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Nächster Halt „Atmosphäre“

Modern, ökologisch, jung und sogar „romantisch“ - solche Adjektive fallen US-Städteplanern ein, wenn sie an Straßenbahnen denken. Fünf Jahrzehnte nachdem die „Streetcars“ aus dem Bild von US-Städten verschwanden, feiern sie nun wieder eine Rückkehr. Von Dallas bis Seattle sind zuletzt neue Linien entstanden oder gerade in Planung.

Insgesamt 30 aktuelle Projekte quer durch das ganze Land zählt die US-Nachrichtenagentur AP derzeit - und bemerkt dazu, dass dabei um Unsummen genau dort Gleise verlegt werden, wo man sie in den 50er und 60er Jahren entfernte, weil Straßenbahnen damals als hoffnungslos altmodisch, langsam und unpraktisch galten. Die Stadt Portland im Bundesstaat Oregon investierte etwa zuletzt 250 Mio. Dollar (187 Mio. Euro) in die Wiederauferstehung der alten Linienführung.

Wehklagen über entfernte Gleise

Das Straßenbahnsterben in den USA war ein typisch landesspezifisches Phänomen. Der Individualverkehr und die Absiedelung in Vorstädte explodierten in der Nachkriegszeit. Alles, was den Autos im Weg war, wurde von den Straßen verräumt. Dazu kam noch der Sonderfall des „Great American streetcar scandal“ - des systematischen Aufkaufs von US-Straßenbahnlinien durch Versorgungskonzerne, Autobauer und Mineralölfirmen, um sie durch Buslinien zu ersetzen.

Eine Straßenbahn fährt in Memphis, Tennessee

Corbis/Dosfotos

Alles wieder wie damals: Ein Wagen der Main Street Line passiert das Orpheum auf der legendären Beale Street in Memphis

Nun haben sich die Zeiten jedoch wieder geändert. Die Belebung aussterbender Stadtkerne steht auf der Agenda der US-Städteplaner, und die Rückkehr der Straßenbahnen scheint das probate Mittel. „Das passt zur Renaissance der Innenstädte in ganz Amerika“, erklärte Steve Novick, Verkehrsstadtrat von Portland. Es sei „zu dumm“, dass man die Straßenbahngleise „nicht die ganze Zeit über dagelassen hat“. Trotzdem verweisen die Verkehrsplaner darauf, dass Straßenbahnen konkurrenzlos billig seien.

Straßenbahn setzt Investitionen auf Schiene

Straßenbahnlinien könne man schon um nur rund 50 Mio. Dollar aus dem Boden stampfen, staunt man in den USA - und das sei nur ein Bruchteil der Kosten einer S-Bahn-Linie. In der fließenden Grenze zwischen staatlichen und privaten Investitionen in den USA sparen sich die Städte außerdem durch Sponsoring Geld: Mancherorts ist die Benutzung der Linien überhaupt gratis, dafür werden Unternehmen „Paten“ von einzelnen Stationen - inklusive Stationsname und Ansage im Waggon.

Zudem geht es bei den Projekten zu einem Gutteil um Umwegrentabilität: In den USA setzt sich die Überzeugung durch, dass Straßenbahnlinien die lokale Infrastruktur und Wirtschaft beleben. Patrick Quinton, in Portland für die Stadtentwicklung zuständig, will durch die Straßenbahnlinien „in Wahrheit eine gewisse Art von Wohngegend-Lebensgefühl schaffen“. Laut seinen Angaben ist die Straßenbahnlinie für Investitionen von 3,5 Mrd. Dollar in der Gegend verantwortlich.

„Junge Kreative“ fahren auf Tram ab

Tatsächlich ist durch die Tram aus einer heruntergekommenen Gegend Portlands schicker „Pearl District“ geworden, mit haufenweise Galerien, Geschäften, Restaurants und gut zu vermietenden Wohnungen. Gerade „junge Kreativunternehmen“ würden nach Standorten in Straßenbahnnähe gieren, so Quinton. In anderen Städten denkt man ähnlich: Salt Lake City eröffnet nun eine Straßenbahnlinie, rund um die bis 2030 ein „Greenway“ aus Parks, Radwegen, 4.400 Wohnungen und Jobs für 7.700 Menschen entstehen soll.

In Los Angeles und Kansas City stimmten die Bürger sogar in Plebisziten für höhere Steuern, damit die Rückkehr der Straßenbahn finanziert werden kann. Umso froher ist man in den wenigen Städten, wo die Linien nie verschwanden, etwa New Orleans. Statt des bisherigen Spotts gibt es nun Bewunderung für das zukunftsweisende Festhalten an der Tram. Die „Cable Cars“ in San Francisco waren ohnehin all die Jahre touristischer Anziehungspunkt und Stolz der Stadtbewohner.

Passagiere steigen in neue Straßenbahn ein

AP/Michael Schmidt

Der historische Wagen „4615 Johnstown“, Stolz von Kenosha

Spott über „Wagen nach Nirgendwo“

In der 100.000-Einwohner-Stadt Kenosha am Michigan-See weiß man schon seit über zehn Jahren um die Vorteile der Straßenbahn. Dass die Auslastung dort mit 50.000 Passagieren pro Jahr recht mager ist und die Leute über den „Wagen nach Nirgendwo“ spotten, stört Bürgermeister Keith Bosman gar nicht. Eine Straßenbahn schaffe Atmosphäre, so wie Kunst im öffentlichen Raum, ist er überzeugt - und verweist darauf, dass er mit der Linie einen Investor „angeln“ habe können, der am Standort einer geschlossenen Autofabrik Hunderte neue Wohnungen errichtete.

Die US-Kommunen legen sich allerdings auch mächtig ins Zeug, damit „Atmosphäre“ aufkommt. Bei der Gestaltung von Linienführung und Stationen wird Autoverkehr auf größtmöglichem Abstand gehalten. Außerdem kommen entweder modernste Niederflurwagen oder historische Fahrzeuge mit Grottenbahn-Flair zum Einsatz. Wo keines von beiden vorhanden ist, greift man zur Notlüge: Im hippen Seattle verkürzte man sich die Wartezeit auf die neue alte Straßenbahnlinie so mit Bussen, die als „Streetcar“ verkleidet waren.

Lukas Zimmer, ORF.at

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