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Von Klingelton- zu Schuhverkäufern

In Zeiten erhöhten Geschenkebedarfs ist online mit wenigen Klicks rasch alles Notwendige aufzutreiben. Aber auch sonst liegt kurzweiliger Onlineversandhandel im Trend. Dieser Boom machte Zalando rasch zu einem Marktriesen. Doch das Unternehmen schreibt trotzdem nach wie vor rote Zahlen.

Was Unternehmenszahlen betrifft, gab sich die Firma über lange Zeit sehr bedeckt, erst im Juli 2012 wurden nach vierjährigem Bestand erstmals Umsatzzahlen vorgelegt, am Mittwoch gab das Unternehmen nach entsprechenden Gerüchten schließlich rote Zahlen in der Firmenbilanz offiziell bekannt.

Zweifel an der Wirtschaftlichkeit

Im abgelaufenen Geschäftsjahr habe das Unternehmen 510 Mio. Euro eingenommen und seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr damit „mehr als verdreifacht“, teilte Zalando noch im Sommer mit. Berichten des Nachrichtenmagazins „Focus“ zufolge konnte Zalando im Geschäftsjahr 2012 seinen Umsatz verdoppeln und kratzt damit an der Marke von einer Milliarde Euro, was vom Unternehmen auch offiziell bestätigt wurde. Gleichzeitig sei aber bereits 2011 der Verlust auf 40 Millionen Euro angewachsen, ein neuer Rekordwert, der am Ende des Geschäftsjahres ausständig gewesen sein soll, heißt es.

Rubin Ritter (Geschäftsführer der Zalando GmbH)

dapd/Candy Welz

Zalando-Geschäftsführer Ritter: „Anlaufverluste in Kauf nehmen“

„Großinvestitionen“ als Ursache?

Zalando-Geschäftsführer Rubin Ritter verwies am Rande der Eröffnung eines neuen Logistikzentrums in Erfurt am Mittwoch auf ebensolche Projekte, die für die roten Zahlen verantwortlich zeichneten. „Man muss Anlaufverluste in Kauf nehmen, um erfolgreich zu sein“, sagte Ritter. Das Unternehmen nimmt gleichsam keine Stellung dazu, wie es mit den Zahlen für 2012 aussieht, sondern beließ es am Mittwoch lediglich bei einer Ankündigung, das „in den kommenden Monaten“ zu tun, wie eine Sprecherin mitteilte.

70 Prozent der Waren retour?

Beobachter begründen das Minus unterm Strich jedoch auch mit überbordend hohen Ausgaben für Werbung und Marketing und der nach Angaben mehrerer Quellen hohen Rücklaufquote beim Onlineversand. Allgemein ist in verschiedenen Branchenmagazinen seit einiger Zeit von einem Rücklauf von 70 Prozent die Rede. Grund dafür ist das spezielle Kaufverhalten - die überwiegende Anzahl der Kunden bestellt routinemäßig Artikel in verschiedenen Größen zugleich und schickt die nicht passenden wieder zurück. Gerade deshalb hegen Experten Zweifel, ob sich das Geschäftsmodell rentieren kann.

Zalando dementiert

Zalando selbst dementiert die 70-prozentige Rücklaufquote. Der Anteil bewege sich im Branchenschnitt, dieser liege bei etwa 50 Prozent, wie es hieß. „Wenn wir Probleme hätten, würden wir nicht so viel Geld in die Hand nehmen“, argumentierte Ritter am Mittwoch am Rande der Eröffnung des neuen Versandzentrums in Erfurt.

Das System Zalandos „bringt zwar Kunden, kostet aber ungeheuer viel“, sagte der Chefredakteur des Internetportals Gründerszene.de, Joel Kaczmarek, dem Magazin „stern“. „Viele bestellen immer gleich drei Größen eines Modells und schicken die nicht passenden auf Zalandos Kosten zurück.“ Da Zalando sich nicht wirklich in die Karten blicken lässt, stößt jede Recherche über Zalandos Geschäftsgeheimnisse sehr rasch an die Grenzen der Unternehmenskommunikation des Unternehmens - nur Weniges wird bestätigt oder dementiert.

Logistikzentrum des Versandhändlers Zalando in Erfurt

dapd/Candy Welz

Das neue Logistikzentrum in Erfurt: Fünf Hallen, in denen derzeit 800 Beschäftigte arbeiten. Zalando spricht vom „größten Kleiderschrank Europas“

Brüder-Dreigestirn um Jamba und StudiVZ

Unabhängig davon gilt das Unternehmen als absolute Erfolgsgeschichte - vier Jahre nach seiner Gründung ist der Onlinehändler eigenen Angaben zufolge in 14 Ländern aktiv. Seit April 2009 ist die Berliner Firma auch in Österreich tätig - doch Kundenzentrum und Logistik werden seither komplett von Deutschland aus betrieben.

Die Köpfe dahinter sind keine unbeschriebenen Blätter: Es handelt sich um die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, die mit der Gründung des Handyklingelton-Portals Jamba und dem Verkauf des davor betriebenen Portals Alando an eBay bereits Jahre vor der Gründung von Zalando zu Millionären wurden. Auch ist das Dreigestirn an Investments wie StudiVZ und der Partnervermittlung eDarling beteiligt - auch über Facebook-Anteile verfügt das Gebrüdertrio.

Umstrittene Arbeitsbedingungen

Im Sommer war das Unternehmen im negativen Sinne in die Schlagzeilen geraten: Eine Reportage des ZDF berichtete von schlechten Arbeitsbedingungen in den Versandhäusern. Undercovermitarbeiter, die drei Tage lang in der Retourenabteilung von Zalando arbeiteten, prangerten Missstände wie überfüllte Umkleidekabinen für die Mitarbeiter, keine Sitzmöglichkeiten während der Arbeit und verschmutzte Toiletten an. Auch stünden die Logistikkräfte unter ständiger Beobachtung und Erfolgskontrolle. Zwischen 45 und 50 Produkte pro Stunde sollten um einen Lohn von 7,01 Euro pro Stunde bearbeitet werden, andernfalls würde mit Versetzung gedroht, hieß es.

Das Unternehmen gelobte rasche Besserung, von konkreten Maßnahmen wurde nichts bekannt. Im Juni geriet Zalando auch in der Schweiz in die Schlagzeilen, weil dort wiederholt Kunden gemahnt worden waren, die ihre Rechnungen bereits beglichen hatten, wie die „Basler Zeitung“ schreibt. Zalando sprach damals von einem „Kapazitätsproblem“.

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