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System „auf der Kippe“

Deutschlands größter Versicherer krempelt den Markt für Lebensversicherungen um: Die Allianz bringt eine klassische Lebensversicherung ohne garantierten Zinssatz auf den Markt. Das Unternehmen reagiert mit diesem neuen Angebot auf die historisch niedrigen Zinsen, unter denen alle Versicherungen massiv leiden.

Versicherer tun sich im aktuellen Marktumfeld immer schwerer damit, die früher zugesagten Renditen zu bieten - schuld sind Altverträge mit hohen Garantiezinsen. Nach dem Motto „Garantien kosten“ wird dem Kunden bei dem neuen Produkt nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge zugesichert. Auf die bisher übliche Garantieverzinsung von derzeit 1,75 Prozent müssen die Kunden verzichten.

Dadurch spart die Allianz langfristig Kosten, die sie nach eigenen Angaben an die Kunden weitergeben will. Die neue Lebensversicherung ist laut Allianz ein zusätzliches Angebot. Einen ähnlichen Schritt wagte kurz davor bereits der Allianz-Konkurrent Ergo.

Uniqa will nachziehen

Schwappt der Trend auf Österreich über? ORF.at hat die größten heimischen Versicherer dazu befragt. Es zeigt sich, dass auch die österreichischen Anbieter zunehmend flexiblere Produkte auf den Markt bringen wollen - wenn auch in unterschiedlichen Varianten. Bei der Uniqa zum Beispiel kann man sich eine Lebensversicherung ohne Garantiezins gut vorstellen: Man beobachte die Entwicklung in Deutschland sehr genau und habe „bereits einige Ideen dahingehend“, so Uniqa-Vorstand Peter Eichler. Die ersten Ergebnisse wolle man im kommenden Jahr präsentieren.

Allianz Österreich mit Kompromissvariante

Die Allianz Österreich folgt dem Schritt ihrer großen Schwester vorerst nicht. Man kalkuliere in der klassischen Lebens- und Pensionsversicherung weiterhin mit dem Garantiezinssatz von 1,75 Prozent. Zusätzlich jedoch, so das Unternehmen auf Anfrage von ORF.at, sei man derzeit mit einer flexiblen Variante in der Testphase. In der Ansparphase handle es sich um eine „klassische Lebensversicherung“ mit 1,75 Prozent Garantiezins.

Danach laufe der Vertrag wie ein lebenslanges Vorsorgekonto (ohne KESt), das mit „sehr hoher Flexibilität ausgestattet ist“. Entnahmen und Zuzahlungen sind darin möglich. Diese Flexibilität kostet freilich - der garantierte Zinssatz wird in dieser „Genussphase“ gesenkt. Laut Allianz profitiert der Kunde am Ende durch eine höhere Gesamtverzinsung.

Generali, Wiener Städtische bleiben bei Garantiezins

„Gut gerüstet“ mit der bereits bestehenden Produktpalette sieht man sich bei der Wiener Städtischen und bei der Generali Versicherung. „Das ist kein Thema für uns, weil wir den Garantiezins für ein unabdingbares Qualitätsmerkmal der klassischen Lebensversicherung erachten“, so die Wiener Städtische. Auch die Generali sieht derzeit „keinen Bedarf“ an neuen Produkten, verweist jedoch darauf, dass man im Frühjahr eine Lebensversicherung mit wählbarem Anteil an fondsgebundener und klassischer Veranlagung auf den Markt gebracht hat.

Beim Konsumentenschutz werden die Entwicklungen mit Skepsis betrachtet: Für Versicherungsexpertin Gabi Kreindl vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) „sei es dahingestellt“, ob der Kunde durch die Abschaffung des Garantiezinses tatsächlich höhere Erträge erhielte. Für die Versicherer bedeuten die wegfallenden Garantien weniger Kosten - wenn diese auch tatsächlich an den Kunden weitergegeben würden, „dann könnte es interessant sein“, so Kreindl.

VKI: Klassische LV „nicht zu empfehlen“

Mehr Flexibilität und geringere Kosten für den Kunden seien dringend nötig, so Kreindl. In den jetzt bestehenden Formen seien Lebensversicherungen „kein Produkt, das wir guten Gewissens empfehlen können“. Hauptkritikpunkt ist der „große Kostenbrocken“. Von beispielsweise 100 monatlich eingezahlten Euro würden in der jetzigen Variante nur 70 bis 80 Euro tatsächlich veranlagt, der Rest werde von Vertriebs-, Verwaltungskosten und Steuern gefressen.

Ganze Sparte droht wegzubrechen

In seinem Testmagazin „Konsument“ warnt der Verein für Konsumenteninformation (VKI) davor, dass den Versicherern eine ganze Sparte wegbräche, wenn sie keinen Reform- und Öffnungswillen zeigten. Das System stehe „auf der Kippe“. Im vergangenen Jahr verringerte sich das Prämienvolumen bei den Lebensversicherungen laut VKI um fast sieben Prozent, die Einmalerläge sanken um fast 19 Prozent. Strengere Eigenkapitalvorschriften machten es den Unternehmen auch nicht leichter. „Gut gelaufen“ seien Lebensversicherungen für die Kunden nur „in Zeiten, wo viel Geld drin war. Das ist vorbei“, so Kreindl.

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