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Dem Vergessen entrissen

Die Neue Galerie im Grazer Universalmuseum Joanneum zeigt die erste umfassende Ausstellung über die Arbeiten des Malers Wilhelm Thöny. Seine spektakulären New-York-Bilder sowie Porträts von Soldaten und Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg sollen dem Vergessen entrissen werden.

Rund 300 Werke sind in Graz zu sehen, die Schau wurde basierend auf Material aus dem hauseigenen Wilhelm-Thöny-Archiv von Christa Steinle und Günther Holler-Schuster gestaltet. Leihgaben aus amerikanischen und deutschen Museen sowie Privatleihgaben, die teilweise noch nie öffentlich zu sehen waren, ergänzen die Bestände des Joanneums.

Wilhelm Thöny, der 1888 in Graz geboren wurde, gilt als einer der wichtigsten österreichischen Künstler der Zwischenkriegszeit. „Er war ein Mann der Mitte“, so Christa Steinle bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Thöny sei zwar der Moderne gegenüber aufgeschlossen gewesen, aber kein Avantgardist. Er begründete die Grazer Sezession und ging dann nach München, bis er im Ersten Weltkrieg einrücken musste. Aus dieser Zeit stammen seine Porträts von Soldaten, die in der Ausstellung zu sehen sind und als Vorlage für Postkarten dienten, weil sie die Kriegsgräuel ausblendeten.

Porträt eines serbischen Kriegsgefangenen, 1915

Heeresgeschichtliches Museum Wien

Wilhelm Thöny, „Porträt eines serbischen Kriegsgefangenen“, 1915

Regimentsmaler im Ersten Weltkrieg

Thöny war bereits 1915 freiwillig eingerückt. Sein Vater versuchte in der Folge mehrfach, die Zulassung seines Sohnes als offiziellen „Kriegsmalers“ zu erreichen. Diese Bemühungen blieben zwar fruchtlos, aber Thöny selbst, mittlerweile Leutnant der Reserve, erreichte seinen Einsatz als Maler seines Regiments. So entstanden Bilder von Soldaten und später auch Abbildungen von Kriegsgefangenen unterschiedlicher Herkunft.

Nach dem Krieg übersiedelte der Maler in die Schweiz, wo er sich religiösen Themen widmete, bevor er 1923 nach Graz zurückkehrte und gemeinsam mit Alfred Wickenburg, Axl Leskoschek, Fritz Silberbauer und anderen die Sezession Graz gründete. Thöny und sein Kreis trugen entscheidend zur Akzeptanz der Strömungen der Moderne in der Steiermark bei. Prägend war für seine spezielle Form des gemäßigten Expressionismus das Werk Edvard Munchs.

Wilhelm Thöny, Toulon, um 1935

Galerie Welz Ges.m.b.H. Salzburg/UMJ/N. Lackner

Wilhelm Thöny, „Toulon“, um 1935

Politisch, aber nicht plakativ

Eine Paris-Reise inspirierte ihn schließlich zu einem Rötel-Zyklus über die Französische Revolution, der nun ebenfalls in Graz zu sehen ist. 1931 zog Thöny schließlich nach Paris, auch aufgrund der politischen Radikalisierung durch Nationalsozialismus in Deutschland und Austrofaschismus in Österreich, was seiner künstlerischen Entwicklung entscheidende Impulse gab.

In seinen Briefen und Essays setzte sich Thöny neben Munch mit Alfred Kubin, Vincent van Gogh und Paul Cezanne auseinander, aber auch mit den „Ismen“ der Moderne - allen voran Faschismus und Kommunismus. Obwohl Thöny immer wieder als Illustrator arbeitete, blieb er in der Kunst seinem individuellen Malstil treu und verzichtete auf plakatives Zurschaustellen im Sinne eines künstlerisch-politischen Kommentars.

Wilhelm Thöny, New York - Fifth Avenue, um 1935

Galerie Welz Ges.m.b.H. Salzburg/UMJ/N. Lackner

Wilhelm Thöny, „New York - Fifth Avenue“, um 1935

Kosmopolit der Kunstszene

Als klar wurde, dass der Nationalsozialismus auch vor Frankreich nicht haltmachen würde, wanderte Thöny in die USA aus. Aus seiner Zeit in New York sind viele Bilder erhalten - es sind vor allem sie, die man mit ihm assoziiert. Konkrete Motive sind bei Thöny stets erkennbar, allerdings verfremdete er sie mit abstrakten Elementen. So ist in seinem wahrscheinlich bekanntesten Gemälde die in Blau getauchte Skyline von New York zu erkennen, dazu ein Zeppelin. In den USA war Thöny finanziell überaus erfolgreich - seine Gemälde verkauften sich gut.

Ausstellungshinweis

„Wilhelm Thöny. Im Sog der Moderne“, bis 22. September, Neue Galerie des Grazer Universalmuseums Joanneum, Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 17.00 Uhr.

Durch seine Lebensstationen in Österreich, Deutschland, Frankreich und den USA kann Thöny als einer der wenigen Maler gelten, die an der kosmopolitischen Kunstszene ihrer Zeit teilhatten. Es war jedoch auch der Weg ins Exil, dazu noch ein Lagerhausbrand in New York, bei dem Teile seines Werks zerstört wurden, die Thönys depressive Ader verstärkten. Der Künstler starb schließlich am 1. Mai 1949 an den Folgen eines Gehirnschlags in New York.

„Bei der Bewertung im Nachteil“

Die Ausstellung, die sich an den Lebensstationen des Künstlers orientiert, basiert auf Briefen, Rezensionen und Fotomaterialien aus dem seit 1967 bestehenden Wilhelm-Thöny-Archiv der Neuen Galerie. Der Schwerpunkt der Schau liegt aber auf den Gemälden, so Steinle. „Thönys Werk ist nicht gänzlich erhalten, daher ist er bei der Bewertung im Nachteil“, erläuterte Günther Holler-Schuster.

Brände in den Ateliers in Graz, München und vor allem jener in New York haben Teile der Bilder vernichtet. Trotzdem konnte man nun durch akribisches Aufarbeiten der dokumentarischen Materialien einige Lücken schließen. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog, der durch zahlreiche Abbildungen und ergänzende Artikel als neues Standardwerk über den Maler angesehen werden kann.

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