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Neuausrichtung des Fachs gefordert

In einem „Manifest gegen die Krise der Ökonomie“ fordern Wirtschaftsstudenten aus 19 Ländern eine Neuausrichtung ihres Fachs. Nicht nur die Wirtschaft stecke in der Krise, sondern auch „die Art, wie Ökonomie an den Hochschulen gelehrt wird“, kritisieren die Autoren des Aufrufs, darunter auch Volkswirtschaftsstudenten der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien.

Die International Students Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE) ortet derzeit eine „besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschärft hat“. Und weiter: „Die derzeitig fehlende intellektuelle Vielfalt beschränkt nicht nur Lehre und Forschung, sie behindert uns im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.“

Der Aufruf wird auch von Forschern unterstützt, darunter der Autor des derzeitigen Wirtschaftsbestsellers „Economy in the 21st Century“, Thomas Piketty. Aus Österreich sind der Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien, Markus Marterbauer, WU-Professor Wilfried Altzinger und Elisabeth Springler von der FH des BFI Wien unter den Erstunterzeichnern.

Paradigmenwechsel in den 70ern

Die Kritik an der Lehre an den Universitäten kommt freilich nicht von ungefähr. Marktliberale Ansätze verdrängten in den 70er Jahren das dominante Paradigma des Keynesianismus. Der Kampf gegen die Inflation wurde zum wichtigsten Ziel, staatliche Interventionen und Investitionen unter anderem zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurden verpönt.

Sogar am Höhepunkt der Wirtschaftskrise wurden aus dieser Sichtweise Programme zum Ankurbeln der Konjunktur, wie sie von EU-Staaten und auch den USA beschlossen wurden, kritisch beäugt. Den wenigen verbliebenen Vertretern postkeynesianischer Ansätze fiel es lediglich zu, gegen die „neoliberalen“ Theorien zu wettern: Die Markttheorien hätten nicht nur die Krise verursacht, sie seien auch als Krisenbekämpfungsinstrumente völlig ungeeignet.

Unterschiedliche Perspektiven gefordert

Diese Konfliktlinien zeichnen sich auch an den Universitäten ab: Die Studierenden, die in Wien die „Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien“ gegründet haben, fordern vor allem eine Öffnung gegenüber alternativen Lehrmeinungen. „Wir maßen es uns nicht an, die endgültige Richtung zu kennen, sind uns aber sicher, dass es für Studierende der Ökonomie wichtig ist, sich mit unterschiedlichen Perspektiven und Ideen auseinanderzusetzen.“ Derzeit würden die Lehrpläne meist den Stand der Wissenschaft nicht abbilden.

Lehrpläne nur auf Mainstream ausgerichtet

„Während in anderen Disziplinen Vielfalt selbstverständlich ist und sich widersprechende Theorien als gleichberechtigt gelehrt werden, wird die Volkswirtschaftslehre häufig dargestellt, als gäbe es nur eine theoretische Strömung mit eindeutigem Erkenntnisstand.“ „Niemand würde einen Abschluss in Psychologie ernst nehmen, der sich nur mit Freudianismus beschäftigt, oder ein politikwissenschaftliches Studium, in dem nur der Leninismus auftaucht“, kritisieren die Studenten.

Dabei gebe es an der WU wenigstens das Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie: Dass alternative Ansätze institutionell verankert sind, sei international schon ein Fortschritt. Allerdings bilde sich das zu wenig in den Lehrplänen ab, kritisieren die Studierenden gegenüber ORF.at. In den Pflichtfächern würde nur der marktliberale Mainstream gelehrt.

Gruppe will WU beim Wort nehmen

Die Initiative will daher eine stärkere Berücksichtigung von vom Mainstream abweichenden Ansätzen und so „die Realität in die Hörsäle zurückholen“. Neben den „für gewöhnlich gelehrten, auf der Neoklassik basierenden Ansätzen“ sei es nötig, auch andere Schulen wie die klassische, die postkeynesianische, die institutionelle, die ökologische, die feministische, die marxistische und die österreichische Tradition einzubeziehen.

Denn: „Eine Wirtschaftswissenschaft, die die Krise nicht vorhersagen, nicht analysieren und keine Schlüsse daraus ziehen kann, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie ihre Funktion erfüllt.“ Die Initiative in Wien will auch eigene Ringvorlesungen dafür organisieren. Bei der Gründung ihrer „Society for Pluralist Economics Vienna“ spielte auch die Übersiedlung auf den neuen WU-Campus beim Wiener Prater eine Rolle. Die bei der Eröffnung von der Universitätsführung ausgegebene Parole „Rethink Economy“ will man aus studentischer Perspektive ergänzen.

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