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Abnehmer fürchten Etikettenschwindel

Säcke aus Jute, Leinen oder Sisal haben im globalen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten weitgehend ausgedient – nicht aber in dem mit Kaffee. Rohkaffee wird typischerweise immer noch im Sack aus grobem Gewebe samt aufgedruckter Sorten- und Herkunftsangabe auf die Reise geschickt. Allerdings wird Kunststoff zunehmend zur Konkurrenz – nicht unbedingt zur Freude aller Händler und Abnehmer.

Mittlerweile wird Rohkaffee immer öfter in Containersäcken, auch „Supersacks“ oder „Bigbags“ genannt, transportiert bzw. gehandelt. Zwar ist auch der gute alte „Gunny Sack“ aus Stoff nach Füllmenge quasi genormt, doch die Großgebinde aus Kunststoffgewebe haben den Vorteil des höheren Fassungsvermögens. Ihr Volumen beträgt bis zu 1.300 Liter, sie sind außerdem maschinell einfach verladebar, wasserdicht und widerstandsfähig.

Laut „Wall Street Journal“ („WSJ“) bricht auch einer der wichtigsten Handelsplätze für Rohkaffee, die US-Terminbörse IntercontinentalExchange (ICE) mit Sitz in Atlanta, mit der Tradition des bedruckten Stoffsacks - zumindest zum Teil. Ab Ende 2015 darf Kaffee in Containersäcken angeliefert werden. Als Gründe nennt die Börse vor allem das gestiegene Handelsvolumen und die einfachere logistische Handhabung.

Plastik schmeckt nicht allen gleich gut

Doch die Entscheidung, die laut „WSJ“ Anfang Oktober fiel, macht nicht allen Abnehmern und Händlern Freude. Die Gründe sind unterschiedlich. Die bedruckten Stoffsäcke geben der Ware Kaffee sicher auch eine exklusive Note, weiße Kunststoffgebinde wohl eher nicht. Außerdem würden die traditionellen Säcke den handwerklichen Charakter der Kaffeeverarbeitung hervorstreichen, so das „WSJ“.

Peruanische Kaffesäcke

Reuters/Pilar Olivares

Auf dem Stoffsack finden sich traditionell Angaben über Sorte und Herkunft

Doch dass Kaffee im Containersack nicht allen gut schmeckt, hat auch handfeste andere Ursachen. Händler fürchteten Druck auf die Preise wegen einfacherer Logistik. Die neuen Regeln „werden die verfügbaren Mengen vergrößern“, sagte Jack Scoville, Vizepräsident der Brokeragentur Price Futures Group in Chicago, der Zeitung. Deshalb würden die Preise fallen.

„Bohnen haben keinen Stempel“

Einzelne Abnehmer – vom kleinen Röster bis zur US-Kaffeehauskette Starbucks - setzen aus Prinzip auf Bohnen aus dem Stoffsack. Cheryl Kingan, Chefeinkäuferin einer Rösterei in New York, will keine Containersäcke, und zwar schlicht aus Gründen der Qualitätssicherung: „Sie würden nicht genau wissen, was Sie da bekommen“, sagte sie dem „WSJ“.

Tatsächlich befürchteten mehrere Kritiker der neuen Regelung, dass es künftig schwieriger werden würde zu überprüfen, woher genau die Ware kommt. An die Abnehmer ausgeliefert wird sie - auch an der ICE - auch weiterhin im typischen Kaffeesack. Allerdings wechselt der Kaffee zwischen Erzeuger und Endabnehmer die Verpackung.

Bob Phillips, ein Kaffeehändler aus New York, befürchtet Schwindel. Er glaube, dass „es keine gute Idee“ sei, da sicherlich irgendjemand einen Weg finden werde, den Kaffee falsch zu etikettieren. „Bohnen haben keine Stempel.“ Andere Händler teilen diese Befürchtung nicht und sehen die Neuregelung einfach als Erfordernis der Zeit. „Das reflektiert nur, was in der Handelswelt passiert.“

Eine Erfindung des kolonialen Handels

Trotzdem: Manche Abnehmer seien schlicht davon überzeugt, dass „wirkliche gute Bohnen nur in kleinen Säcken reisen“, so das „WSJ“ – mit oder ohne Nostalgie. Costa Rica etwa exportiere 90 Prozent seines Kaffees im Stoffsack, sgte Edgar Rojas, stellvertretender Direktor des Instituto del Cafe de Costa Rica (ICAFE), gegenüber der Zeitung. Der Transport in „Bigbags“ sei zwar billiger, aber in kleinen Säcken sei es „einfacher, die Qualität zu kontrollieren“.

Ein Arbeiter transportiert Kaffesäcke

Reuters/Eduardo Munoz

Die Säcke wiegen - je nach Herkunftsland - bis zu 70 Kilogramm

Aus genau diesem Grund setzt auch Starbucks auf Bohnen aus dem typischen Stoffsack. „Starbucks erhält seinen Kaffee ausschließlich in Standardsäcken“, so Unternehmenssprecherin Alisha Damodaran im „WSJ“. Das ist ein integraler Bestandteil von Nachverfolgbarkeit und Qualitätssicherung.

Der 70 mal 100 Zentimeter große Standardsack hat ein Volumen von rund 70 Liter, die Standardfüllmenge für Kaffee beträgt (je nach Herkunftsland) bis zu 70 Kilogramm. Laut dem britischen Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary geht der Begriff „Gunny Sack“ auf das Jahr 1799 und das damalige britische Kolonialreich zurück. „Gunny“ bedeutet Sackleinen und hat seinen Ursprung im Indoarischen. Die bedruckten Säcke (vor allem alte) sind neben ihrer Originalfunktion heute ein begehrtes Dekorationsobjekt und häufig Arbeitsmaterial für Mode und Kunst.

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