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Linklaters launige Gesprächstherapie

Boy-meets-Girl-Geschichten gibt es im Kino viele - wie es nach dem Happy End weitergeht, erfährt man selten. Eine Ausnahme ist hier Richard Linklaters Reihe rund um das amerikanisch-französische Pärchen Jesse und Celine, die 1995 mit „Before Sunrise“ ihren Anfang nahm und nun in „Before Midnight“ einmal mehr zeigt, worum es in der Liebe gehen könnte und warum alles immer so kompliziert ist.

Es begann vor 18 Jahren in Wien. Für österreichische Verhältnisse war es eine kleine Sensation, dass der Independent-Streifen „Before Sunrise“ von „Slacker“-Regisseur Linklater zu dem Liebesfilm der Generation X wurde. Der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Celine (Julie Delpy) spazierten einen Film lang durch Wien, und die Welt schaute zu. Die internationale Kritik überschlug sich mit Lobeshymnen, Vergleiche mit Werken von Jean-Luc Godard und Eric Rohmer wurden angestellt, und in Wien kann man seither sogar „Before Sunrise“-Stadtrundgänge buchen.

Sie redeten und redeten

Der als Zyniker getarnte Romantiker Jesse, ein amerikanischer Student auf Europareise, und die impulsive, am Sinn des Lebens und der Liebe zweifelnde Celine, ließen sich in dieser einen Nacht mit Haut und Haaren, vor allem aber mit Worten, aufeinander ein. Sie redeten und redeten und verliebten sich dabei ineinander. Beim Abschied am Westbahnhof gaben sie sich ein Versprechen: Genau in sechs Monaten - same time, same station - würden sie einander wiedersehen.

Ethan Hawke, Julie Delpy

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Ein Hotelzimmer konnten sich die beiden in Wien noch nicht leisten

In Zeiten ohne Handy und Facebook hatte das Leben jedoch andere Pläne, und es vergingen neun Jahre, bevor die beiden in „Before Sunset“ (2004) wieder aufeinandertrafen. Jesse hatte inzwischen einen Bestseller geschrieben (basierend auf jener Nacht in Wien) und machte Station in Paris. Celine, die dort lebte, kam zu seiner Lesung und nahm ihn mit auf einen Spaziergang durch ihre Stadt, bevor er wieder nach Hause fliegen musste. Die Anziehungskraft war nach all den Jahren immer noch da, obwohl Jesse mittlerweile verheiratet war und ein Kind hatte. Am Ende saßen die beiden in Celines Apartment, und es kam zu einem der gelungensten Cliffhanger der Nullerjahre (Celine: „Du wirst deinen Flug verpassen.“ - Jesse: „Ich weiß.“).

Wenn sie nicht gestorben sind

Nach dem offenen Ende des zweiten Teils rätselten Fans weltweit, wie es mit den beiden weitergehen würde. Haben sie sich am Ende doch gekriegt? Wurde aus der Boy-meets-Girl-Geschichte eine Liebesgeschichte? Und wenn sie nicht gestorben sind? Antworten auf diese Fragen gibt jetzt „Before Midnight“, die Fortsetzung der beiden Kultromanzen. Nach ihrem Wiedersehen in Paris vor neun Jahren sind Jesse und Celine zusammengeblieben und haben Zwillingstöchter bekommen. Jesse hat sich scheiden lassen, sein 14-jähriger Sohn wohnt in den USA, während er mit Celine und den Zwillingen in Paris lebt. So viel darf verraten werden, denn das ist die Ausgangslage des Films.

Ethan Hawke, Julie Delpy

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18 Jahre später diskutiert man über die Dauerhaftigkeit romantischer Gefühle

Der Anfang vom Ende

„Before Midnight“ beginnt mit einer Abschiedsszene auf dem Flughafen. Jesses Sohn Hank, der die Sommerferien gemeinsam mit seinem Vater, Celine und den Zwillingen in Griechenland verbracht hat, fliegt zurück zu seiner Mutter in die USA. Jesse fällt der Abschied diesmal besonders schwer, und auf der Rückfahrt zur Ferienvilla überlegt er laut, ob es nicht besser wäre, in Amerika zu leben und so für eine stabilere Vater-Sohn-Beziehung zu sorgen. Celine reagiert gereizt: Sie glaubt, Jesse bereue die Entscheidung, wegen ihr nach Frankreich gezogen zu sein, außerdem habe sie gerade ein interessantes Jobangebot in Paris und überhaupt. Beide reden sich um Kopf und Kragen bis Celine konstatiert: „Das ist der Anfang vom Ende. Genau so fangen Trennungen an. Man ist unglücklich, gibt dem anderen die Schuld, die Abneigung wächst. Langsam geht alles kaputt, man trennt sich, das war’s.“

Macht eine gemeinsame Zukunft noch Sinn?

Bei einem gemeinsamen Abendessen mit ihren Gastgebern beruhigen sich die Gemüter und Celine und Jesse erzählen, wie sie sich vor 18 Jahren kennengelernt haben. Viel Enthusiasmus können die beiden bei ihren Erinnerungen jedoch nicht aufbringen, im Gegenteil, sie stellen die Dauerhaftigkeit romantischer Gefühle infrage, erste Anzeichen einer Midlife-Crisis machen sich breit. Denkbar schlechte Vorzeichen also für ein romantisches Wochenende im Luxushotel, das die beiden von ihren Freunden geschenkt bekommen haben.

Widerstrebend machen sich die ehemals so Verliebten auf den Weg und gehen zu Fuß Richtung Meer - ein Spaziergang, der mit der Bemühung um einen entspannten Tonfall beginnt und in einem handfesten Streit über Grundsätzliches endet. Im Hotelzimmer angekommen, kristallisiert sich heraus, welche negativen Gefühle sich im Laufe der Jahre angestaut haben und dass sich jetzt entscheiden wird, ob ein gemeinsames Leben überhaupt noch Sinn macht.

Ethan Hawke, Julie Delpy und Richard Linklater am Red Carpet der Oscar-Verleihung 2005

AP/Chris Pizzello

Die „Before Sunset“-Autoren Hawke, Delpy und Linklater waren 2005 für einen Drehbuch-Oscar nominiert

Magie überträgt sich auf Publikum

Beim diesjährigen Sundance Film Festival und der 63. Berlinale, bei der der Film im Wettbewerb außer Konkurrenz lief und Linklater überraschend mit einer Berlinale-Kamera ausgezeichnet wurde, feierte man „Before Midnight“ bereits mit stehenden Ovationen.

Stellt sich die Frage, warum ein Film, in dem wie bei seinen Vorgängern nicht viel mehr passiert, als dass zwei Menschen miteinander reden, so viel Begeisterung auslöst. Sicher, Delpy und Hawke sind gute Schauspieler, Linklater ein talentierter Regisseur, und doch ergibt hier das Ganze wie bei jedem herausragenden Werk mehr als nur die Summe seiner Teile. Man kann getrost von einer Art Magie sprechen, die sich hier zwischen den Schauspielern entwickelt und sich mit Sogwirkung auf das Publikum überträgt.

Hoffnung trotz Ernüchterung

Das Gefühl, genau dieses oder jenes Gespräch schon einmal geführt zu haben, sich mit denselben haarsträubenden Argumenten lächerlich gemacht zu haben, hält dem Zuschauer einen Spiegel vor, der etwas durchaus Beruhigendes hat: Beziehungen sind nun einmal kompliziert, und anderen geht es damit auch nicht besser. Was im ersten Teil der Trilogie voll jugendlicher Hoffnung und Verve begann, ist in „Before Midnight“ in der nüchternen Realität des Alltags angelangt. Und doch kommt bei all den Meinungsverschiedenheiten, den Diskussionen, die auf jahrelangen Unzufriedenheiten basieren, keine Bitterkeit auf. Ein Satz wie „Ich liebe dich nicht mehr“ macht zwischen Jesse und Celine eine Tür auf, anstatt sie zu schließen, weil beide wissen, dass es nur ein Hilferuf des Gegenübers ist.

Der Film versucht zu zeigen, dass die Liebe überleben kann, auch wenn die Schmetterlinge im Bauch über die Jahre von schwer verdaulicher Alltagskost verdrängt wurden. „Before Midnight“ ist charmant, witzig, unbequem und trotz allen Streitigkeiten optimistisch. Was danach kommen mag - Seitensprünge, Probleme mit pubertierenden Kindern, Hochzeiten und Todesfälle -, vielleicht wird man es in neun Jahren erfahren.

Sonia Neufeld, ORF.at

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