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Kritzeln auf der Mondleinwand

Möglichkeiten, sich im Internet zu verewigen, gibt es viele, aber nicht jeder Eintrag auf einer Website kann als Kunst bezeichnet werden. Anders ist das bei Kritzeleien auf der interaktiven Onlineplattform moonmoonmoonmoon.com. Sie sind Teil des Projekts „Moon“, eines Werks des chinesischen Künstlers Ai Weiwei und seines dänischen Kollegen Olafur Eliasson.

Jeder, der sich auf der Plattform anmeldet, kann beliebig viele Parzellen auf der Oberflüche des virtuellen Mondes gestalten. Besucher der Website haben dann die Möglichkeit, über die unendliche Landschaft des Himmelskörpers zu navigieren, einzelne Werke zu besuchen und Beiträge von Nutzern aus aller Welt zu entdecken. Einiges davon erinnert an Zeichnungen, wie man sie aus öffentlichen Toiletten kennt, und macht deutlich, dass manche Dinge global zu gelten scheinen: hingekritzelte Penisse und Stinkefinger, aber auch Liebesschwüre, Beschimpfungen und Sinnsprüche in den verschiedensten Sprachen.

Screenshot des Online-Projekts "Moon" von Olafur Eliasson und Ai Weiwei

Screenshot moonmoonmoonmoon.com

Ein Mond mit Flecken

Dazwischen sind (dafür, dass die zur Verfügung gestellte Werkzeugpalette recht schlicht ist) immer wieder auch aufwendige Bilder, etwa Porträts oder Landschaften zu finden. Auch die Begründer des Projekts haben sich natürlich darauf verewigt, unter dem Menüpunkt „Featured“ lassen sich Werke von Ai und Eliasson auch direkt ansteuern.

Ganz neu ist das Konzept der freizugänglichen Onlineleinwand freilich nicht. Seiten wie yourworldoftext.com oder superfreedraw.com funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Bei „Moon“ gehe es darum, das Gefühl eines ungeteilten Raumes zu erzeugen, erklärte Eliasson bei der Präsentation des Projekts auf der „Falling Walls“-Konferenz in Berlin. Ai, der zwar nicht mehr in Gefangenschaft ist, aber dessen Pass nach wie vor von den chinesischen Behörden eingezogen ist, war per Videokonferenz aus China zugeschaltet und erklärte: „Wenn ich schon nicht reisen kann, so ermöglicht es doch diese Plattform zu kommunizieren.“

„Vom Denken zum Tun“

Der Grundgedanke, den beide auf der Website formulieren, klingt einigermaßen pathetisch: „Feiern wir gemeinsam die Vereinigung kreativer Kräfte aus aller Welt, um den Schritt vom Nichts zum Etwas zu schaffen, vom Denken zum Tun. Genießt den Moment der Transformation. Hinterlasst Eure Fingerabdrücke und seht den gemeinsamen Mond wachsen, während andere auch nach ihm greifen. Lasst uns gemeinsam der Welt zeigen, dass unsere Zeichen wichtig sind. Kreativität überwindet Grenzen. Ideen, Wind und Luft kann niemand stoppen.“

Screenshot des Online-Projekts "Moon" von Olafur Eliasson und Ai Weiwei

Screenshot moonmoonmoonmoon.com

Eine der von Olafur Eliasson gestalteten Parzellen

Eliasson beschäftigt sich seit jeher gern mit Wetterphänomenen, Elementen und Himmelskörpern, neben dem Mond, dem Wind und der Luft sind es vor allem Licht, Sonne und Regenbogen, die ihn faszinieren. So ließ er für seine Arbeit „The Weather Project“ (2003/2004) in der Tate Modern in London die Sonne aufgehen, sein „Yellow Fog“ vernebelt allabendlich die Fassade des Verbund-Gebäudes in Wien und mit einer spektakulären Wasserfallinstallation sorgte er auch in den USA für Aufsehen.

Die unterschiedliche Bedeutung von Grenzen

Auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist nichts Neues für Eliasson, zählt doch unter anderem das seit 2012 laufende Projekt „Little Sun“ zu seinen Herzensangelegenheiten, mit dem er durch den Verkauf von Solartaschenlampen ein Sozialprojekt in Afrika quersubventioniert. Grenzen sind für Eliasson aber ohnehin kaum von Bedeutung: Der Däne mit isländischen Wurzeln hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Kinder aus Afrika adoptiert und pendelt derzeit zwischen seinem Familienwohnsitz Kopenhagen und Berlin, wo er sich mit dem „Studio Eliasson“ eine künstlerische Heimat geschaffen hat.

Screenshot des Online-Projekts "Moon" von Olafur Eliasson und Ai Weiwei

Screenshot moonmoonmoonmoon.com

Der virtuelle Mond lässt sich durch Zoomen und Drehen von allen Seiten erkunden

Ganz anders die Lage bei Ai. Der chinesische Regimekritiker ist seit jeher gewohnt, der Zensur seines Landes unterworfen zu sein. 2001 verbrachte er 81 Tage in Gefangenschaft, weil ihm Steuervergehen vorgeworfen wurden. Mittlerweile ist der Künstler auf freiem Fuß, bis heute wird ihm jedoch die Ausreise verweigert. Auch sein Blog wurde von der Regierung geschlossen, seither kommuniziert Ai, der offiziell auch keine Interviews geben darf, per Twitter.

„Es entwickelt sich zu einer Art Schule, wie ein Zen-Unterricht. Man teilt Ideen“, erklärte er unlängst dazu. „Twitter ist schneller als ein Blog.“ Die chinesischen Behörden versuchten ständig, seine Tweets zu unterbrechen. „Aber sie schaffen es nicht. Wenn sie eine Verbindung unterbrechen, bauen wir eine andere“, erklärte er weiter. Derzeit teilt er sich der Welt auch via Mondoberfläche mit - und hat unter anderem Zeichnungen eines Fahrrades und von Handschellen auf die virtuelle Leinwand gebracht.

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