Themenüberblick

Vor 30 Jahren in Hainburg

Beide haben sie an der Besetzung der Au teilgenommen: Carl Manzano und Wolfgang Rehm. Manzano wurde Direktor des Naturparks Donau-Auen, Rehm betreibt die Umweltschutzorganisation Virus. Einer musste sich später mit dem System arrangieren. Der andere nicht. Alles begann 1984 im Hainburger Auwald, bei 17 Grad unter null.

Die ganze österreichische Donau sollte von einer flächendeckenden Kette von Wasserkraftwerken überzogen werden. Widerstand regte sich dagegen zunächst kaum. Die Atomkraft war verworfen worden, man war auf „saubere“ Energie aus. Manzano sagt, dass es die WWF-Sektion der Schweiz gewesen sei, die Umweltorganisationen in Österreich darauf aufmerksam gemacht habe, dass das Land gerade drauf und dran war, sein letztes unverbautes Stück Donau zu verlieren.

Für ihn selbst wurde der Widerstand gegen das Kraftwerk Hainburg zu einem bestimmenden Ereignis für sein weiteres Leben. Manzano erzählt, dass er mehr Aktionist als Biologiestudent war, und fügt scherzhaft hinzu, dass ihm das noch heute bei so mancher Wissenslücke schmerzhaft bewusst werde. Gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf ging er in den 70er Jahren buchstäblich auf die Barrikaden. Auch in Deutschland und Frankreich habe er an großen Demos teilgenommen - richtig wild sei es dabei zugegangen.

Von Revolutionsromantik zur Herzensangelegenheit

Für ihn sei dabei das politische Statement im Vordergrund gestanden, so Manzano. Wirklich Angst habe ihm die Atomkraft nicht gemacht. Dann kam jedoch Hainburg - und plötzlich fand sich Manzano, mittlerweile unterrichtete er an der Universität für Bodenkultur - in einer Sonderrolle wieder. Jetzt waren es die anderen, die auf die Barrikaden gingen, die politisch waren und die eigentlich die Au kaum bis gar nicht kannten.

Friedensreich Hundertwasser bei der Aubesetzung im Dezember 1984

APA/Kurier/Hubert Kluger

Aktivisten während der Aubesetzung

Bei ihm hatte sich die Revolutionsromantik schon ein wenig aufgebraucht. Dafür betraf ihn die Au persönlich, sie war ihm eine Herzensangelegenheit. Denn mit dem Schlauchboot durch die Flusslandschaften östlich von Wien zu rudern war ihm schon lange zur Passion geworden. Mit der U-Bahn zur Reichsbrücke, Schlauchboot aufblasen, rein in die Donau, manchmal bis Hainburg, teils mit Begleitern, oft auch alleine, manchmal sogar mehrmals pro Woche.

Das „Wunder“ von Hainburg

Für die Anti-Hainburg-Bewegung stellte er zunächst eine Broschüre mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen zusammen, manche von ihm selbst verfasst, manche von anderen Experten. Als im Dezember 1984 die Besetzung der Au begann, war an einen Sieg zunächst nicht zu denken, erzählt Manzano. Vor Wasserkraft hatte im Gegensatz zu Atom niemand Angst. Alle Parteien und die Gewerkschaft waren für das Kraftwerk. Es ging um ein reines Naturschutzthema. Dass die Protestbewegung obsiegt hat, „aus meiner Sicht ist das nach wie vor ein Wunder“.

Ein Wunder, an dem auch Wolfgang Rehm beteiligt war. Er war bei Hainburg noch ein Jungspund in Sachen Widerstand. Aber auch ihn verbanden wie Manzano starke Gefühle zur Au. Rehm wuchs im Marchfeld auf, die March- und Donau-Auen waren als Kind sein zweites Zuhause. 1984 - das war der Sommer seiner großen Freiheit. Die Matura hatte er hinter sich gebracht, das Studium war noch nicht losgegangen. Rehm begann sich zu engagieren.

„Erleuchtet über dem Boden geschwebt“

Dann kam, als großer emotionaler Höhepunkt, die Aubesetzung im Dezember, auch wenn sie vielleicht nicht so spektakulär war, wie es im Rückblick ausschaut, meint Rehm: „Wir sind damals voll der Erleuchtung einen Meter mit den Füßen über dem Boden geschwebt. De facto ist es so: Die meiste Zeit verbringst du mit Warten, beziehungsweise damit, dich zu bewegen - erstens, um dich warm zu halten, zweitens, weil große Distanzen zurückzulegen waren.“ Es dauerte ein bis eineinhalb Stunden zu Fuß von Stopfenreuth bis zum hintersten Ende des Bereiches, wo die Aktivisten ihr Lager hatten.

Schon in den ersten drei Tagen, erzählt Rehm, habe es drei Gendarmerieeinsätze gegeben: Einen gleich am ersten Tag, „wo von uns verhindert wurde, dass Rodungsarbeiten für die Errichtung des Bauzaunes beginnen. Ich war selbst an einer relativ exponierten Stelle, die in unserer Planung übersehen worden ist und wo der erste Vorstoß begonnen wurde, mit den Bauwagen hineinzufahren. Dort haben wir einmal gemerkt, wie das ist, solche Fahrzeuge aufzuhalten.“

„Du hältst das jetzt auf“

Plötzlich stehe man dort, die Baufahrzeuge führen weg, man höre vom Autoradio aus einen Bericht im Mittagsjournal darüber - und „auf einmal spürst du: Okay, das funktioniert, du kannst das tun. Du stehst jetzt dort und hältst das jetzt auf.“ Mehr als ein paar Bäume wurden am ersten Tag nicht gerodet. Derselbe kleine Bautrupp habe in den Folgetagen immer von der Polizei bewacht werden müssen und habe dann praktisch eine Enklave mitten im Geschehen gebildet: „Da hat es ein eigenes Lager von uns gegeben, das extra dafür eingerichtet wurde, die zu kontrollieren. Rundherum waren Barrikaden - die waren eingeschlossen.“

Und weiter: „Der zweite Tag war der entscheidende, weil sich der Widerstand neu formiert hat. Es waren mehr Leute in der Au. Die Gendarmerie hat es nicht mehr geschafft, sich da noch einmal durchzukämpfen. Am dritten Tag fanden Gespräche mit der Bundesregierung statt. Dann gab es seitens der Bundesregierung noch einmal einen Vorstoß, mit einem weiteren Einsatz für Unruhe zu sorgen.“

Die Polizei mit Lebensmitteln versorgt

Letztlich habe sich die Gendarmerie vor lauter Erschöpfung zurückgezogen, so Rehm - „weil es megamäßig anstrengend ist, Meter für Meter Leute wegzuschleppen. Während sie die einen wegtragen, kommen die anderen von hinten wieder retour.“

Ein Donau-Altarm im Nationalpark Donauauen

APA/Kovacs

Dafür haben sie gekämpft: die Au

Ab dem vierten Tag habe man versucht, das Protestcamp mittels einer Sperrverordnung auszuhungern: „Ab diesem Moment hatten wir keine Versorgungsprobleme mehr. Dann liefen massiv Lebensmittelspenden und Ähnliches an, die bis vor Ort kamen. Ich habe heute noch den Geruch von massig Mandarinen in der Nase, die da angeliefert wurden. Alles war zu weiträumig, als dass man einen Zustrom von Versorgungsmaterialien unterbinden hätte können. Teilweise haben wir noch die Gendarmerie, die schlecht aufgestellt war, mit Lebensmitteln mitversorgt, damit sie nicht verhungern.“

„Blecha-Platz“ mitten im Wald

Es folgte schließlich ein Versuch der Bautrupps samt Polizei, in der Nacht in das Rodungsgebiet vorzustoßen. Weil aber trotz Temperaturen von bis zu minus 17 Grad Menschen an Ort und Stelle waren und ein Vorgehen mit schwerem Gerät bei Dunkelheit zu gefährlich wurde, brach man auch dieses Vorhaben ab.

Zwei Tage später seien die Arbeiter mit noch mehr Einsatzkräften und Wiener Polizei erneut aufgetaucht. Man habe dort erstmals in Österreich NATO-Stacheldraht eingesetzt, also nicht normalen, sondern solchen mit Messerklingen und Widerhaken: „Um die Gewerkschafterversammlung am 19. Dezember in Hainburg zu besänftigen, hat man da ein eigentlich nicht zur Rodung vorgesehenes Gebiet zur Rodung freigegeben. Wir haben das nach dem damaligen Innenminister benannt: ‚Blecha-Platz‘. Mittlerweile ist es zugewuchert und nicht mehr sichtbar. Damals wurde es durchgeräumt.“

Der Geruch, wenn feuchtes Holz verbrennt

An dem Tag schwänzte Rehm die Proteste. Er hatte Führerscheinprüfung. In Wien fand eine große Demonstration statt. Der 20. Dezember war beiderseitig von Vorbereitungen geprägt: „Wir hatten für 21. noch einmal einen größeren Polizeieinsatz erwartet. Dementsprechend sind weiter Menschen in die Au geströmt. Letztendlich hat die Bundesregierung den Einsatz dann aber abgeblasen.“ Das Donau-Kraftwerk Hainburg war wenig später Geschichte.

Der Protest jedoch klang noch lange nach bei Rehm: „Die schmerzenden Füße von den langen Wanderungen. Der Unterschied, wenn man den Damm entlanggeht und wenn einem der Wind um die Ohren pfeift und wenn man dann in die Geborgenheit der Au eintaucht, wo es nicht zu kalt ist. Teilweise doch die deutlichen Minusgrade. Und: Wir hatten immer den Rauch in der Nase von den Lagerfeuern - weil das Holz nicht gerade trocken war.“

Natur- und Erholungsoase

Manzano erzählt, dass der Nationalpark schon vor der Besetzung als Gegenprojekt zum Kraftwerk propagiert worden war. Allerdings habe es überhaupt keine konkreten Überlegungen gegeben. Als plötzlich klar wurde, dass das Kraftwerk nicht gebaut würde, sei man an ihn herangetreten, das Nationalparkprojekt zu propagieren. Dabei habe er überhaupt keine Ahnung gehabt und zunächst improvisieren müssen.

Es galt zunächst, im Rahmen der Ökokommission zu bestimmen, was das überhaupt sein solle, der Nationalpark Donau-Auen, außer das Gegenmodell zu einem Kraftwerk. Schon bald sollte sich ein Modell durchsetzen - und Manzano wurde 1996 erster Direktor des neu gegründeten Nationalparks. Heute haben sich die Donau-Auen östlich von Wien als Naherholungsgebiet und Naturoase etabliert. Aber das Paradies ist durch mehrere Umweltfaktoren gefährdet.

Rehm und Manzano sind einander im Lauf der Jahre immer wieder gegenübergestanden und waren oft nicht einer Meinung, wenn es darum ging, wie man gegensteuern könne. Langsam stellt sich jedoch Konsens ein. Und außerdem hat man ja noch immer die Liebe zur Au gemeinsam, und das seit vielen, vielen Jahren.

Simon Hadler, ORF.at

Links: