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Geheimes 7.000-Meter-Bohrloch

Der Energiebedarf Chinas für seine 1,3 Milliarden Einwohner ist enorm. Im vergangenen Jahr überholte die Volksrepublik die USA als weltgrößter Ölimporteur. Diese Abhängigkeit macht Peking zu schaffen. Ein Gasliefervertrag mit Russland soll bereits in der Zielgeraden sein. Zudem werden Milliarden in die Erschließung eigener Öl- und Gasreserven investiert.

Dabei scheut China auch vor extremen Bedingungen nicht zurück. Wie die „South China Morning Post“ berichtete, wurde im Hochland von Tibet, dem „Dach der Welt“, bei der Suche nach Öl- und Gasressourcen mit sieben Kilometern das tiefste Bohrloch in dieser Höhe gegraben. Das tibetische Plateau, das höchste der Welt, liegt auf durchschnittlich 4.500 Meter Höhe, der höchste Gipfel ist 7.010 Meter hoch.

Stadtansicht von Lhasa, Tibet

Reuters

Ein Blick auf die tibetische Hauptstadt Lhasa

Die Bohrungen sollen Aufschluss darüber geben, welche Kohlenwasserstoff- und Mineralressourcen es in der Region gibt. Welche Unternehmen konkret dahinter stecken und wo sich das Loch befindet, will die Regierung nicht sagen. Im Prinzip teilen sich die beiden größten staatlichen Energieunternehmen, die China National Petroleum Corporation (CNPC) und die China Petroleum and Chemical Corporation (SINOPEC) den Markt auf.

Große Rohstoffvorkommen im Hochland

Die beiden Firmen machten keine Angaben über aktuelle mögliche Bohrungen in Tibet. Beide sind aber seit fast 20 Jahren in der Region aktiv, um nach Ölreserven zu suchen. Darüber hinaus bestätigte der Geologe Li Haibing von der chinesischen Akademie der geologischen Wissenschaften gegenüber der „South China Morning Post“, dass die Regierung einen Vorschlag über Bohrungen in zehn Kilometer Tiefe prüfe, um Studienbeispiele zu bekommen. Schätzungen zufolge könnten im tibetischen Hochland Schiefergasvorkommen gelagert sein, die zu den weltgrößten gehören. Bereits in den vergangenen Jahren wurden im Hochland riesige Vorkommen von Kupfer, Zink und Eisen gefunden.

Zumindest was die Gewinnung von Schiefergas insbesondere durch Fracking betrifft, zeichnete sich China schon bisher mit wenig Erfolg aus, berichtete die „Financial Times“ („FT“). Es fehle an Wettbewerb, und auch die Gewinnung sei schwieriger als in den USA, da die Vorkommen etwa im chinesischen Sichuan noch tiefer unter die Oberfläche gingen, so der Artikel. Zudem fehlten ein ausreichendes Pipelinesystem sowie das für das Frackingverfahren notwendige Wasserangebot. Gelingt es China, die Förderung von Schiefergas zu erhöhen, könnte das nicht nur die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren, sondern auch die Nutzung von Kohle zur Energiegewinnung. Das wiederum könnte helfen, das Smogproblem in Chinas Städten zu bekämpfen.

„Wasserturm Asiens“ gefährdet

Unproblematisch ist die Rohstoffsuche in Tibet allerdings nicht. Die Abgeschiedenheit der Region, die dadurch fehlende Infrastruktur, die dünne Höhenluft machen Forschung und Förderung extrem riskant und schwierig. Wei Wenbo, Geologe der chinesischen Universität für Geowissenschaften, warnte vor hohen Arbeits- und Logistikkosten: „Erkundung und Abbau von Mineralien in Tibet erfordern massiven Kapitalaufwand.“ Zudem sei das fragile Ökosystem Tibets mit einer großen Pflanzen- und Tiervielfalt durch die Bergbauprojekte in Gefahr. Schon jetzt macht sich der Klimawandel mit dem Abschmelzen von Gletschern und der voranschreitenden Wüstenbildung bemerkbar.

Die Schäden könnten sich aber weit über das Hochland von Tibet hinaus auswirken. Die Region, umgeben von Ländern wie Indien, Bhutan und Burma, gilt auch als „Wasserturm Asiens“. Das Hochplateau dient als Wasserquelle für wichtige Flüsse wie den Brahmaputra in Indien und Bangladesch sowie den Mekong, der durch Südostasien vom Vietnam über Laos bis nach Kambodscha fließt. Insgesamt leben rund 1,3 Milliarden Menschen im Einzugsgebiet dieser vom tibetischen Plateau gespeisten Flüsse. Zudem kommen 30 Prozent der Frischwasserressourcen Chinas aus dieser Region, wie aus einem Bericht über die Umweltverantwortung Tibets hervorgeht.

Wasser in China knapp

Wird diese Wasserquelle gefährdet, könnte das für die Nachbarländer und auch für China selbst rasch zum Nachteil werden. Schon jetzt kämpft China mit Wasserknappheit. In den letzten Dekaden verschwanden Tausende Flüsse wegen geringerer Niederschläge, Dürre, Bevölkerungs- und Industriewachstums. Besonders Peking kämpft mit dem Problem von zu geringen Wasserressourcen. Rund 120 Kubikmeter stehen jedem Pekinger im Schnitt pro Jahr zur Verfügung. Die UNO spricht bereits bei einer Menge von 500 Kubikmeter von einer Situation von „völligem Wassermangel“, berichtete das Internetmagazin Quartz.

Die Weltbank bezifferte die jährlichen Kosten von fehlendem oder verschmutztem Wasser in China auf 2,3 Prozent des BIP. Einen großen Anteil am Wasserverbrauch hat auch die Energiegewinnung. So kommen derzeit etwa drei Viertel des Energieverbrauchs aus der Kohleproduktion. Allein ein Sechstel des Wasserverbrauchs fließt dorthin, zeigt eine Analyse der Großbank HSBC. Und der Energieverbrauch Chinas wird weiter steigen. Bis 2040 könnte sich Angaben der Universität Oxford zufolge die Nachfrage mehr als verdoppeln.

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