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Kaiser, König, Bettelmann

Thomas Piketty, ein Wirtschaftswissenschaftler an der Paris School of Economics, war bis vor kurzem wenigen ein Begriff. Seit sein Monumentalwerk über die ungleiche Verteilung von Reichtum, „Le Capital au XXIe siecle“, in der englischen Übersetzung („Capital in the Twenty-First Century“) erschienen ist, hat sich das radikal geändert.

Piketty hatte als 18-Jähriger sein Erweckungserlebnis als Wirtschaftswissenschaftler: eine Rumänien-Reise kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wie er im Interview mit der „New York Times“ erzählt. Pikettys Eltern waren Linke in der Tradition der französischen 68er gewesen.

Aber nach dieser Reise konnte er nicht mehr zurück in seine geistige Kinderstube - in die antikapitalistische Kampfrhetorik. Der Kommunismus hatte zur Verelendung und Gleichschaltung geführt. Privateigentum und freiere Märkte, schloss Piketty, müssen eine wichtige Funktion haben, nicht nur, aber auch für die Entwicklung persönlicher Freiheit.

Nur keine Ideologie

Diese Erfahrung dürfte dafür verantwortlich sein, dass nun, 24 Jahre später, ein 696 Seiten dicker Wälzer zum Thema Kapitalismus in den Bestsellerlisten auftaucht. Zuerst sorgte das Buch in Frankreich für eine rege Debatte und verkaufte sich besser, als jemals zu erwarten gewesen wäre. Deshalb wurde der Erscheinungstermin der Übersetzung in den USA vorverlegt. Dort ging die öffentliche Diskussion erst richtig los.

Pikettys Ansatz, mit dem er bewusst kokettiert: Er geht strukturkonservativ an ein progressives Thema heran und erschließt sich so Leser aus beiden Lagern. Strukturkonservativ, das heißt bei ihm, Philosophen und Wirtschaftstheoretiker werden wohl zitiert, in seinen Schlüssen gibt sich Piketty auch systemkritisch, im Zentrum seiner Forschung stehen aber scheinbar unumstößliche harte Daten, als Autor kann sich Piketty sinngemäß auf den Standpunkt zurückziehen: Ich bin doch nur Datensammler, ich lasse doch nur die Statistik für sich selbst sprechen, ich bin doch kein Ideologe.

Arbeiterinnen am Fließband einer Spirituosenfabrik in Dresden 1958

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Arbeitswelten einst und jetzt: Hier im Bild Arbeiterinnen am Fließband der Spirituosenfabrik VEB Bransch Dresden - zu Zeiten der DDR

Nur das Personal wurde ausgetauscht

Das kommt beim großen Publikum gut an, auch deshalb, weil Pikettys akribisch recherchierte und von moderner Software ausgewertete Daten, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, bestätigen, was jeder weiß: Die Armen werden tendenziell ärmer, die Reichen tendenziell reicher. Die Entwicklung läuft mit Unterbrechungen infolge von Kriegen („Wirtschaftswunder“-Zeiten).

Und vom Feudalismus über die Industrialisierung bis zur Dienstleistungsgesellschaft hat sich an der Schere zwischen den Besitzenden und Besitzlosen nicht viel geändert, nur das Personal wurde erweitert oder ausgewechselt. Kaiser, König, Edelmann; Bürger, Bauer, Bettelmann? Chairman, Leiter, Aktionär; Bobo, Hackler, Dienstleister.

Status, Reichtum und Vererbung

Zum Erfolg Pikettys trägt bei, dass sein Buch in verständlicher Sprache gehalten hat und als französischer Wissenschaftler dennoch nicht ganz in den allzu plakativen Sachbuchstil von US-Kollegen verfällt. Einer, der neben Kollegen wie Joseph E. Stiglitz und Thomas L. Friedman für diese sehr einfache, bildhafte Schreibe steht, ist Nobelpreisträger, Vielschreiber und Princeton-Professor Paul Krugman. Und Krugman outete sich als großer Piketty-Fan.

Krugmans Text über „Capital in the Twenty-First Century“ in „The New York Review of Books“ ist eine gute und ausführliche Zusammenfassung von Pikettys Buch für alle, denen das Warten auf die deutsche Übersetzung zu lange dauert, die aber trotzdem keine Lust auf 696 Seiten englischsprachige oder französische Wirtschaftswissenschaft haben. Krugman hebt einige zentrale Punkte aus dem Buch hervor, etwa das Aufräumen mit dem Mythos, früher seien Status und Reichtum vererbt worden, heute jedoch nicht mehr.

Pikettys Tabubruch

Ganz im Gegenteil, gibt Krugman Piketty recht: Der Kapitalismus der letzten Jahrzehnte habe längst patriarchal organisierte Dynastien hervorgebracht. Und das ganz besondere Verdienst von Piketty sei es, mit so viel Datenmaterial als Basis ein Tabu gebrochen zu haben, das viele Wirtschaftswissenschaftler bis zuletzt hochgehalten hätten: dass es gefährlich und wenig zielführend sei, die Reichsten und die Ärmsten zu vergleichen.

Gerade hier würden Pikettys Statistiken beweisen, so Krugman, dass ein zentraler Zusammenhang bestehe, den man keineswegs übersehen dürfe. Der Reichtum des reichsten „one percent“ habe ursächlich mit der Armut der Ärmsten zehn Prozent zu tun. Und von der Gruppe der Ärmsten zu jener der Reichsten zu wechseln, sei heute so schwer wie in vorkapitalistischen Zeiten.

„Rockstar der Linken“

Krugman lobt auch Pikettys kulturgeschichtliche Bezüge, etwa auf Honore de Balzac. Schon Balzac habe in seinem „Le Pere Goriot“ jemanden sinngemäß empfehlen lassen: Um reich zu werden, musst du reich heiraten, also an den vererbten Reichtum herankommen, weil es nur den allerwenigsten gelingt, sich durch eigene Kraft von ganz unten nach ganz oben durchzukämpfen.

Es sind nicht wenige Kommentatoren, die in Krugmans Horn stoßen. Aber Piketty hat auch harte Kritiker unter Wirtschaftswissenschaftlern. Er kritisiert Karl Marx, er arbeitet sich an Marx ab, aber er orientiert sich auch an Marx, nicht zuletzt heißt sein Buch ja „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Carrie Sheffield nennt Piketty im Wirtschaftsmagazin „Forbes“ verächtlich einen „Rockstar der Linken“. Sie verweist dabei auf einige Kollegen, die dem Franzosen schludrigen Umgang mit dem Datenmaterial vorgeworfen haben.

Wo die Ungleichheit zu finden ist

Und auch die Gesamtausrichtung des Buches stellt Sheffield in Frage. Wer die Ungleichheit thematisiere, solle sich nicht auf die Gehälter konzentrieren, sondern auf die Gesamtheit der Lebensumstände. Sheffield schreibt es nicht so, aber sie meint damit: Armut früher hieß mit rudimentärer medizinischer Versorgung auskommen, in fragwürdigen hygienischen Umständen leben und vom Hungertod bedroht sein. Wer heute als arm gelte, sitzt trotzdem auf der Couch vor dem Fernseher und geht zu McDonald’s.

Piketty gegen dieses Argument zu verteidigen, fällt leicht. Die bitterste Form von Armut wurde durch die Globalisierung ausgelagert, in Länder, in denen Gewerkschaften nicht jene Macht haben wie in Europa. Sheffield will dieselbe Form von Armut sehen wie im Mittelalter? Es seien ihr „Megacities“ und „Workingman’s Death“ des diese Woche verstorbenen österreichischen Filmemachers Michael Glawogger empfohlen. Dort sieht man Menschen im Dreck wühlen und um ihr Überleben kämpfen.

Selbstverständliches als Sensation

Die Conclusio Pikettys ist folgerichtig genauso wenig spektakulär wie seine Grundannahme, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. Er fordert vermögensbezogene Steuern und zusätzlich supranationale Regelungen, die zu mehr Verteilungsgerechtigkeit führen. Dass er damit international für so viel Aufregung sorgt und bei Amazon in den USA auf Platz eins der Sachbuchbestsellerliste gelandet ist, sagt mehr über die heutige Zeit und Gesellschaft aus als der Inhalt des Buches.

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