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Haiattacken spalten Australien

Nach zwei kürzlich hintereinander erfolgten tödlichen Haiattacken auf Wassersportler in Australien ist eine heftige Debatte über die präventive Tötung von Haien entbrannt. Die westaustralische Regionalregierung könnte nun ihre bisherigen Gesetze ändern.

Surfer und Teile der Bevölkerung forderten angesichts der tödlichen Attacken eine vorbeugende Ausmerzung von Haien in Küstennähe. Die Proponenten wissen einige Politiker hinter sich. Der Ministerpräsident des Bundesstaates, Colin Barnett, sagte, diese Maßnahme würde nun erwogen, wie die australische Tageszeitung „The Australian“ berichtete.

Schild warnt vor Haien nahe Gracetown

APA/EPA/AAP/Rebecca le May

Warnung vor Haien an einem westaustralischen Strand

„Stehe hinter der Bevölkerung“

Er wisse nicht, ob es sich dabei um „Ausmerzen“ handle, so Barnett, das heiße vielleicht etwas Unterschiedliches für unterschiedliche Personen, doch „ich kann sicherlich bestätigen, dass die Öffentlichkeit eine derartige Maßnahme fordert, wo sich Haie in beliebten Schwimm- und Surfgebieten aufhalten“. Dort sollten sie „zerstört“ werden, so Barnett. Er sei da mit der Forderung der Bevölkerung auf einer Linie. Noch sei allerdings nicht klar, ob diese Maßnahme umgesetzt wird, fügte er hinzu.

Er wolle aber der Bevölkerung versichern, dass das Schwimmen und Surfen in Gebieten, die von Helikoptern der Haipatrouillen kontrolliert werden, sicher sei. Das Risiko bestehe vor allem an Stränden für Surfer und Riffen für Taucher außerhalb der gesicherten Zonen vor der Küste. Für die Tötung der geschützten Weißen Haie, die für die tödlichen Attacken verantwortlich gemacht werden, brauche man allerdings die Zustimmung der Bundesregierung.

Fangen und Töten für 24 Stunden erlaubt

Allerdings gebe es die Möglichkeit, die Haie zu töten, wenn diese eine unmittelbare Gefahr darstellten, so Barnett. Man könnte ja den Begriff auch ausdehnen, so Barnett wohl in Richtung der Bundesregierung. Im Fall eines tödlichen Haiangriffs können die australischen Bundesstaaten nach eigenem Ermessen eine „Catch and Kill Order“ (Befehl zum Fangen und Töten) erlassen. Erfolg garantiert diese Strategie allerdings nicht. Die „Order“ läuft nach 24 Stunden aus. Zu diesem Zeitpunkt kann sich der Hai Hunderte Kilometer weit entfernt haben. Angesichts solcher Unwägbarkeiten kippt die Stimmung in Teilen des Landes.

Premier: Risiken, „wenn man ins Wasser geht“

Vonseiten der Regierung in der Hauptstadt Canberra sieht man das anders. Premierminister Tony Abbott sprach sich gegen die Tötung der Haie aus. Es sei ja nicht einmal sicher, dass man auch den „Schuldigen“ finde, so Abbott zu Wochenbeginn gegenüber australischen Radiosendern und dem britischen „Guardian“. „Wir alle wissen, dass es Risken gibt, wenn man ins Wasser geht.“

Gott sei Dank habe man es über die Jahre hinweg geschafft, die Haigefahr einzudämmen. Abbott zählte etwa die Unterwasserzäune, die Haie von Strände fernhalten, auf. Natürlich solle man auch nicht surfen gehen, wenn man das Gefühl habe, dass es sich um die falsche Zeit im Jahr, in der Woche oder am Tag handle, so der australische Premier weiter.

Von Liste der geschützten Tiere streichen?

Der Fischereiminister des Bundesstaates Westaustralien, Troy Buswell, kündigte bereits an, mit der Zentralregierung Gespräche führen zu wollen, um den Weißen Hai gänzlich von der Liste der geschützten Tiere zu streichen.

Einer generellen präventiven Tötung von Haien kann auch der Sprecher der für Haie zuständigen Fischereibehörde nichts abgewinnen. Man habe bisher keine Forschung über die Keulung der Tiere angestellt. Bisher habe man 388 Haie registriert, davon 140 große Weiße Haie. Auch die Naturschützer gehen in Australien auf die Barrikaden und setzen sich gegen eine Aufhebung des Status als schützenswerte Tiere ein. Gegner der Tötung verweisen darauf, dass Haie rein rechnerisch seit 1962 gerade einmal für einen Todesfall pro Jahr verantwortlich seien. Durch Ertrinken hingegen kämen im Jahr fast 300 Menschen ums Leben.

Experte: Im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum

Die zunehmende Zahl von Haiattacken sei auf die steigende Bevölkerungszahl und die dadurch gestiegene Zahl der Wassersportler zurückzuführen, so der Haiexperte der Universität Sidney, Christopher Neff, in der deutschen „Welt“. Er sprach sich ebenfalls gegen die präventive Tötung aus. Es gebe keine Beweise, dass das Töten einzelner Haie die Angriffe reduziere. Experten führen dabei auch immer das Beispiel Hawaii an. Zwischen 1959 und 1976 wurden dort rund 4.700 Haie getötet, ohne dass sich die Zahl der Angriffe wesentlich reduzierte.

Tödliche Attacke 100 Meter von Ufer entfernt

Zum zweiten Mal binnen weniger Tage war Anfang Dezember ein Wassersportler von einem Hai getötet worden. Der 19-Jährige surfte mit Freunden an der Ostküste nahe Coffs Harbour etwa 500 Kilometer nördlich von Sydney, als er etwa 100 Meter vom Ufer entfernt angegriffen wurde. „Durch seine Verletzungen erlitt er einen Herzstillstand“, sagte eine Sprecherin des Rettungsdienstes der Nachrichtenagentur AAP. Die Strände im Umkreis von zehn Kilometern um die beliebte Touristenstadt wurden für 24 Stunden gesperrt, wie der Leiter der Strandwache, Greg Hackfath, laut Medienberichten bekanntgab.

Erst am 23. November war ein Surfer an der australischen Westküste bei Gracetown etwa 270 Kilometer südlich von Perth getötet worden. Dem 35-Jährigen hatte vermutlich ein Weißer Hai den Arm abgebissen. Wenige Wochen zuvor war an der Südküste bei Esperance ein Taucher von einem Weißen Hai angegriffen worden. Er überlebte nach einer zehnstündigen Operation.

Nicht im Beutespektrum der Haie

An der australischen Ostküste war seit 2008 kein Mensch mehr von einem Hai getötet worden. Hackfath sagte, in der Gegend um Coffs Harbour könne man sich nur an wenige Haiattacken erinnern. „Wir sehen Haie, aber wir gehen davon aus, dass man sich keine Sorgen machen muss, weil sie gut genährt sind. Man sieht immer wieder einen, aber sie jagen dann Fischen hinterher. In 20 Jahren kann ich an einer Hand abzählen, wie viele Zwischenfälle wir mit Haien hatten.“

Prinzipiell gehören Menschen laut Experten nicht zum Beutespektrum einer Haiart. Haie testen jedoch gelegentlich Menschen auf ihre „Beutetauglichkeit“ - und zwar durch aus ihrer Sicht vorsichtige Bisse, die dazu dienen, das ihnen unbekannte Lebewesen zu schmecken. Danach drehen sie meist ab. Allerdings kann selbst ein „vorsichtiger Testbiss“ eines großen Hais schwere oder auch tödliche Verletzungen nach sich ziehen.

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