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Handarbeit schlägt Hightech

Skifahren, Langlaufen, Schneeschuhwandern - viele Menschen genießen auch im Winter die Bewegung in der frischen Luft. Durch die Nähe zur Natur setzt bei vielen auch ein Umdenken in Sachen Ausrüstung ein: weg von synthetischen Fasern hin zu natürlichen Materialien. Das Angebot an Naturfasern ist zwar noch überschaubar, doch die Zahl der überzeugten Anhänger wächst zusehends.

Das Zauberwort in diesem Winter ist Merinowolle. Viele, die es einmal ausprobiert haben, schwören darauf. Die feine, hochqualitative Schafwolle wird zu Unterwäsche, Longsleeve-Shirts und Pullovern verarbeitet und bietet all das, was Hersteller von Kunstfasern seit Jahren zu kopieren versuchen: Sie ist atmungsaktiv, trocknet schnell und hat auch einen anderen entscheidenden Vorteil - sie neutralisiert Gerüche.

Comeback der Wollunterwäsche

„Die Nachfrage nach Merinowäsche ist in den letzten zwei, drei Jahren stetig gewachsen und ist heuer so stark wie noch nie“, bestätigt Romana Birgmann von Intersport Eybl in Salzburg. Angeboten werden die Shirts und Unterhosen in verschiedenen Stärken, „je nachdem, wie groß das persönliche Kälteempfinden ist“. Mit der selbst gestrickten Wollunterwäsche vergangener Jahre haben diese Produkte schon längst nichts mehr gemein.

Socken der Firma Lodenwalker

Lodenwalker

Die Schafwollsocken feiern fröhliche Urständ

Optisch unterscheiden sich die Modelle aus Merinowolle kaum von jenen aus synthetischen Fasern. So gibt es die Merinowäsche in knalligen Farben wie pink, türkis und blitzblau. Einer der Vorreiter ist die neuseeländische Firma Icebreaker, die seit 1994 Funktionswäsche aus feinster Merinowolle herstellt und mittlerweile von Unterwäsche über Socken und Handschuhe bis hin zu Freizeitmode ein breites Sortiment unterhält.

Merinowolle

Merinoschafe stammen ursprünglich aus Nordafrika und gelangten im 14. Jahrhundert nach Europa. Heute sind sie der bedeutendste Wirtschaftsfaktor für Australien und Neuseeland. Ein Schaf kann bis zu zehn Kilogramm Wolle im Jahr liefern. Die Wolle ist besonders fein und elastisch.

Doch für pure Natur auf der Haut muss der Kunde auch tiefer in die Tasche greifen. „Bei der Merinowolle bewegen wir uns schon im hochpreisigen Segment“, erklärt Fabian Holub vom Wiener Bergsportspezialisten Bergfuchs. Je nach Stärke kostet ein Funktionsshirt im Schnitt zwischen 60 und 75 Euro, kann aber auch schon einmal mit bis zu 120 Euro zu Buche schlagen. Dafür kommt man auch auf längeren Touren mit weniger Kleidung aus. Während Kunstfaserträger schon allein wegen des Geruchs ein Shirt kein zweites Mal anziehen können, ohne von ihren Bergkameraden aus dem Schlafsaal verbannt zu werden, riecht Wolle auch nach mehrmaligem Tragen nicht.

Loden bei Wind und Wetter

Bei der Oberbekleidung wird dann im Handel die Luft für reine Naturfasern schon dünner. „Weder Leder noch Naturfasern bieten hier geeignete Alternativen“, ist Holub überzeugt. Wenn Naturfasern verwendet werden, werden sie wie beim schwedischen Outdoor-Spezialisten Fjällräven meist mit Kunstfasern kombiniert. Bei den G-1000-Jacken von Fjällräven wird Baumwolle mit Polyester gemischt und zusätzlich gewachst. Das Material ist zwar robust, wasser- und windabweisend, doch das Wachs muss nach drei bis vier Wäschen wieder neu aufgetragen werden.

Historisches Bild der Firma Lodenwalker

Lodenwalker

Seit 500 Jahren werden in der Ramsau Loden hergestellt. 1434 gründete die Familie Steiner am Fuße des Dachsteins ihre Lodenwalke.

Darüber kann Jörg Steiner nur den Kopf schütteln. In seinem steirischen Unternehmen setzt er ganz auf ein uraltes, österreichisches Qualitätsprodukt: den Walkloden. Dabei wird Schafwolle zu einem festen Stoff gewebt und in einem weiteren Fertigungsschritt im nassen Zustand so lange geknetet („gewalkt“), bis er verfilzt und damit nicht nur hohe Festigkeit und ideale Wärmeeigenschaften erhält, sondern durch das natürliche Fett der Wolle auch wasserabweisend wird.

„Niemand will Cola-Flaschen am Körper tragen“

„Die ganzen Polyesterfasern sind nichts anderes als Cola-Flaschen. Und das ist etwas, was man nicht am Körper tragen will“, ist Steiner von seinem Naturprodukt überzeugt. Wolle bringe alle Eigenschaften mit, um für den Einsatz im Freien gut gerüstet zu sein. Hersteller von Kunstfasern würden schließlich seit Jahren nichts anderes machen, als Wolle so gut wie möglich zu kopieren. „Loden ist atmungsaktiv, selbstreinigend, schnelltrocknend und geruchsneutral, und das ganz ohne chemische Zusätze“, so Steiner. „Und Wolle wärmt auch, wenn sie nass ist.“

Das macht seine Fäustlinge, Socken, Ski- und Expeditionshosen vor allem für Menschen attraktiv, die viele Stunden im Schnee verbringen. „Ein Kunde von mir ist Snowboardlehrer, der hatte bisher immer mehrere Hosen für alle Temperaturen. Nun hat er eine aus Loden und ist damit vollauf zufrieden.“ Ein Aspekt sei auch, dass die Leute wieder verstärkt auf heimische Produkte zurückgreifen würden, erzählt Steiner gegenüber ORF.at. Erhältlich sind die Lodenprodukte übrigens ausschließlich in der Produktionsstätte in der Ramsau. Eine Skihose aus Loden kostet um die 235 Euro.

Schafwolljacken müssen in die Kältekammer

Auf den Tiroler Bergen schwört man bereits „seit 20 bis 30 Jahren“ auf Schafwolle, wie Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, erzählt. Gerade die Wollunterwäsche habe sich so sehr bewährt, dass von den Bergrettern der Wunsch nach Einsatzjacken mit Wollfüllung gekommen sei, so Veider. 2011 wurden in Zusammenarbeit mit der Firma Ortovox und der Tirolwool entsprechende Jacken produziert. „Die Rückmeldungen waren so positiv, dass wir selbst davon überrascht waren“, so Veider.

Doch Erlebnisberichte allein sind der Tiroler Bergrettung zu wenig. Gemeinsam mit dem Sportwissenschaftlichen Institut will man nun auch den wissenschaftlichen Beweis antreten, dass die Schafwolljacken mit der Konkurrenz aus Daune oder Primaloft mithalten kann. Auf die Ergebnisse vom Langzeittest in der Kältekammer wartet man zwar noch, doch das Interesse an den Jacken ist längst geweckt. Seit Herbst sind die Jacken in einigen wenigen Shops in Innsbruck auch käuflich erwerbbar.

Gabi Greiner, ORF.at

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