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Mysteriöse Anschlagsserie in Japan

Anne Frank, ein jüdisches deutsches Mädchen, das 1934 mit seinen Eltern in die Niederlande floh und kurz vor dem Kriegsende dem nationalsozialistischen Holocaust zum Opfer fiel, ist eine symbolträchtige Figur in Japan. Nun erregen systematische Beschädigungen ihres weltberühmten Tagebuchs in zahlreichen Büchereien Tokios für weltweites Aufsehen.

Unbekannte zerstörten in der japanischen Hauptstadt Hunderte Ausgaben des „Tagebuchs der Anne Frank“ sowie Bücher über Anne Frank. Mitarbeiter verständigten die Polizei, nachdem sie mehrere Druckexemplare mit ausgerissenen Seiten gefunden hatten, wie die Bibliotheksbehörden am Freitag mitteilten. Insgesamt wurden seit Jänner 265 demolierte Exemplare in 31 Bibliotheken entdeckt.

Zerstörtes Buch von Anne Frank

AP/Koji Ueda

Kotaro Fujimaki, Leiter der städtischen Bücherei im Bezirk Shinjuku, zeigt ein Buch mit herausgerissenen Seiten

„Wir wissen nicht, warum das passiert ist und wer es getan hat“, so Behördenvertreter Satomi Murata. Es seien Beschwerden aus fünf der 23 Bezirke in Tokio eingegangen. Das genaue Ausmaß des Schadens sei aber noch nicht abzusehen. "Jedes einzelne Buch, das unter Anne Frank beschlagwortet ist, sei in irgendeiner Form beschädigt worden, wird der Bibliotheksmitarbeiter im Bezirk Suginami, Toshihiro Obayashi, vom britischen Nachrichtensender BBC zitiert. 119 Bücher wurden hier zerstört. Nach Angaben des Archivleiters der Zentralbibliothek im Bezirk Shinjuku wurden aus jedem Buch „zehn bis 20 Seiten herausgerissen, um es unbrauchbar zu machen“.

Identifikationsfigur für viele Japaner

Das beeindruckende Tagebuch der Anne Frank, die sich von 1942 bis 1944 mit ihrer Familie vor den Nazis in einem Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 267 versteckte, gehört zu den meistgelesenen Büchern der Welt und wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Ihr Vater Otto Frank veröffentlichte das Tagebuch nach dem Krieg. Es gilt als ein historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust und die Autorin als Symbolfigur für alle Opfer der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus.

Das Schicksal des Teenagers - Anne Frank starb 15-jährig kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen - hat in der japanischen Gesellschaft einen besonderen Stellenwert. „Anne Frank symbolisiert das ultimative Opfer des Zweiten Weltkriegs“, wurde der französische Journalist Alain Lewkowicz in einem Artikel über die japanische „Anne-Frank-Obession“ in der internationalen Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency (JTA) unlängst zitiert. Die meisten Japaner identifizierten sich mit dem jüdischen Mädchen, da sie ihr Land wegen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ebenfalls als Opfer des Nationalsozialismus betrachteten - ungeachtet der Rolle, die Japan im Zweiten Weltkrieg spielte.

Simon-Wiesenthal-Zentrum fordert Ermittlungen

In Japan erschien die erste Übersetzung bereits 1952, somit ein Jahr vor der Übersetzung ins Hebräische. Das Tagebuch der Anne Frank ist ein langjähriger Bestseller - in absoluten Zahlen geschlagen nur von den USA, so Rotem Kowner, Experte für japanische Geschichte und Kultur an der israelischen Universität in Haifa. Jüngere Generationen lesen meist eine der mindestens vier existierenden Manga-Comic-Versionen. Es gibt drei japanische Animationsfilme über Anne Frank.

Ein Regierungssprecher nannte den Vandalismus an den Büchern „extrem bedauerlich und beschämend“. Das US-amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum forderte Ermittlungen. Das Ausmaß der Vorfälle lege nahe, dass es sich um einen organisierten Versuch handle, das Andenken an Anne Frank zu verunglimpfen, erklärte der Rabbiner Abraham Cooper.

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