Themenüberblick

Mit Schichttechnik auf 8.000 Meter

Lange wurde angenommen, dass die ersten Expeditionen auf den Mount Everest um die Jahrhundertwende nur unzureichend ausgestattet waren, und viele Bergsteiger deshalb nicht mehr den Weg zurück ins Basislager schafften. Das änderte sich, als man die Überreste von George Mallory fand.

Der britische Abenteurer starb 1924 auf dem Weg zum Gipfel, 75 Jahre später, am 1. Mai 1999, wurde seine Leiche von einem britisch-amerikanischen Expeditionsteam geborgen. Die Sensation war jedoch, dass Teile seiner Kleidung in überraschend gutem Zustand waren. So gewannen Experten erstmals einen Einblick, wie sich Bergsteiger um die Jahrhundertwende gegen Wind und Kälte ausgerüstet haben - und sie stellten dabei Erstaunliches fest.

George Mallory auf dem Mount Everest

Public Domain

Am 1. Juni 1924 begannen Mallory und Charles Bruce mit dem Aufstieg

Mike Parsons und Mary Rose von der Lancaster Universität untersuchten die Kleidung und kamen zu einem Ergebnis, dass die Bergsteiger bis zu sechs verschiedene Kleidungsschichten trugen. Die Kombination von Seide und Wolle der einzelnen Lagen war durchaus ausgeklügelt sowie innovativ und garantierte völlige Bewegungsfreiheit bei nur rund 4.000 Gramm Gewicht.

Auf der Haut trugen Mallory und seine Kameraden ein langärmliges Shirt aus einem Seide-Woll-Gemisch. Darüber kamen ein Sportshirt aus Seide und ein Pullover aus feiner Shetland-Wolle, dann wieder eine Schicht aus Seide sowie ein Wollhemd. Den Abschluss bildete schließlich eine robuste Baumwolljacke von Burberry.

Kleidung leichter als heute

Die Kleidung für den Oberkörper wog alles in allem 2.675 Gramm. Zusammen mit den drei langen Unterhosen und der dicken Baumwollhose (ebenfalls von Burberry) wog die Originalkleidung 4.160 Gramm - und damit sogar weniger als das, was heutige Expeditionsteilnehmer auf über 8.000 Meter auf dem Körper tragen. Doch für den eigentlichen Härtetest wollten Wissenschaftler die Kleidung originalgetreu nachschneidern, was sich als deutlich schwieriger herausstellte als zunächst angenommen.

Schwierige Spurensuche

2005 startete ein Team um Parsons und Rose mit der Faseranalyse. Die Unterwäsche wurde bis zu einem Verkäufer in Schottland zurückverfolgt. Doch der existierte natürlich längst nicht mehr. Daraufhin wurde das britische Traditionshaus John Smedley mit der Replikation des Seide-Woll-Stoffes beauftragt. Dabei stellte sich heraus, dass der schottische Händler auf ihrer Kundenliste stand. Die Unterwäsche stammte somit von Smedley und wird auch heute noch angeboten.

„Weil er da ist“

George Mallory nahm an drei Everest-Expeditionen teil. 1924 starb er bei seinem letzten Versuch, den Gipfel zu erreichen. Bis heute ist unklar, ob er es geschafft hat. Berühmt wurde er für seine Antwort auf die Frage, warum er den Everest besteigen wolle: „Because it is there.“

Schwieriger war es mit der Jacke. Sie stammte laut eingenähtem Label von Burberry. In den Bestellbüchern, die bis ins Jahr 1927 zurückreichen, fand sich jedoch kein Hinweis über die verwendeten Materialien. Zudem wurde der Schnitt der Jacke Mallorys Bedürfnissen entsprechend abgeändert. So ähneln die Taschen und der Kragen Militärjacken aus dem ersten Weltkrieg. Mit Unterstützung von Burberry und dem Stofflieferanten Woodrow Universal Mills gelang jedoch eine fast exakte Nachbildung der Jacke und Hose.

Erfolgreicher Test auf 8.000 Meter Höhe

2006 nahm Graham Hoyland, ein Großneffe von Howard Somervell, der 1922 und 1924 Mount-Everest-Routen erkundete, in einer Replikation der Originalkleidung an einer Mount-Everest-Expedition teil. Bis auf ein paar Kleinigkeiten - so konnte er die Knöpfe am Kragen in der Kälte nicht mit den Fingern schließen - war die Kleidung überraschend komfortabel. Er konnte die Arme völlig nach oben ausstrecken, ohne dass die warmen Luftschichten unter seiner Kleidung entwichen. Auch schweißtreibende Arbeiten konnten in der Kleidung ohne Probleme bewältigt werden.

Obwohl kein einziges Gramm Kunststofffaser verwendet wurde, kam er trocken und warm auf dem Gipfel an. Sein Fazit war, dass die damalige Kleidung „mehr als hinreichend“ war, um den Gipfel zu erklimmen. Das bestätigte auch Dave Brook vom britischen Performance Clothing Research Center. „Mallory war ausreichend gut isoliert, um auf dem Everest zu überleben, vorausgesetzt er bewegte sich.“ Problematisch sei die Kleidung jedoch beim Biwakieren. Was am 8. Juni 1924 wirklich dazu führte, dass Mallory nicht mehr zurückkam, wird nie geklärt werden. An der Kleidung scheiterte die Expedition jedoch nicht.

Gabi Greiner, ORF.at

Links: