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Versandhändler empört Nutzer

Eine Reportage der ARD hat Mitte letzter Woche bedenkliche Zustände beim Onlineversandhändler Amazon in Deutschland enthüllt. Die dokumentierten Szenen - vielfach mit versteckter Kamera gefilmt - muten tatsächlich furchterregend an: Die vielfach aus dem Ausland stammenden Arbeiter werden von Sicherheitsleuten bedrängt und kontrolliert, der Umgang ist äußerst grob. Das löste auf Facebook und Co. einen Sturm an Entrüstung aus.

So machen derzeit unzählige Beiträge von empörten Amazon-Kunden aber auch jenen, die angeblich noch nie etwas beim Onlineversand bestellt haben wollen, die Runde. „Ich kaufe nicht mehr bei Amazon“ oder „Kauft nicht mehr bei Amazon“ sind hier die häufigsten Einträge. Auch Ankündigungen, das Konto „löschen“ zu wollen, wirbeln durch die Sozialen Netzwerke.

Unter strengem Regiment der Sicherheitsfirma

Andere nehmen stärker auf die schockierenden Einzelheiten der ARD-Dokumentation Bezug: Der Film zeigt unter anderem, wie Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die oft aus dem Ausland stammenden Leiharbeiter deutscher Amazon-Niederlassungen bedrängen und schikanieren. Die ARD-Dokumentation nahm dabei die Verhältnisse im Logistikzentrum Bad Hersfeld (Hessen) unter die Lupe.

Zudem stellte die Dokumentation die Arbeitsrealität der in den Amazon-Versandlagern beschäftigten Leiharbeiter dar: Diese stammen zu einem Großteil aus Osteuropa. Untergebracht in teilweise baufälligen Unterkünften im Umkreis der Logistikzentren unterliegen sie strengen „Verhaltensregeln“. Einkaufen sei nur zu festgelegten „Einkaufszeiten“ erlaubt. Der Arbeitseinsatz erfolge nach Bedarf, bezahlt würde freilich nur die tatsächliche Arbeitszeit, der Lohn unterschreite die Mindestvorgaben, hieß es in der ARD-Doku.

Weiteres pikantes Detail: Amazon arbeitet mit der österreichischen Firma Trenkwalder zusammen. Über den Personaldienstleister werden die Zeitarbeitskräfte vermittelt.

Securitys mit Verbindungen zur rechten Szene?

Doch auch die von Amazon beschäftigten Sicherheitsleute, deren angsteinflößender Umgang auffällig ist, werfen Fragen auf: So trugen die Männer Kleidung der Marke Thor Steinar. Eine Marke, die beinah ausschließlich in Neonazi-Kreisen verbreitet ist und als Code für entsprechende Gesinnung gilt. In Deutschland ist das Tragen dieser Marke in vielen Fußballstadien und auch im Bundestag in Berlin verboten. Auch Amazon selbst vertreibt diese Marke seit einigen Jahren nicht mehr. Nach Angaben der recherchierenden ARD-Journalisten hätten die Securitys auch tatsächlich Verbindungen zur rechtsradikalen Szene.

Fließbandarbeiter bei Amazon

APA/dpa/Jan-Philipp Strobel

Die Versandabteilung eines deutschen Amazon-Logistikzentrums

Amazon: 7.700 Festangestellte in Logistikzentren

Die deutsche Gewerkschaft Verdi wirft dem Konzern seit längerem vor, gerade Saisonkräfte schlecht zu bezahlen und etwa mit strengen Kontrollen und Überwachung zu gängeln. Der Onlineriese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7.700 festangestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. „In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein“, teilte Amazon Ende letzter Woche mit.

Im Film wird weiters berichtet, dass Sicherheitsleute zum Beispiel Unterkünfte von Zeitarbeitern durchsucht hätten. „Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit selbstverständlich den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten“, heißt es in der Stellungnahme von Amazon dazu. Man dulde „keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung“. Auch überprüfe Amazon Dienstleister, „die die Unterbringung von Saisonkräften aus anderen Regionen verantworten, regelmäßig“.

Amazon gab wenige Tage später die Trennung von der umstrittenen Sicherheitsfirma H.E.S.S und einem Unternehmen - zuständig für die Unterbringung der Saisonarbeiter in der Weihnachtszeit - bekannt. In Spitzenzeiten arbeite Amazon mit Zeitarbeitsfirmen zusammen, bestätigte der Onlinehändler. Im ersten Jahr würden Mitarbeiter einen Bruttostundenlohn von mehr als 9,30 Euro erhalten - danach steige der Bruttolohn auf über zehn Euro, gab Amazon an.

„Beschädigen das Ansehen Deutschlands zutiefst“

Der Chef der Arbeitsagenturen im deutschen Bundesland Hessen, Frank Martin, zeigte sich besorgt und verlangte Ende letzer Woche von dem US-Unternehmen schnellstmögliche Aufklärung „derzeit nicht transparenter Sachverhalte“. Die Vorwürfe stellten auch Aktivitäten infrage, im Ausland Arbeitnehmer anzuwerben und somit den Bedarf an Fachkräften für die deutsche Wirtschaft zu sichern, erklärte der Leiter der Regionaldirektion Hessen in einer Mitteilung. „Die (...) geschilderten Lebens- und Arbeitsbedingungen (...) beschädigen das Ansehen Deutschlands zutiefst. Nicht erst seit der letzten OSZE-Studie wissen wir, dass Deutschland nicht zu den begehrten Einwandererländern gehört.“

Zustände bei Amazon als „Dauerproblem“

Der Amazon-Experte der Gewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, sagte, das Unternehmen werbe viele Zeitarbeiter mittlerweile im Ausland an, da in der Umgebung der Logistikzentren viele Arbeitskräfte bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten und nicht mehr dort arbeiten wollten. Reimann sagte, die Zustände bei Amazon seien ein „Dauerproblem“, auch im Branchenvergleich. Es gebe in anderen Versandfirmen ebenfalls Missstände, aber nicht in diesem Ausmaß. Dennoch habe Amazon durchaus auch auf Beschwerden reagiert und Mängel abgestellt. Allerdings bleibe angesichts des Geschäftsmodells dem Konzern kaum etwas anderes übrig, als befristete Mitarbeiter oder Zeitarbeiter einzusetzen.

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