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Gleiche Prozesse hinter Krankheiten

Experten sind der Ansicht, dass Alzheimer stark mit Diabetes mellitus (Typ 2) in Verbindung steht - und zwar derart unmittelbar, dass die Erkrankung von Wissenschaftlern auch als Diabetes des Gehirns bezeichnet wird. Das niederländische „Journal of Alzheimer’s Disease“ berichtet über eine Studie, die am Rhode Island Hospital (RIH) in den USA durchgeführt wurde.

Die Ursachen für den massiven Anstieg der Diabetes-mellitus-Erkrankungen sind bekannt: Übergewicht und im Besonderen der Verzehr von großen Mengen an Fast Food, das viel Zucker, Fett und raffinierte Kohlenhydrate enthält.

Das hat einen Anstieg des Blutzuckerspiegels zur Folge. Um das auszugleichen, muss der Körper mehr Insulin produzieren. Doch die negativen Erscheinungen sind vom Körper nicht in den Griff zu bekommen, der erhöhte Blutzucker und die Mehrproduktion an Insulin schädigen mittel- und langfristig die Blutgefäße im Herzen und in die Gliedmaßen.

An diesem Punkt setzen die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, wonach gestiegene Insulinwerte in weiterer Folge auch das Gehirn beeinträchtigen. Gleichzeitig wurde bei weiteren Untersuchungen festgestellt, dass dieses vom Körper produzierte Hormon für die Funktion des Gehirns eine weit wichtigere Rolle spielt als ursprünglich vermutet. Vor allem, wenn es um den Schutz von Zellen geht - womit auch die Merk- und Erinnerungsfähigkeit des menschlichen Gehirns in Verbindung steht.

Insulinresistenz wirkt auf Gehirn

Der Weg zu Diabetes - und damit sehr wahrscheinlich auch zu Alzheimer - ist die Insulinresistenz. Eine solche entsteht, wenn der Körper sich zunehmend an einen erhöhten Insulinwert im Blut gewöhnt und immer größere Mengen an Insulin zur Verarbeitung des Blutzuckers notwendig werden - der kontinuierliche Konsum fetter und zuckerhaltiger Ernährung stößt die Negativspirale dabei stets neu an.

Im Zuge dessen müsste das überschüssige Fett verarbeitet werden, Fettzellen, Muskeln und die Leber beginnen, die Lieferungen des vorhandenen Insulins zurückzuweisen. Ein Typ-2-Diabetiker produziert viel mehr körpereigenes Insulin als ein stoffwechselgesunder Mensch. Aufgrund einer hohen Insulinresistenz steigt der Blutzucker dennoch an, später kommt es zu einem Insulinmangel.

Insulin für Gehirnfunktion wichtig

Insulin ist für das Funktionieren des Gehirns wichtig - es wird sogar teilweise im Gehirn produziert. Das Hormon hält die Blutgefäße im Gehirn gesund und hilft den Gehirnzellen (Nervenzellen bzw. Neuronen, Anm.) bei der für ihre Funktion notwendigen Zuckeraufnahme. Dadurch ist das Gehirn lern- und merkfähig. Insulin ist auch in die Herstellung der chemischen Botenstoffe, die Informationen im Gehirn transportieren, involviert.

Steigen Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten so stark an und reagiert der Körper mit Insulinresistenz, stört das die engen Beziehungen zwischen den Gehirnzellen und dem Insulin – das Gehirn wird also geschädigt. Zudem gibt es einen Zusammenhang von Insulinresistenz und Entstehung von sogenannten Senilen Plaques, also Ablagerungen von beschädigten Proteinen, die eine Erscheinung der Alzheimer-Krankheit sind.

Vier Wochen Fast Food

In einer Studie der US-amerikanischen Brown University in Rhode Island wurde bei Ratten durch die Blockade des Insulinnachschubs eine Insulinresistenz simuliert. Die Tiere zeigten Zeichen von Desorientiertheit und entwickelten Senile Plaques im Gehirn.

Doch die Folgen von erhöhtem Blutzucker treffen nicht nur Ratten. In einer Studie des US-Ministeriums für Kriegsveteranen konnten im vergangenen Jahr an einer gesunden, freiwilligen Versuchsgruppe nach vier Wochen ausschließlichen Fast-Food-Konsums bereits Hinweise auf Senile Plaques im Rückenmark nachgewiesen werden.

Hohe Insulinwerte im Gehirn können die Nervenzellen im Gehirn schädigen. „Insulin tritt im Gehirn gemeinsam mit einem anderen Hormon, Amylin, auf. Dieses ruft die gleichen Plaques, die bei Demenzkranken im Gehirn entstehen, in der Bauchspeicheldrüse hervor. Dies könnte die Entstehung von Plaques im Gehirn fördern“, erklärt Jennie Brand-Miller - Biochemikerin an der Universität von Sydney und eine der wichtigsten internationalen Insulin-Expertinnen - der „Daily Mail“. Hohe Blutzuckerwerte steigern also nicht nur den Insulinlevel, sondern schädigen auch das Gehirn.

Reduzierte Lernfähigkeit

Zuletzt wiesen Forscher nach, dass der Konsum großer Mengen von Fructose, einem konzentrierten Süßstoff, der in zahlreichen Lebensmitteln (und auch in Obst und Gemüse, Anm.) vorkommt, die Gehirnfunktionen von Ratten beeinträchtigt. „Eine fructosereiche Ernährung über lange Zeit hinweg reduziert die Lernfähigkeit und Erinnerungsfunktionen“, sagt Versuchsleiter Fernandez Gomez-Pinilla, ein Professor der Neurochirurgie.

Anfang des Jahres führte ein australisches Forschungsteam Gehirnscans bei 300 älteren, nicht dementen Personen durch. Bei Personen mit Diabetes zeigte sich, dass ihre Gehirne bis zu 2,5-mal schneller schrumpften als bei jenen ohne Diabetes. Vor allem der vordere Hirnbereich war betroffen – hier sind viele von Demenz betroffene Funktionen angesiedelt wie Entscheidungsfähigkeit, emotionale Kontrolle und das Langzeitgedächtnis.

Erkrankungsraten verlaufen konform

Der Zusammenhang zwischen Diabetes Typ 2 und Alzheimer lässt sich auch an den Erkrankungsraten zeigen - beide steigen etwa gleich stark an. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass gleiche Prozesse hinter beiden Krankheiten stehen.

Hier lohnt ein Blick auf die Statistik: „Vor 1980 gab es wenige Gemeinsamkeiten zwischen Alzheimer und Diabetes. Tatsächlich sank die Menge der Diabeteserkrankungen sogar“, erklärt Suzanne de la Monte, Neuropathologin der Brown Universität. Doch dann sei eine signifikante Veränderung zu beobachten: „Die Sterberate beider Erkrankungen war 2005 in jeder Altersgruppe höher als 1980. Meiner Meinung nach beginnt Alzheimer mit einer Insulinresistenz“, argumentiert De la Monte.

Wenn sich diese Verbindungen zwischen Diabetes, Insulin und Alzheimer bestätigen, böte das auch mehr Behandlungsmöglichkeiten: Medikamente, die bereits zur Behandlung von Diabetes eingesetzt werden, könnten Alzheimer-Patienten helfen und den Fortschritt der Krankheit stoppen.

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