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„Groteske“ Pseudoepidemie

Immer mehr Kinder nehmen Psychopharmaka. Neue Zahlen belegen, dass sich entsprechende Verschreibungen in den USA in den letzten zehn Jahren verdreifacht haben. Die Vereinigung Amerikanischer Psychiater (APA) stemmt sich diesem Trend nun entgegen - mit der Forderung nach einem Verschreibungsstopp, außer bei eindeutig diagnostizierten psychischen Krankheiten bei Kindern.

Vom Verschreibungsstopp ausgenommen wissen will die APA etwa Schizophrenie, andere psychotische Erkrankungen und schwere Ticks. Für alle anderen Fälle - vor allem die immer verbreitetere Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom) - rät die Vereinigung dringend ab. Wie ernst es den Psychiatern mit der Warnung ist, lässt sich allein schon daran ablesen, dass die APA damit ihre eigene Existenz gefährdet: Sie wird vor allem durch Zuwendungen der großen Pharmafirmen finanziert.

Je jünger, desto schlimmere Folgen möglich

Die aktuellen Zahlen zum Thema lassen sich jedoch nicht mehr ignorieren. Sie belegen etwa, dass die Häufigkeit der Verschreibung von Psychopharmaka eindeutig mit dem sozialen Status zu tun hat - ginge es tatsächlich nur um die zutreffende Diagnose einer Krankheit, müsste diese aber quer durch alle Bevölkerungsschichten gleich häufig anzutreffen sein. Auch der US-Konsumentenschutzverband Consumer Reports nimmt sich des Themas nun mit einem großen Dossier an.

In dem Report wird etwa eindringlich vor Spätfolgen der Psychopharmaka-Einnahme von Kindern gewarnt. Die Präparate sind in Wahrheit auf Erwachsene ausgelegt. Was die Pillen in einem in Entwicklung befindlichen Hirn anstellen, sei in keiner Weise geklärt, wird betont - und darauf verwiesen, dass bereits Zweijährigen bei allzu häufigen ADHS-Diagnosen entsprechende Medikamente gegeben werden. „Je jünger du damit anfängst, desto mehr kann es dein Gehirn beeinträchtigen“, wird Uniprofessor Christopher Bellonci zitiert.

Beweise für Wirksamkeit auf wackeligen Beinen

Aus der Sicht der Konsumentenschützer ist zudem nicht einmal geklärt, ob die betreffenden Mittel - mögen sie nun Ritalin, Concerta, Medikinet oder Strattera heißen - bei landläufigen ADHS-Diagnosen überhaupt etwas bewirken. Alles in allem seien unter wissenschaftlichen Bedingungen erst weniger als 3.000 Kinder, die Psychopharmaka nehmen, beobachtet worden, und auch das in den meisten Fällen weniger als acht Wochen lang - schwerlich ein fundierter Beweis für die Wirksamkeit der betreffenden Präparate, wie Consumer Reports warnt.

Von einer „Katastrophe von bedrohlichen Ausmaßen“ spricht gegenüber der „New York Times“ („NYT“) der Psychologe Keith Conners. Er war einer der federführenden Mediziner im Kampf um die schulmedizinische Anerkennung der Diagnose ADHS. Er bleibt jedoch auch nach fünf Jahrzehnten der Forschung dabei, dass die Krankheit drei bis fünf Prozent aller Kinder betrifft - und nicht 15 Prozent, die es nach aktuellen US-Verschreibungsdaten sein müssten. Alles sehe danach aus, als gebe es eine „Epidemie“, so Conners. Das sei aber schlicht „grotesk“.

„Medikamentenvergabe schönreden“

Die Faktoren, die zur Psychopillen-Schwemme bei Kindern führen, sind für Conners ein „Mischmasch“, das einzig und allein dafür da sei, „die Vergabe von Medikamenten auf noch nie da gewesenem und nicht zu rechtfertigendem Niveau schönzureden“. Einer der Faktoren dieses „Mischmaschs“ sind dabei eindeutig die finanziellen Interessen der Pharmabranche. In ihrem großangelegten Magazinbeitrag über das Thema weist die „NYT“ Stück für Stück etwa fragwürdige Finanzflüsse und Marketingpraktiken der Psychopharmaka-Hersteller nach.

Psychopharmaka sind ein Milliardengeschäft: Schon 2003 wurden allein in den USA damit Umsätze von 2,8 Mrd. Dollar (zwei Mrd. Euro) gemacht. Das war allerdings verschwindend wenig gegen den aktuellen Wert von weit über 18 Mrd. Dollar. Und von Anfang an hatten die Pharmafirmen Eltern im Visier, die ihre Kinder „dopen“ wollen - oder glauben, das tun zu müssen. Wurde anfangs noch damit geworben, dass Kinder durch die Präparate „braver“ oder „leistungsfähiger“ seien, bemächtigte sich die Industrie später aggressiv des Themas ADHS.

Fragwürdige Geldflüsse

Neben personellen und finanziellen Verflechtungen - die lautesten Befürworter der Medikation von ADHS werden oft über Umwege von Pharmafirmen bezahlt - deckt der „NYT“-Artikel auch auf, dass die maßgebende ADHS-Eltern-Selbsthilfegruppe CHADD de facto von Ritalin-Produzent Ciba-Geigy erhalten wird. Dazu kommen in den USA fragwürdige Marketingpraktiken wie direkt an Schulen verteilte Comic-Werbebroschüren und Kampagnen mit Boyband-Mitgliedern als Psychopharmaka-Fürsprecher.

Es gibt jedoch auch Zeichen für ein Umdenken. Zum einen wurden erst im November Pharmafirmen für ihre Werbepraktiken zu einer Strafe von 2,2 Mrd. Dollar verdonnert, zum andern melden sich nun auch Kritiker lauter zu Wort. Gegenüber der „NYT“ sagte etwa der Psychiater Tyrone Williams, dass abseits schwerer psychischer Erkrankungen Antworten „manchmal so einfach sind und kein Ärzterezept brauchen“: „Wie wär’s mit acht Stunden Schlaf, Mama, weil vier einfach nicht reichen?“ Oft verschwinde das vermeintliche ADHS dann „wie von Zauberhand“.

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