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Nüsse aus der Türkei, Kakao aus Afrika

Wie viele Länder stecken in einem Glas Nutella? In einer langjährigen Studie über die Auswirkungen der Globalisierung hat sich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Wertschöpfungsketten einzelner Produkte genauer angesehen. Am Beispiel eines Nutella-Glases wird gezeigt, wie global vor allem Lebensmittel bereits geworden sind.

Rund 250.000 Tonnen Nutella werden jedes Jahr in 75 verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt verkauft, wie die OECD vorrechnet. Längst stellt Ferrero seinen Nougatbrotaufstrich nicht mehr ausschließlich in Italien her, sondern hat die Produktion in die ganze Welt verlagert. Dazu kommen Verkaufsbüros auf allen fünf Kontinenten - und eine Zutatenliste, die ähnlich international ist.

Fabriken rund um den Globus

Ferreros Hauptsitz ist seit der Gründung 1946 in der kleinen piemontesischen Stadt Alba, mittlerweile wird Nutella in neun weiteren Fabriken auf der ganzen Welt hergestellt: Fünf stehen in Europa, jeweils eine in Russland, Nordamerika und Australien und zwei in Südamerika. In Asien existiert bisher noch keine Fabrik, da sich dort die Haselnusskakaocreme nur mäßig verkauft.

Karte zeigt die weltweiten Nutella-Produktionsstandorte

APA; ORF.at

Überblick über die Beteiligungen von Ländern an der Herstellung von Nutella

Nur die Milch ist noch regional

Der Vorteil der weit verteilten Produktionsstandorte ist die Nähe zum Endkunden. Umgekehrt müssen die einzelnen Zutaten einen langen Weg zurücklegen, wie die OECD-Studie zeigt. Die mehr als 50.000 Tonnen Haselnüsse, die in einem Jahr verarbeitet werden, kommen aus der Türkei, den Kakao bezieht Ferrero aus Nigeria, Zucker kommt aus Brasilien und Europa, Palmöl wird aus Malaysia, Vanille aus Frankreich geliefert. Nur die Milch und Teile der Verpackung stammen zu einem Großteil von regionalen Herstellern.

Nutella ist damit ein Paradebeispiel für globale Wertschöpfungsketten im Lebensmittelbereich. Unter Wertschöpfungsketten werden alle Aktivitäten verstanden, die ein Unternehmen setzen muss, bis ein Produkt oder eine Dienstleistung beim Endverbraucher ankommt. Neben den notwendigen Rohstoffen fallen auch Verpackung, Finanzierung, Maschinen, Strom und Transport hinein.

Hälfte der Importe Produktvorstufen

Mit dem Fortschreiten der Globalisierung sind die Prozesse einer zunehmenden geographischen Zerstückelung unterworfen. Nicht nur Rohstoffe, auch Energie, Know-how und Finanzierung kommen mittlerweile aus allen Teilen der Welt. Mehr als die Hälfte aller weltweiten Importe sind nicht mehr fertige Produkte, sondern Rohstoffe, Komponenten oder Teilleistungen, die erst zu dem Endprodukt verarbeitet werden müssen. Bei Dienstleistungen sind es sogar über 70 Prozent der Importe.

Das Beispiel Nutella zeigt gut, wie weit sich die globalen Wertschöpfungsketten im Agrar- und Lebensmittelbereich mittlerweile erstrecken. Aber auch in anderen Branchen werden die Wege bis zum Endprodukt immer länger. Die OECD hat sich in ihrer aktuellen Studie auch die Branchen Chemie, Transport, Automobile, Elektronik, Finanzierung und Unternehmensdienstleistungen angesehen, wo jedes Produkt mittlerweile mehrere Verarbeitungsstufen durchläuft.

Wege werden immer länger

Diese Zusammenhänge prägen nicht nur die globalen, sondern auch die nationalen Ökonomien im Bereich Handel, Investitionen und industrielle Entwicklung entscheidend mit. Die meisten Studien haben sich jedoch bisher mit der Situation für einzelne Produkte oder den Zusammenhängen zwischen einzelnen Ländern beschäftigt, die globalen Zusammenhänge wurden bisher noch nicht hinlänglich untersucht.

Deshalb hat die OCED in Zusammenarbeit mit der Welthandelsorganisation (WTO) vor vier Jahren ein Langzeitprojekt gestartet, bei dem 40 Länder und 18 Branchen in die Betrachtung miteinbezogen werden. Ziel ist es, den gesamten Welthandel abzubilden und den Stellenwert der einzelnen Länder in den derzeitigen und zukünftigen Wertschöpfungsketten abzubilden.

So zeigt sich in der vorliegenden Untersuchung unter anderem, dass die Distanz zum Endkunden nur in wenigen Ländern wie etwa Kambodscha, Rumänien und der Slowakei seit 1995 abgenommen hat. Überall sonst hat das „Outsourcing“-Phänomen der letzten Jahre dazu geführt, dass sich die Wege deutlich erhöht haben. Spitzenreiter sind hier Brunei, China und Saudi-Arabien.

Fleisch hat die längsten Wertschöpfungsketten

Betrachtet man die Ergebnisse nur für Lebensmittel, ist auch Österreich unter den Top Ten (Platz neun). Die Liste wird angeführt von Südkorea, Malaysia, Norwegen und Finnland. Deutschland liegt mit Platz 26 im Mittelfeld, aber noch vor den USA (28) und Italien (31). Besonders kurz sind die Wertschöpfungsketten für Nahrungsmittel in Rumänien, Großbritannien und Litauen.

Bei genauerer Analyse zeigt sich, das sich vor allem Länder mit hohem Fleischkonsum auf den vorderen Indexplätzen wiederfinden. Die OECD verweist in dem Zusammenhang auf eine Untersuchung von der Universität von Colorado aus dem Vorjahr, die belegt hat, dass Fleischprodukte wie Wurst und Fertiggerichte deutlich längere Wertschöpfungsketten aufweisen.

Exportanteile bei Entwicklungsländern am höchsten

Den höchsten Agraranteil an Exporten weisen Kambodscha, Vietnam und Brasilien auf. Österreich liegt im hinteren Viertel der von der OECD untersuchten Länder, aber noch vor Italien, Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. Schlusslichter sind Japan, Südkorea und Singapur.

Auch hier lohnt ein Blick in die Tiefe. Zwar weisen sowohl China als auch Indien in etwa einen gleich hohen Exportanteil auf. Doch während Indien vornehmlich Produkte herstellt, die nach wenigen Verarbeitungsschritten beim Endkunden landen und damit vergleichsweise kurze globale Wertschöpfungsketten aufweisen, sind Produkte aus China an viel längeren Produktionsschritten beteiligt. Denn Chinas Exportstärke ist vornehmlich Know-how, das in der Landwirtschaft in anderen Ländern benötigt wird.

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