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Dringender Handlungsbedarf geortet

Fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Antisemitismus in Europa wieder auf dem Vormarsch: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte (FRA), deren Ergebnis am Freitag in Wien veröffentlicht wurde.

Demnach beobachten drei von vier befragten Juden in der EU, dass die Feindseligkeiten gegen ihre Gruppe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen haben. Für 66 Prozent der Juden, die in der EU leben, ist Antisemitismus immer noch ein großes oder ziemlich großes Problem. FRA-Direktor Morten Kjaerum alarmierte: „76 Prozent der Personen, die in den letzten fünf Jahren antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren, gaben an, die Vorfälle nicht angezeigt zu haben.“

Die Ergebnisse zeigten dringenden Handlungsbedarf auf, so Kjaerum: Man könne nicht weiter leugnen, dass es immer noch Antisemitismus in der EU gebe. Speziell für die Polizei müsse es Weiterbildungen geben. Besonders beeindruckt zeigte sich Kjaerum davon, dass 30 Prozent der Befragten ernsthaft in Betracht ziehen, aufgrund ihrer Angst vor Antisemitismus ihr Land zu verlassen.

Umfrage in acht EU-Mitgliedsstaaten

Die Studie wurde in acht EU-Mitgliedstaaten durchgeführt, in denen laut Schätzungen 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Union leben: Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Lettland, Schweden und Ungarn. An der Onlineumfrage hatten sich im Herbst 2012 knapp 6.000 bekennende Juden beteiligt.

Das Besondere an der Untersuchung ist laut Kjaerum, dass diesmal wirklich die betroffene Minderheit befragt wurde, in welcher Form und wie stark sie die Angst vor antisemitischen Angriffen erlebt. 38 Prozent der Teilnehmer gaben an, das Tragen von Attributen, die sie als Juden identifizieren könnten, zu vermeiden.

Große Unterschiede bei Anzeigen

Besonders in Frankreich und Belgien (je 88 Prozent) und in Ungarn (91 Prozent) fühlen sich Juden von Antisemitismus bedroht. „Uns wird immer gesagt, wir sollten uns am Ausgang der streng gesicherten Synagogen schnellstmöglich zerstreuen“, wurde eine französische Jüdin zitiert.

Kjaerum verwies auf die deutlichen Unterschiede der Ergebnisse der einzelnen Länder, vor allem in Bezug auf die Bereitschaft, einen Vorfall anzuzeigen: „Wir sollten uns an den Ländern orientieren, die eine hohe Anzeigenrate haben.“ So wird laut den Erhebungen beispielsweise in Großbritannien und Deutschland deutlich mehr angezeigt als etwa in Ungarn.

„Demokratische Angelegenheit“

Serge Cwajgenbaum, Generalsekretär des Jüdischen Europakongresses (EJC), saß ebenfalls am Podium und bedankte sich bei der FRA: „Die FRA hat damit gute Arbeit geleistet und hilft uns, an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.“ Antisemitismus sei keine jüdische, sondern eine demokratische Angelegenheit, betonte Cwajgenbaum und rief die Politik zum Handeln auf. „Ich persönlich lebe nicht in Angst, doch als Bürger der Europäischen Union habe ich Angst vor den Zeiten, die kommen werden.“

„Redefreiheit endet dort, wo Hasskriminalität beginnt“

Der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Ariel Muzicant, als Vizepräsident des EJC bei der Präsentation vertreten, erinnerte daran, dass vor allem das Internet anfällig für antisemitische Inhalte sei, und spielte auf die Seite Alpen-donau.info an, die 2011 vom Netz genommen wurde. „Wir hatten in Österreich ein Problem mit einer extremen rechten, extrem brutalen Internetseite, die daher geschlossen werden musste. Die Redefreiheit endet dort, wo Hasskriminalität beginnt“, betonte Muzicant.

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