn-Gäste zum Schmunzeln.

„Entschuldigen Sie die Inkontinenz während der Bauarbeiten“ steht etwa auf einem der Guerilla-Pickerl. „Kein Augenkontakt - 200 Pfund Strafe“ und „Bitte respektieren Sie urbane Einsamkeit“ steht auf zwei weiteren.

„Tu so, als würdest Du schlafen“

Wer hinter den Aktionen steckt, ist nicht klar - sie verbreiten sich in guerillaartiger Manier mittlerweile aber wie ein Lauffeuer. Auf Internetplattformen werden mittlerweile Vorlagen angeboten, auf Blogs und Facebook werden die witzigsten Sprüche veröffentlicht.

Screenshot mit U-Bahn-Sticker

Screenshot stickersonthecentralline.tumblr.com

Keine freie Sitzplatzwahl in der Central Line

Darunter finden sich etwa: „IPods müssen permanent getragen werden. Wenn du keinen iPod hast, dann spiele mit deinem Handy, lies eine Zeitung oder tu so, als würdest du schlafen“, „Stoßzeiten könnten dazu führen, dass Sie Menschen auf Ihrem Schoß Platz nehmen lassen müssen.“ Ein Aufkleber über den U-Bahn-Türen warnt davor, dass „unanständige Fahrgäste zerquetscht“ würden, und andere sind im Design des Spieleklassikers Monopoly umgestaltet.

James, der auf seiner Website ähnliche Aufkleber für zwei Pfund pro Stück verkauft, sagte gegenüber der BBC: „Es ist eine Art von Rebellion“ - die Leute wollten damit die trübe Stimmung aufhellen. „Dass sich die Menschen relativ frei ausdrücken können, ist ein bisschen wie Realitätsflucht und Freiheit.“

Screenshot zeigt Bild von einem U-Bahn-Sticker

Screenshot facebook.com/stickersonthecentralline

Dieser Platz ist der Queen vorbehalten

Schnell und einfach

Die wachsende Popularität erklärt er sich durch die Tatsache, dass die Aufkleber einfach selbst herzustellen sind. „Die Leute brauchen nur ihr Pickerl rausnehmen, es aufkleben und sind innerhalb von Sekunden wieder verschwinden.“ Und im Gegensatz zu Graffiti könnten sie wieder problemlos entfernt werden. Überklebt werden dabei nicht nur Informationsschilder, sondern auch Pläne. So führt eine U-Bahn-Linie plötzlich etwa in die Nightmare on Elm Street, nach Drunk oder schlicht zum Hell’s Gate.

Screenshot zeigt Bild von einem U-Bahn-Sticker

Screenshot facebook.com/stickersonthecentralline

Um 3,60 Pfund gibt es ein Pint in der Station Drunk

Alle finden die Sprüche freilich nicht zum Lachen. Bei der Britischen Transportpolizei will man keinen großen Unterschied zu Graffiti ausmachen. Und dieser sei „unerwünschter Vandalismus“, den man nicht toleriere. Die „Zerstörungen“ seien ein „Schandfleck für viele Bewohner“.

Gefälschte Hinweise auch in Wien

U-Bahnen sind nicht nur in London immer wieder Schauplatz aktionistischer Handlungen. Auch in Wien etwa wurden Hinweispickerl in U-Bahnen bereits „verfeinert“. Unter anderem passierte das in Anlehnung an ein Video, das es Ende 2010 auf YouTube zu Berühmtheit gebracht hat und ein Pärchen beim Sex in der U-Bahn zeigt, wie auf dem Blog Maldungi nachzulesen ist.

Screenshot zeigt Foto von einem U-Bahn-Sticker

Screenshot maldungi.wordpress.com

In der U6 haben auch Liebespärchen ein Recht auf einen Sitzplatz

Rebellisch und ganz und gar nicht im Sinn der Wiener Linien hieß es im Jahr 2009 vor allem im zehnten Wiener Bezirk auf zahlreichen perfekt nachgeahmten Hinweistafeln: „Wir möchten uns dafür entschuldigen, durch die permanente Videoüberwachung in Ihre Privatsphäre und allgemeinen Grundrechte einzugreifen. Sollten Sie diese Eingriffe nicht akzeptieren, sind Sie dazu angehalten, die Videokameras zu überkleben oder Ihr Gesicht zu vermummen.“ Ähnlich wie in London hatten bei diesem Thema auch die Wiener Linien wenig Spaß verstanden und Strafen angekündigt.

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