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Neue Dimension der Gewalt

Laut neuen offiziellen Angaben vom Montag werden in Nigeria 234 Mädchen nach einer Massenentführung in der Nacht vom 14. auf den 15. April vermisst. Bisher ging man von 85 Entführungsopfern aus. Die neuen Zahlen wurden bekanntgegeben, nachdem der Gouverneur des betroffenen Bundesstaates Borno erstmals mit den Eltern der Mädchen sprechen konnte.

Das nigerianische Militär hatte Gouverneur Kashim Shettima bisher de facto verboten, in die Stadt Chibok zu fahren, wo die Entführung stattgefunden hatte. Der Bundesstaat Borno ist das Machtzentrum der radikalislamischen Sekte Boko Haram, die hinter der Entführung vermutet wird. Aus Shettimas Umkreis hieß es, die Eltern hätten sich bei ihm beschwert, dass die örtlichen Behörden die Entführung seit einer Woche kleinzureden versuchten.

Eltern durchkämmen Wald auf eigene Faust

Die Mädchen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren waren unmittelbar vor einem Physiktest entführt worden. Es wäre nicht die erste derartige Entführung durch Boko Haram. Die Extremisten missbrauchen Frauen häufig als Sexsklavinnen. Rund 50 Mädchen soll seit der Entführung die Flucht gelungen sein. Gesicherte Informationen über die näheren Umstände der Tat gibt es jedoch nicht. Das Militär hatte zuletzt verlautbart, nur noch acht Schülerinnen würden vermisst, zog die Angaben jedoch danach ohne Nennung von Gründen wieder zurück.

Das Militär dehnte die Suche am Osterwochenende Medienberichten zufolge auch auf die Grenzregionen zu den Nachbarländern Kamerun, Tschad und Niger aus. Es wird befürchtet, dass die Täter die Jugendlichen aus dem Sambisa Forest, wo sie sich verschanzt halten sollen, in andere Länder schmuggeln wollen. Auch Eltern und privat organisierte Bewohner von Chibok durchkämmten auf eigene Faust den Sambisa Forest auf der Suche nach den Mädchen.

Weitere Schule angegriffen

Am Ostersonntag griff Boko Haram eine weitere Schule an, dieses Mal in Yana im Bundesstaat Bauchi. Dabei sei ein fünfjähriges Mädchen getötet worden, sagte Polizeisprecher Haruna Mohammed gegenüber der Nachrichtenagentur NAN. Die Täter hätten unter anderem mehrere Häuser auf dem Schulgelände sowie den Schulbus in Brand gesetzt. Jedoch seien alle Schüler in Sicherheit, fügte Mohammed hinzu. Die Taten ergeben das Bild einer neuen Dimension der Gewalt in Nigeria.

Die radikalislamische Sekte bekannte sich mittlerweile auch zu dem verheerenden Anschlag auf einen Busbahnhof in der Hauptstadt Abuja, bei dem ebenfalls am 14. April vermutlich über 200 Menschen ums Leben gekommen waren. In einem Video nannte Sektenchef Abubakar Shekau das Attentat einen „kleinen Zwischenfall“. Er kündigte weitere Anschläge an. Zu den entführten Schülerinnen äußerte er sich nicht. Dem Terror von Boko Haram fielen seit Anfang 2014 mindestens 1.500 Menschen zum Opfer.

Neue Terrorallianz?

Die Regierung, die bereits vor gut einem Jahr den Ausnahmezustand über die Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa verhängt hatte, scheint bisher hilflos in ihrem Kampf gegen die Gewalt. Die neuen Gewalttaten könnten zudem Zeichen einer bedrohlichen neuen Terrorallianz sein: Die Zeitung „Punch“ berichtete am Montag, die somalische islamistische Terrorgruppe al-Schabaab habe Boko Haram bei dem Attentat auf den Busbahnhof unterstützt. Das Blatt berief sich auf einen ranghohen Militärsprecher, der anonym bleiben wollte.

Die Al-Schabaab-Miliz war unter anderem für den schweren Anschlag auf das Einkaufszentrum Westgate in der kenianischen Hauptstadt Nairobi mit Dutzenden Toten verantwortlich. Die Islamisten fordern einen Abzug kenianischer Truppen aus Somalia, während Boko Haram die Abspaltung eines streng islamistischen Staates von Nigeria anstrebt. Mittlerweile sollen die Al-Schabaab-Milizen dem Bericht zufolge den nigerianischen Extremisten nicht nur logistisch helfen, sondern Seite an Seite mit ihnen kämpfen.

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