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Unzulässige Messung?

Zwischen den beiden Kleinstädten Oimjakon und Werchojansk in der sibirischen Republik Sacha ist ein kurioser Streit entbrannt. Just die Frage, wer von beiden denn die kälteste bewohnte Ortschaft der Welt ist, wurde zum Zankapfel. Die Einwohner von Oimjakon beanspruchen den Titel seit der Messung von minus 67,7 Grad Celsius vor rund 70 Jahren für sich. Um 0,1 Grad kälter will Werchojansk sein.

Vor einigen Jahrzehnten wurden in Oimjakon minus 67,7 Grad Celsius notiert. Die Bewohner der Kleinstadt Werchojansk beharren nun darauf, dass bei ihnen bereits im Jahr 1885 noch niedrigere Temperatur gemessen worden seien, und zwar exakt minus 67,8 Grad Celsius.

Luftaufnahme der Stadt Omymakon

Corbis/Dean Conger

Das einzige Geschäft in Oimjakon bietet vor allem Rentier- und Pferdefleisch an

Für die Menschen in Oimjakon (Jakutisch für „heiße Quelle“) läutet der Wintereinbruch seit Jahrzehnten immer eine wochenlange Eiseskälte ein. So meinte ein Holzfäller, dass jeder Winter in seiner Kindheit Temperaturen um die minus 60 Grad Celsius gebracht habe, berichtete die britische BBC am Dienstag. Dass nun Werchojansk mit einem noch kälteren Wert ins Rennen um den Titel tritt, wird in Oimjakon nicht akzeptiert.

„Wert von 1885 nicht zulässig“

„Ein Wert aus dem Jahr 1885 ist wissenschaftlich nicht zulässig“, sagte Tamara Wassiljewa, eine Ethnographin aus der Region, im Gespräch mit der BBC. Die Messgeräte hätten damals andere Abstufungen gehabt, weshalb der Wert nicht mit den moderneren Methoden von Oimjakon verglichen werden könne. Während in Oimjakon zu einem Großteil des Jahres Winter ist, weist die 1.311-Bewohner-Stadt Werchojansk auf eine heiße Besonderheit hin. Dort ereignen sich auch die höchsten Temperaturschwankungen : Zwischen Jänner und Juli kann es Unterschiede von 100 Grad Celsius geben.

Heiße Kohle wärmt die Erde für Beerdigung auf

Für die etwa 500 Einwohner von Oimjakon zeigt das Thermometer zwar nur für einige Wochen minus 60 Grad Celsius. Eisig ist es aber den Winter über, sprich neun Monate im Jahr. Der Ort ist von einer Bergkette „eingekeilt“, die den Zufluss von wärmeren Luftmassen verhindert. Die durchschnittliche Temperatur von minus 50 Grad Celsius im Winter verändert auch die Alltagsgewohnheiten der Einwohner. Laut Medienberichten laufen Autos hier im Winter durchgehend, da sie sonst nicht mehr anspringen. Ist jemand gestorben, muss die Erde für die Beerdigung mit heißer Kohle aufgewärmt werden. Im einzigen Supermarkt der Stadt bekommt man nur gefrorene Milch und hauptsächlich Fleisch von Rentieren und Pferden.

Während die beiden Dörfer zanken, dürfte der kälteste unbewohnte Ort der Welt die russische Forschungsstation Wostok in der Ostantarktis liegen und weit kälter sein. Im Jahr 1983 wurden dort wissenschaftliche Messungen durchgeführt. Mit dem offiziell bestätigten Wert von minus 89,2 Grad Celsius handelt es sich um den „absoluten Kältepol“ für die Erdoberfläche.

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