Fischer: Novemberpogrome „Schande“ für Zivilgesellschaft

Mit einer Matinee im Wiener Stadttempel hat die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) heute den Novemberpogromen vor 75 Jahren gedacht. Bundespräsident Heinz Fischer bezeichnete die Ereignisse als „Schande“, Oberrabbiner Chaim Eisenberg als Test für den Holocaust.

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Bei den vom Nazi-Regime organisierten Ausschreitungen wurden zahlreiche jüdische Einrichtungen verwüstet, Synagogen, Bethäuser, Wohnungen und Geschäfte zerstört. In Österreich wurden zahlreiche Menschen getötet. Wie viele tatsächlich bei den Pogromen und nach der Verhaftung etwa im KZ Dachau ums Leben kamen ist bis heute ungeklärt. Viele Verzweifelte nahmen sich selbst das Leben. 7.800 Menschen wurden verhaftet und aus Wien rund 4.000 Juden ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

„Schande, die nicht vergessen werden kann“

Bundespräsident Fischer erinnerte an die Mitverantwortung der österreichischen Zivilgesellschaft an den Ausschreitungen, denn die meisten Menschen hätten weggesehen, geschwiegen oder sich sogar selbst an den Verbrechen beteiligt: „Was vor 75 Jahren im Herzen Wiens geschah, was sich Wienerinnen und Wiener in einer Hauptstadt abendländischer Kultur zu Schulden kommen ließen, ist eine Schande, die nicht vergessen werden kann und nicht vergessen werden darf.“

Der IKG-Präsident, Oskar Deutsch, verwies darauf, dass erst kürzlich eine Umfrage einen deutlichen Anstieg des Antisemitismus in mehreren europäischen Ländern gezeigt habe. Kritik übte er aber auch an der „selbstgerechten, einseitigen Kritik“ an Israel in der Nahost-Debatte - zumal vielen Kritikern zu Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten nichts einfalle. „Diese Doppelmoral trägt antisemitische Züge“, meinte Deutsch.

„Test, ob Bevölkerung mitmacht“

Oberrabbiner Eisenberg sieht das Novemberpogrom 1938 auch als Test für die Bereitschaft der Bevölkerung, eine noch schlimmere Judenverfolgung zu akzeptieren. „Es wurde getestet, ob sie das mitmachen“, sagte Eisenberg. Die Nazis hätten die Bevölkerung „aufgestachelt und verblendet“. Ab dem Novemberpogrom sei klar gewesen, dass noch Schlimmeres folgen konnte.

Dass der 1826 eingeweihte Stadttempel im November 1938 nicht niedergebrannt wurde, liegt an dessen enger Verbauung mit den umgebenden Häusern in der Wiener Innenstadt. Der Innenraum wurde zwar verwüstet und entweiht, das Gebäude selbst blieb allerdings erhalten.